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Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek.

Berlinale

„Stars sind die Brücke zum Publikum“

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Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die die Berlinale künftig gemeinsam leiten, über ihre Programmvorhaben und Vorlieben.

Abgesehen vom Auswahlkomitee, in dem einige neue Leute aus Locarno sitzen, wirkt Ihre erste Berlinale wie ein Klon der letzten, etwa was die Sektionen angeht. Aber das wird sich doch sicher noch ändern, oder?
Mariette Rissenbeek: In den nächsten Wochen und Monaten werden wir weitere Gespräche führen, uns verschiedenes anschauen, und vielleicht kommen wir dann noch mit weiteren Schlussfolgerungen.

Carlo Chatrian: Mit dem Wort Klon …

Das war ein bisschen gemein …
Chatrian: Die Berlinale wird auf jeden Fall anders sein, weil das Auswahlkomitee und die Festivalleitung neu sind. Andererseits hört die Geschichte der Berlinale nicht einfach auf und alles wird neu. Das braucht es nicht. Ich denke zum Beispiel, dass die Beziehung zwischen dem Festival und der Stadt einzigartig ist. Die wollen wir stärken. Wir haben das Auswahlkomitee neu aufgestellt, weil ich für meine Arbeitsweise eine kleine Gruppe bevorzuge, die sich völlig auf den Auswahlprozess konzentriert. Dieser Prozess hat für mich keinen Anfang und kein Ende. Es ist eine organische Arbeit. Ich sehe mir das ganze Jahr über Filme an, will entdecken und überrascht werden. Und wenn in dem Komitee Leute sitzen, die noch andere Pflichten haben, im Filmmarkt, den Talents, dem WCF oder in einer Sektion, dann kann man nicht so arbeiten. Und wir wollten dem Komitee eine Perspektive geben, die internationaler ist, was nicht heißen soll, dass die deutsche Perspektive nicht Teil davon ist. Filme sind heute meistens das Ergebnis von Beziehungen zwischen Menschen, die in verschiedenen Teilen der Welt leben. Deshalb ist diese internationale Perspektive ein Plus.

Herr Chatrian, Sie haben den Ruf eines Hardcore-Cineasten. Werden Sie bei der Berlinale Kompromisse machen?
Chatrian: Mir ist bewusst, dass Locarno das Label hat, sehr cinephil zu sein. Es stimmt, dass ich an Neuem interessiert bin. Aber ich habe immer eine starke Beziehung zum Publikum. In Locarno, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, gab es 170 000 Kinobesuche. Kann man das sperrig nennen? Ich habe in Locarno versucht, verschiedene Arten von Publikum anzusprechen. Das soll in Berlin weitergehen. Ich habe kein Problem, einen Blockbuster neben einem Experimentalfilm zu zeigen. Natürlich nicht im selben Kino und nicht demselben Publikum.

Rissenbeek: Vielleicht nicht mal in derselben Sektion.

Chatrian: Wahrscheinlich. Aber bei der Berlinale gibt es ja das Arsenal und den Berlinale Palast, das Kiezkino und den Friedrichstadt-Palast.

Sie haben angekündigt, die Beziehung zwischen der Stadt und dem Festival stärken zu wollen. Was stellen Sie sich da vor?
Rissenbeek: Die nächste Berlinale ist ja die 70. Wir wollen die Stadt umarmen und Feedback aus Berlin ins Festival bringen. Gerade sprechen wir mit einer Reihe von Institutionen, um zu sehen, was für Projekte wir gemeinsam entwickeln können. Etwas, das mit dem Kino zu tun hat, aber nicht in dem Sinn, dass wir irgendwo Filme zeigen. Es soll etwas sein, dass den Blick der Stadt auf die Berlinale reflektiert. Wir wollen das nicht während des Festivals machen, die Berlinale bietet ja selbst ein großes Programm, sondern davor. Etwas, das auf die Berlinale hinführt.

Können Sie das schon konkreter machen?
Chatrian: Für den 70. Geburtstag wollen wir hier verwurzelte Institutionen bitten, mit der Berlinale Berlin zu feiern. Das soll etwas mit den Leuten zu tun haben, die in Berlin leben. Wir wollen herausfinden, was die Stadt anzubieten hat.

Dieter Kosslick hat immer betont, die Berlinale sei ein politisches Festival. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?
Rissenbeek: Für mich ist Kino in vieler Hinsicht politisch. Es bietet immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und damit gibt es auch Politik wieder, aber das heißt jetzt nicht, dass man Filme zeigen muss, in denen es um nur Politik geht.

Chatrian: Die Frage ist doch, was politisch ist. Die Filme von Lav Diaz zum Beispiel sind politisch, auch wenn die Leute darin in erster Linie etwas Sperriges sehen. Ich mag es, wenn Filme politisch sind, was ihre Form angeht und nicht nur das Thema. Die neue Ausgabe der Berlinale wird immer noch sogenannte politische Filme im Programm haben, auch weil es Teil ihrer Geschichte ist.

Sind Stars wichtig für Sie?
Rissenbeek: Um Aufmerksamkeit für Filme, für ihre Inhalte zu kriegen, braucht man Öffentlichkeit. Und die wird manchmal auch von Stars getriggert. Das gehört zu einem Festival. Bestenfalls hat man Stars wie Meryl Streep, Tilda Swinton, Cate Blanchett oder Oliver Stone, die sich auch mit Politik auseinandersetzen.

Chatrian: Stars sind die Brücke zum Publikum. Vor allem für ein Festival wie die Berlinale. Stars sind wichtig, weil sie uns zum Träumen bringen. Wenn man einen Star hat, wird der Menschen zum Festival bringen.

Was halten Sie vom deutschen Film?
Chatrian: Mein Hintergrund, das sind die Filme von Wenders, Edgar Reitz, Werner Herzog. In den vergangenen zehn Jahren hat das deutsche Kino eine ganze Reihe von großartigen Talenten hervorgebracht, Regisseure, die sich auf internationalen Festivals präsentiert haben, Maren Ade ist das jüngste Beispiel, auch Christian Petzold. Ich hatte die Gelegenheit, einige von ihnen in Locarno zu haben: Andreas Dresen, Thomas Arslan. Und es gefällt mir, dass die Dokumentarschule sehr stark ist. Ich denke da an Thomas Heise. Die kommerziell arbeitenden Regisseure muss ich besser kennenlernen, und ich benutze dieses Wort nicht wertend, denn kommerzielle Filme sind ein Weg zum Publikum.

Rissenbeek: Carlo hat zum Beispiel im letzten Jahr in Locarno „Alles ist gut“ gezeigt, einen Nachwuchsfilm von Eva Trobisch. Er hat immer wieder Nachwuchsfilme gezeigt, die dann Karriere gemacht haben. Jetzt kommt mein German Films-Herz ein bisschen heraus. Ich finde wirklich, dass es in Deutschland zu wenig Aufmerksamkeit dafür gibt, dass eine Reihe von deutschen Filmemachern im Ausland bei Festivals erfolgreich sind. Letztes Jahr lief etwa „Adam und Evelyn“ von Andreas Goldstein in Venedig. Der deutsche Film muss sich nicht verstecken. Und ich glaube das wird er auch bei der nächsten Berlinale nicht tun müssen.

Ihre Berlinale findet später als gewohnt statt, vom 20. Februar bis zum 1. März 2020. Was ist der Grund für diese Verschiebung?
Chatrian: Wir haben diese Entscheidung getroffen, weil es eine problematische Überschneidung gab mit dem Datum der Oscar-Verleihung.

Rissenbeek: 2020 werden die Oscars am 7. Februar verliehen. Das wäre das erste Berlinale-Wochenende gewesen, und die gesamte internationale Presse schaut auf die Oscars.

Chatrian: Welche Aufmerksamkeit hätte der Film bekommen, der gleichzeitig mit der Oscar-Verleihung gezeigt worden wäre? Aber wir wollten auch unbedingt so nah wie möglich am ursprünglichen Datum bleiben. Für die Berliner ist einfach der Februar der Berlinale-Monat. Außerdem sind März und April sehr gute Monate, um Filme herauszubringen. Und ich möchte diese Beziehung zwischen Berlinale-Premiere und Erscheinungsdatum stärken, wenigstens in Deutschland. Außerdem ist es gut, das erste große Festival nach den Oscars zu sein, denn wir wollen auch die großen amerikanischen Filme haben.

Interview: Susanne Lenz

Die Berlinale-Leitung

Die Berlinale hat eine Doppelspitze bekommen: Künstlerischer Leiter ist Carlo Chatrian, Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek. Beide beginnen ihre Arbeit offiziell am 1. Juni, haben aber bereits ihre Büros am Potsdamer Platz in Berlin bezogen. Bei ihrer Vorstellung im vergangenen Juni kündigten sie an, die Filmfestspiele als „Publikumsfestival und als Festival für Berlin zu erhalten“.

Carlo Chatrian leitete seit 2012 sehr erfolgreich das Filmfestival in Locarno. Der gebürtige Italiener studierte Literatur und Philosophie an der Universität Turin, arbeitete zunächst als Filmkritiker und veröffentlichte mehrere filmhistorische Bücher.

Mariette Rissenbeek wurde in den Niederlanden geboren. Sie war Producerin bei der Regina Ziegler Filmproduktion sowie als Geschäftsführerin ihrer eigenen Filmproduktion tätig.

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