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Shirley Temple bei einer Preisverleihung im Jahr 2006.

Shirley Temple ist tot

Das berühmteste Kind der Welt

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Die Kamera liebte Shirley Temple. Niemand konnte sich mitreißender freuen. Und niemand herzzerreißender weinen.. Zum Tod des legendären Kinderstars.

Ein Teil farblose Limonade, ein Teil Ginger Ale und ein Spritzer Grenadine: Auch ohne ihr direktes Zutun wurde Shirley Temple unsterblich, als Cocktail oder mit einem nach ihr benannten New Yorker Wolkenkratzer. Mitte der 30er Jahre war Shirley Temple das berühmteste Kind der Welt. „Solange unser Land eine Shirley Temple hat, wird es uns schon gutgehen“, sagte Präsident Roosevelt über Hollywoods erfolgreichsten Kinderstar.

Und schlecht schien es ihr auch nicht zu gehen: Mit neun Jahren verfügte sie über das siebthöchste Einkommen der USA. Es gab kaum ein Produkt, das sich nicht mit dem sonnigen Lockenkopf – 55 goldige Windungen hat man gezählt – verkaufen ließ. Und wahrscheinlich hatte Roosevelt recht, als er sich bei Shirley Temple dafür bedankte, dass sie Amerika mit ihrem Lächeln aus der Depression führe.

Das amerikanische Kinopublikum hatte schon in Stummfilmtagen eine Vorliebe für Kinderstars entwickelt, einer der ersten war Jackie Coogan gewesen, Chaplins fünfjähriger Filmpartner in „The Kid“. Shirley Temple war vier, als sie eine Filmkarriere begann, wie sie heute schon die geltenden Kinderschutzbestimmungen verhindern würden. Hollywood feierte Shirley Temples Kindlichkeit – und ließ sie so hart arbeiten wie eine Erwachsene. Für Darryl F. Zannuck, den Studiochef der 20th Century Fox war sie schlicht das „achte Weltwunder“.

Schon 1933 wurde die Fünfjährige durch zwölf kurze Komödien gehetzt. Dann folgten jeweils vier Langfilme pro Jahr. Ihrer Unbeschwertheit schien dies keinen Abbruch zu tun. In einer Serie sentimentaler Südstaatenfilme tanzte die kleine Shirley gemeinsam mit Bill „Bojangles“ Robinson, dem schwarzen Stepptanz-König. Mühelos erlernte sie die kompliziertesten Schrittkombinationen und entwickelte bald darauf sogar eigene.

Sieht man heute Filme wie „Der kleine Rebell“, leiden sie sehr unter den rassistischen Stereotypen der Schwarzenrollen. Damals aber klapperten die Zensurbehörden in vielen Südstaaten schon mit den Scheren, wenn Mister Bojangles nur die Hand seiner weißen Tanzpartnerin berührte.

Die Kamera liebte Shirley Temple. Niemand konnte sich mitreißender freuen. Und niemand herzzerreißender weinen. Zum Beispiel in „Heidi“, 1937 von Allan Dwan inszeniert, einem Pionier aus Hollywoods Gründerzeit. Doch mit wenigen sorgsam platzierten Gags, einem komischen Butler und einer Westernverfolgungsjagd mit dem Almöhi im Pferdeschlitten gelingt es Dwan, eine Art Ablaufsystem für Tränen zu installieren. Im Schlussbild darf das Mädchen – eigentlich streng verboten im Kino – sogar direkt in die Kamera lächeln.

„Heidi“ ist vielleicht Shirley Temples bester Film. Ihre größte Leistung aber sieht man in „Die kleine Prinzessin“, einer modernen Aschenputtel-Version. In einem reichen englischen Internat muss sie sich durch harte Putzarbeit den Aufenthalt finanzieren – ihren geliebten Vater hat man im Burenkrieg für tot erklärt. Das Kind aber glaubt felsenfest an sein Überleben.

Obwohl Shirley Temple auch als Teenager noch liebenswerte Rollen spielte, endete ihre große Karriere mit der Pubertät. Obwohl sie vier Jahre in Folge beliebter als jeder andere Hollywoodstar gewesen war, löste Darryl F. Zannuck schon 1940 den Vertrag mit seinem „Weltwunder“. Da war Shirley Temple gerade zwölf Jahre alt. Dennoch sollte man auch ihre verkannten Comebackversuche nicht verachten. John Ford wusste schon, warum er dem attraktiven Teenager in seinem Meisterwerk „Bis zum letzten Mann“ die Treue hielt. Und in der hinreißenden Komödie „So einfach ist die Liebe nicht“ mit Cary Grant kann man sogar ein Vorbild heutiger Teenager-Sitcoms ausmachen.

Doch auch nachdem 1949 die letzte Klappe eines Shirley-Temple-Films gefallen war, gab es noch manches Wiedersehen. Richard Nixon machte seine republikanische Parteifreundin zur UN-Botschafterin. 1989 sah man sie bei der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei noch einmal im Zentrum des Weltgeschehens. Montagnacht (Ortszeit) starb Shirley Temple mit 85 im Haus ihrer Familie im kalifornischen Woodside.

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