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Chefredakteur Weishaupt (Oliver Masucci, Mi.) und Verleger Winter (Ulrich Matthes, re.) treffen sich, um über den Einbruch in der Redaktion zu sprechen.

TV-Kritik: „Die vierte Gewalt“

Berliner Intrigantenstadl

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Arte zeigt eine Kolportage über die Verstrickungen zwischen Medien und Politik.

So etwas geschieht immer wieder mal. Jüngst geriet ein Landesminister ins Zwielicht. Der hatte sich für die Versetzung seines Sohnes in die nächste Klassen eingesetzt. Als Minister. Gerade wurde bekannt, dass sich deutsche Parlamentarier Drehbleistifte in Sterlingsilber für 525,21 Euro genehmigten. Dass es solche Menschen & Machenschaften gibt, gibt dem Produzenten Georg Feil recht, auf dessen Idee diese Verfilmung zurückgeht. Er konnte also aus Erfahrung schöpfen.

Feil hat in seiner langen Karriere nicht wenige Fernsehfilme produziert, darunter  auch „Tatort“-Folgen. Und dort ist der Journalist gerne entweder schmierig oder korrupt oder beides, auf jeden Fall aber: herzlich unsympathisch. Hier nun ist der Journalist Jan Schulte, gespielt von Benno Fürmann mit gerade noch halbseriöser Frisur und vor Leidenschaft leuchtenden Augen, immer so knapp nicht schmierig und nicht unsympathisch, auf keinen Fall aber: korrupt. Es geht ihm doch um „die Wahrheit“. Ein Klischee? Klar, der Begriff  ist ja üblich, in der Zeitungs- wie in der Unterhaltungsbranche. Aber so ein gesamter Film, nur aus Klischees?

Kann sein, dass solche Typen und Tricks Alltag sind im Spiel der Medien und der Mächtigen. Eine anderthalbstündige Erzählung über „Die vierte Gewalt“  muss auch verdichten (Buch: Jochen Bitzer, ein renommierter Autor), und wenn es um die Nachrichten-Industrie geht, darf es auch etwas schnell und husch husch gehen, so wie Regisseurin Brigitte Maria Bertele das inszeniert hat. Aber weniger Action und Tempo hätten womöglich nicht geschadet.

Da kriegt Schulte, nicht angestellter Journalist, von einer Krankenschwester des Nachts einen Packen Dokumente. Darin Belege, dass die Ministerin für Gesundheit sich persönlich um die Gesundheit ihres Bruders gekümmert hat: per vorgezogener Herztransplantation. Schon wähnt Schulte den Mega-Skandal, schon sitzt er beim lockenhaarscharf doch schmierigen Chefredakteur (Oliver Masucci) und will eine Festanstellung, weil seine Tochter auf eine teure Privatschule geht und er sich die Gebühren dafür von der Liebsten und Kollegin (Jördis Triebel)  nicht dauernd  zahlen lassen will. Doch schon bald sind die Unterlagen aus dem offenen Safe des Redaktionsleiters verschwunden. Doch schon bald hat Schulte ein Porträt der Abgeordneten Katharina Pflüger  (Franziska Weisz) geschrieben, rechte Hand der Gesundheitsministerin und somit erhoffte Türöffnerin. Doch schon bald durchwühlt der Verfassungsschutz Redaktion und Privaträume Schultes. So geht das in zu in der Berliner Republik, husch husch, zack zack, oder? Zum Beispiel auch die Vermutung, Neuwahlen würden bei Zeitungen flugs für schwarze Zahlen sorgen. Doch der wackere nicht ganz so schmierige Schulte will „nur die Wahrheit herausfinden!“

Das erweist sich als schwieriger als erwartet, denn das Lebenselixier in diesem Metier scheint Misstrauen zu sein. Nichts ist so, wie es scheint, zumal jeder mit jedem seine Handel und Händel pflegt, der Chefredakteur mit dem Konkurrenten, der Herausgeber (Ulrich Matthes) mit der Ministerin (Viktoria Trautmannsdorf etwas zu zart, wenn man Ursula von der Leyen vor Augen hat), die Geliebte Schultes mit dem Herausgeber und der Spin Doctor der Ministerin (Devid Striesow als pausbäckiges Monster) mal mit, mal gegen seine Chefin.  Gegen diesen Berliner Intrigantenstadl ist Arthur Schnitzlers „Reigen“ ein Kindergeburtstag.

Denn es geht eigentlich doch um das, was Helmut Dietls und Patrick Süskinds funkelnde Schickeria-Satire „Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ bereits vor Jahren zum Thema gemacht hatte. Ein Vergleich wäre angesichts der Fallhöhe zwischen „Rossini“ und dem Arte-Film unangemessen, aber etwas weniger Kolportage hätte es da schon sein dürfen für die Botschaft: Die vierte Gewalt im Staate ist nicht die Macht der Medien, sondern Sex.

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