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Er überzeugt sie und die anderen auch: David Kross (r.), hier mit Freya Mavor.

Drama

Der Traumhüter

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Marcus H. Rosenmüller inszeniert das Leben des Fußballers Bert Trautmann als Drama um Schuld und Sühne.

Jürgen Klinsmann, so hört man bis heute in England, habe mehr für die deutsch-britische Verständigung getan als jeder Politiker nach dem Krieg. Und das mag sogar stimmen. Aber es gibt einen, der den schwäbischen Premier-League-Pionier, dessen Tore für Tottenham sogar die Queen entzückten, in dieser Hinsicht lässig in den Schatten stellt: Bernd Trautmann, von den Engländern der Einfachheit halber „Bert“ genannt, Torwart von Manchester City von den späten vierziger bis in die frühen sechziger Jahre.

Die Betonung liegt im Übrigen auf lässig. Trautmann, so schwärmen die, die ihn noch sahen, und das zeigen auch alte Filmaufnahmen, umwehte eine Aura federnder Leichtigkeit; seine Schritte und Sprünge hatten die ästhetischen Dimensionen von Tanzfiguren und auch seine präzisen Abwürfe oft über das halbe Feld atmeten die Klasse des ganz großen Könners. Bert Trautmann spielte mithin ganz und gar undeutsch. Weshalb es kein Wunder ist, dass Sepp Herberger keinen Platz für ihn im Nationalteam sah. Abgesehen davon, dass er ihn den deutschen Micheln ohnehin nicht hätte vermitteln können: Weil der in Bremen geborene Keeper mit dem ehemaligen Kriegsgegner paktierte, galt er in der Heimat als Vaterlandsverräter.

Dieses Vaterland, und hier setzt der ganz und gar wunderbare Film „Trautmann“ ein, trug der Mann gleichwohl immer im Herzen – als schmerzende, nie heilende Wunde. Denn dieses Vaterland hatte ihn um seine Jugend betrogen und zu schrecklichen Dingen getrieben. Und während die sogenannten Helden von Bern in ihrem WM-Sieg unverholen Genugtuung für den „verlorenen Krieg“ sahen, begleiteten Trautmann Schuld und Scham mit auf den Platz, und er bezog seine Motivation aus der Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die einen, der ihr Land mit Grauen überzogen hatte, bei sich aufnahmen.

Er hätte lieber mit ihr getanzt, als auf dem Schlachtfeld zu stehen, sagt Trautmann im Film zu einem jungen Mädchen. Sie ist die Tochter des Clubchefs von St. Helens, der auf der Suche nach einem Torwart im nahen Kriegsgefangenenlager fündig geworden ist – zu ihrem und aller Entsetzen: „Du hast Hitler nach Hause gefahren.“ Er wird das Mädchen überzeugen und später heiraten, er wird die Menschen in St. Helens überzeugen, die in Manchester, in ganz England und sich selbst dabei ein wenig Erlösung schaffen – indem er fortan tanzt und nicht mehr aufhört damit. „Fußball“, beschließt er, „ist auch eine Form von Tanzen.“

David Kross ist eine großartige Besetzung für Trautmann, und dies nicht nur, weil er Fußball spielen kann (und sich für den Film mit Dennis Rudel warmschoss, dem damaligen Torwarttrainer von Union Berlin). Fußball wird, wie in jedem guten Fußballfilm, sowieso wenig gespielt in „Trautmann“. Die Kraft und die Emotionen, die diesem Spiel innewohnen, auch die Unwägbarkeiten, die es birgt, transferiert Regisseur Marcus. H. Rosenmüller in die Geschichte selbst – und Kross in diesen zerrissenen Charakter, der den Gespenstern der Vergangenheit mit Muhammad-Ali-artiger Eleganz zu entkommen versucht.

Und dabei bis zum Äußersten geht. Denn natürlich kulminiert der Film in Trautmanns größter Stunde: dem FA-Cup-Finale von 1956 gegen Birmingham City, das ihn in jeder Hinsicht unsterblich machte – nach einem Zusammenprall in der zweiten Halbzeit spielte er, wie sich später herausstellte, mit gebrochenem Genick weiter und sicherte Manchester City den Sieg.

Als Bert Trautmann kurz vor seinem Tod im Jahr 2008 noch von den Filmplänen erfuhr, soll er abgewiegelt haben: „So ein toller Hecht war ich auch wieder nicht.“ Mögen die Menschen in Scharen in diesen Film gehen und eventuell anders urteilen.

Trautmann. D / GB 2019. Regie: Marcus H. Rosenmüller. 120 Min.

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