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Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“: Maren Eggert und Dan Stevens als unmögliches Liebespaar.
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Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“: Maren Eggert und Dan Stevens als unmögliches Liebespaar.

Filme

Berlinale: Wir sind die Roboter

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Die Berlinale bleibt sich treu: Die ersten Beiträge des ersten virtuellen Festivals bieten künstlerisch allzu Vertrautes.

Wie immer die Filmgeschichte einmal auf diese Zeit zurückblicken wird, eine Frage wird man wohl an jeden Film von heute stellen: Sieht man ihm die Corona-Beschränkungen während der Dreharbeiten an? Oder brachten sie die Macher vielleicht sogar auf neue Ideen? Diese virtuelle Berlinale ist die erste Gelegenheit, Studien darüber anzustellen.

Dass Maria Schraders tragikomische Antiromanze „Ich bin dein Mensch“ vorzüglich in diese Zeit passt, hat zunächst wenig mit dem Virus zu tun. Umso mehr dagegen mit dessen Begleiterscheinungen, dem Gefühl der Unsicherheit, dem Verlust von Nähe und der Flucht in die Virtualität. Wie oft hört man im Englischen derzeit das deutschstämmige Fremdwort „Ersatz“? Hier geht es mal wieder um den Ersatzmenschen, in dem schon Pygmalion sein ideales Liebesobjekt erschuf.

„Ich bin dein Mensch“ bei der Berlinale: Pygmalion mit vertauschten Rollen

Diesmal sind die Geschlechterrollen umgekehrt, und die von Maren Eggert gespielte Wissenschaftlerin Alma ist auch nicht selbst die Schöpferin ihres perfekten potenziellen Gatten. Für ein Experiment hat sie sich bereiterklärt, einen gelehrsamen Roboter in Menschengestalt drei Wochen in ihrer Berliner Wohnung aufzunehmen.

Das allein macht sie dann doch schon zur Mitgestalterin seiner künstlichen Seele: Devot wie ein Dschinn aus 1001 Nacht ist ihr der vom Briten Dan Stevens gespielte Tom zunächst zur Stelle, aber das ist natürlich für seine Meisterin so langweilig wie unerotisch. Abgesehen davon, dass wahre Liebe natürlich auf ein echtes Herz treffen möchte. Dass Alma dennoch selbst ihr Herz verliert, stürzt sie in ein nicht nur philosophisches Dilemma.

Maria Schrader versteht sich auf Personenführung

Maria Schrader besitzt ein besonderes Feingefühl in der Schauspielerführung und trifft hier auf ein dankbares Hauptdarstellerpaar. Dan Stevens hatte vielleicht einen gewissen Vorsprung – er spielte schon in Disneys „Die Schöne und das Biest“ ein liebenswertes Monster in Menschengestalt.

Drehbuchautor Jan Schomburg, der für seine Partnerin Maria Schrader auch das überwirkliche Liebesdrama „Vergiss mein Ich“ geschrieben hat, übersetzte die Motive aus Emma Braslavskys Erzählung in pointierte Dialoge einer „sophisticated comedy“, aber etwas lässt den Film stets kurz vor den tieferen Gewässern stoppen. Insbesondere im Sexuellen hätte mehr dramatisches Potenzial gesteckt.

Auch wäre es konsequent gewesen, den Kammerspielcharakter noch mehr zu betonen und nicht immer wieder wie in machen Fernsehserien Außenansichten der Spielorte einzuschneiden. Schraders letzter Kinofilm „Vor der Morgenröte“ ist ein meisterhaftes Kammerspiel – und wenn die Corona-Beschränkungen für etwas gut gewesen sein können, dann vielleicht für diese Filmform.

Berlinale-Film „Introduction“ von Hong Sang Soo.

Der Koreaner Hong Sang Soo ist ohnehin auf Kammerspielformen spezialisiert, sein Minimalismus ist inzwischen zu einer eigenen Marke im Autorenfilm geworden. Manchmal gelingen ihm drei seiner poetischen Miniaturen in einem Jahr, nicht weniger als 56 Festivalpreise haben sie ihm inzwischen eingetragen. Unwahrscheinlich dass „Introduction“ der Berliner Jury einen weiteren entlocken wird. Nicht dass die 61 Minuten einen schlechten Film abgäben; doch die drei Episoden um nicht erfüllte Wunschvorstellungen und naturgemäß vorhersagbare Lebenswege wirken wie ein Nachtrag zu besseren Hong-Sang-Soo-Filmen.

Auch zwei weitere am ersten und zweiten Tag gezeigte Wettbewerbsfilme wirken wie Nachträge zu früheren Berlinalen. Das kann man den Filmemachern nicht vorwerfen, die ihre Werke natürlich nicht geschaffen haben, um einen bestimmten Festivalgeschmack zu treffen. Umgekehrt aber muss man sich fragen: Sucht die Berlinale eigentlich eher nach künstlerisch radikalen Positionen oder nach wiedererkennbaren Standards des typischen Festivalkinos?

Berlinale-Film „Memory Box“: hochkomplexe Montage

Das libanesische Filmemacherduo Joana Hadjithomas, Khalil Joreige ist seit vielen Jahren sowohl im Film- wie im Kunstkontext unterwegs. „Memory Box“ zeigt, was verloren gehen kann, wenn man es beiden Welten recht machen möchte. Zentrales Motiv dieses Familiendramas über verdrängte Kriegstraumata ist eine Kiste mit Fotos und Tonbändern, die eine Jugendliche in Montreal durchstöbert. Sie stammen von ihrer Mutter, die ihre traumatischen Erinnerungen nie mit ihr geteilt hatte.

Die hier verwendeten Archivmaterialien sind historische Tagebuchaufzeichnungen der Filmemacherin aus den Jahren 1982 bis 1988 und inspirieren den grandiosen Mittelteil des Films: In einer hochkomplexen Montage aus originalen und nachinszenierten Bildern fügen sie sich zu einem aufwühlend-mitteilsamen Avantgardefilm. Doch wie konventionell ist die Rahmenhandlung erzählt, wie bieder wirkt die Personenregie, wie überflüssig das emotionalisierende Sounddesign, das an schlechte Kriegsdokumentationen erinnert.

„Natural Light“ aus Ungarn: ein handwerklich eindrucksvoller Berlinale-Beitrag

Auch „Natural Light“ ein handwerklich imponierender Debütfilm aus Ungarn, fügt sich in bekannte erzählerische und ästhetische Muster. Das allerdings so virtuos, dass zumindest die Kameraarbeit als preisverdächtig gelten kann. Es geht um eine ungarische Militäreinheit im Zweiten Weltkrieg, die sowjetische Dörfer nach vermeintlichen Partisanen durchstöbert. Nach dem Tod des Kommandeurs übernimmt der darauf unvorbereitete Ranghöchste das Kommando, ein wortkarger Mann, der sichtbar an der Schuld trägt, die er durch die Massaker auf sich lädt.

Berlinale-Beitrag „Memory Box“ von Joana Hadjithomas & Khalil Joreige.

Die Beteiligung Ungarns am deutschen Vernichtungskrieg erfährt hier eine seltene Präsenz im Filmschaffen des Landes. Und doch wirkt die Darstellung unangemessen zurückhaltend, während sie zugleich die Ästhetik weit besserer Filme nachzuahmen scheint, insbesondere Elim Klimovs Klassiker „Komm und sieh“. Fraglos ein veritabler Wettbewerbsfilm, aber man kann nur hoffen, dass noch originellere Beiträge folgen werden.

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