Still aus „Systemsprenger“.

Berlinale

Die Berlinale zieht alle Register

  • schließen

Nach einem fatalen Eröffnungsfilm beginnt der Wettbewerb mit imponierenden Dramen aus Deutschland und Frankreich. 

„Alles auf Anfang“, sagt man beim Film, wenn der nächste Take beginnen soll. Auch im Berlinale-Palast war wieder alles auf dem angestammten Platz am Donnerstagabend. Dieter Kosslick in den Kulissen, der das Witzchenmachen wieder weitgehend der sympathischen Moderatorin Anke Engelke überlassen hatte. Die hatte wieder mal fast alles im Griff außer vielleicht den korrekten Namen der künftigen Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek. 

Dafür beschworen Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller in geschliffenen Reden die enge Verbindung zwischen Kultur- und Sozialstaat. Alle taten ihr Bestes an diesem Abend gepflegter Vorfreude. Bis dann – auch das leider fast eine Berlinale-Tradition, unterbrochen lediglich im letzten Jahr – ein fataler Missgriff beim Eröffnungsfilm alle Ambitionen vergessen ließ. 

„The Kindness of Strangers“, die überzuckerte Sozialromanze der Dänin Lone Scherfig, führt in ein Märchenbuch-Manhattan, wo eine selbstlose Krankenschwester sozial schwachen Mitbürgern Gesprächstherapien anbietet. Der Eindruck, dass Armut eine Krankheit sein könnte, die sich durch gutes Zureden lindern lassen könnte, durchzieht den ganzen Film: Eine junge Mutter ist mit ihren Söhnen vor dem prügelnden Ehemann geflohen. 

Kleines Meisterwerk auf der Berlinale

Dem ist ein Platz im Gefängnis sicher, doch dass sie selbst eines ihrer Kinder durch Nachlässigkeit beinahe erfrieren lässt, ist schnell verziehen: In einer Metropole mit Herz ist das Krankenhaus umsonst und die Familie findet Unterschlupf in einem idyllischen Restaurant, das mit liebevoller Hand von einem resozialisierten Straftäter geführt wird. Auch der größte Wunsch der Kinder der mittellosen Frau geht noch in Erfüllung – eine „kleine Wohnung“ in der teuersten Gegend auf dem Globus, nahe der 5th Avenue. Jede Geste dieser grotesk-weltfremden Schmonzette wird sinfonisch untermalt, wenn nicht gerade aus einem romantischen Konzerthaus „Die Moldau“ herüberweht. Was mögen die geladenen Gäste einer solchen Eröffnung von diesem Festival erwarten? 

Jedem Provinzfestival hätte dieser Film zur Unehre gereicht. Aber die Berlinale wäre nicht die Berlinale, wenn sie nicht parallel dazu noch ein kleines Meisterwerk zu verstecken hätte: Im der Forums-Sektion lief zu Beginn das Gegenstück. Auch die US-Independent-Produktion „Fourteen“ spielt in New York. Der Filmemacher und Kritiker Dan Sallitt erzählt die tragische Geschichte der Freundschaft zweier junger Frauen mit der Kunst der Auslassung. Zentrale Ereignisse in der über Jahre erzählten Geschichte werden dezent in Nebensätzen vermittelt, während sich die ganze Emotionalität in echter Alltäglichkeit artikuliert – und in dem wunderbaren Spiel der jungen Talente Tallie Medel und Norma Kuhling. Aber auch der Wettbewerb ließ den unglücklichen Auftakt mit „The Kindness of Strangers“ noch am Freitag mit zwei Sozialdramen vergessen, die den Namen auch verdienten. 

Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt

„Systemsprenger“ heißt das Spielfilmdebüt der aus Braunschweig stammenden Regisseurin Nora Fingscheidt. Gemeint sind damit schwer erziehbare Kinder, an denen die Institutionen der deutschen Kinder- und Jugendhilfe versagen. Der in einem unprätentiösen aber konsequenten Realismus gehaltene Film wird durch die Darstellerin einer Neunjährigen zum Ereignis: Wie es Helena Zengel gelingt, das plötzlich ausbrechende Gewaltpotential des Mädchens zu vermitteln, ist mehr als erstaunlich. Doch ebenso imponierend ist Fingscheidts Weigerung, für ein komplexes Phänomen einfache Lösungen anzubieten – so sehr Filmdramaturgien scheinbar danach rufen. 

Auch François Ozon hält sich in seinem Wettbewerbsbeitrag „Grace à Dieu“ („Gelobt sei Gott“) eng an Vorgaben aus der Realität. Ausgehend von dem Fall des Paters Bernard Preynat, der 2016 wegen sexueller Übergriffe auf rund 70 Jungen angeklagt wurde, rekonstruiert er die Aktivitäten der Opfer, die sich an die Öffentlichkeit wandten. In einer imponierenden Ausführlichkeit taucht er in eine Vielzahl von Einzelschicksalen ein, wobei nur momenthaft in die Vergangenheit geblendet wird. Die Gegenwart reicht aus, um sichtbar zu machen, wie sich das Erlittene in die Leben der Opfer und ihrer Familien gefressen hat. Nicht weniger detailgenau beleuchtet Ozon die Strukturen der katholischen Kirche, die früh von einzelnen Vergehen wusste, den Priester aber nie belangte. Selten hat sich Ozon in der Form so zurückgenommen – und gerade deshalb ist er bei diesem anspruchsvollen Thema über sich hinausgewachsen. Möglicherweise ist es sein bester Film, mit dem er hier – durchaus chancenreich – um den Goldenen Bären kandidiert.

Die Filmkritiker der FR berichten fortlaufend von der Berlinale

Die Meinung der FR im Leitartikel: Endlich Frauensache! Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat die Zahl der weiblichen Filmemacher bei dem Filmfestival deutlich erhöht. Das ist mehr als angemessen.

Erste Berlinale-Eindrücke von FR-Filmkritiker Daniel Kothenschulte: Nach einem fatalen Eröffnungsfilm beginnt die Berlinale mit imponierenden Sozialdramen aus Deutschland und Frankreich. 

Läuft wieder für Fatih Akin: Der Hamburger Regisseur und Autor kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts. Jetzt ist er mit „Der goldene Handschuh“ wieder im Rennen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare