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Berlinale

„Wir sind kein Festival, das bunte Bilder zeigt“

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Der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick über die Lust am Kino in Zeiten von Streaming-Manie und großen Filmwerken auf Armbanduhr-Monitoren.

In seinem letzten Jahr als Chef der Berliner Filmfestspiele ist Dieter Kosslick noch einmal umgezogen, in ein Büro mit Panoramablick auf den Potsdamer Platz. Wenn er denn überhaupt mal dort sitzt. Kosslick, der Ende Mai 71 Jahre alt wird, ist als Mobilisator der Berlinale eigentlich ständig unterwegs. In seinem Büro stapeln sich Bücher und Krimskrams. Ein, zwei Hutschachteln etwa. Er hatte noch keine Zeit, Bilder aufzuhängen und so lehnt das Porträt mit Lieblings-Jurypräsidentin Meryl Streep nur an der Wand. Gern hätte sich Kosslick noch für länger im Direktorat eingerichtet, doch nach einer unglücklich geführten Debatte um seine Zukunft ist nun definitiv Schluss. Die Bitternis des Jahres 2018 ist ihm aber nicht mehr anzumerken. Er ist wieder ganz der Alte. Gleich zu Beginn des Gespräches macht er einen seiner gefürchteten Scherze.

Herr Kosslick, Sie dirigieren die Berlinale in diesem Jahr zum letzten Mal. Abschiede sind ja oft von Melancholie begleitet. Die letzte Eröffnungsshow, der letzte rote Teppich, die letzte Vorstellung. Wovor ist Ihnen gefühlsmäßig besonders bange?
Bange ist mir gar nicht. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Das war ein Hit von Stephan Remmler, dem Sänger der berühmten Band Trio. Sie erinnern sich?

Ja klar.
Also die Wurst hat zwei. Aber weil ich Vegetarier bin, habe ich natürlich nur ein Ende und da ist schon ein bisschen Wehmut dabei. Aber nach 18 Jahren blicke ich auch auf eine wirklich aufregende, tolle Zeit zurück. Ich bin seit der Premiere 1951 einer der vier Glücklichen, die die Berlinale geleitet haben. Die Wehmut wird überlagert von … wie soll ich es sagen? – ja, Zufriedenheit. Ich bin zufrieden, dass es so gut funktioniert hat in all den Jahren, dass die Fans so geströmt sind, dass sich das Publikum nahezu verdoppelt hat. Dass immer noch so eine Energie von der Berlinale auf die Stadt übertragen wird.

Lesen Sie dazu auch den Leitartikel: Berlinale - Endlich Frauensache!

Gibt es nur schöne Erinnerungen oder auch Dinge, auf die Sie gut verzichten können?
Oh ja, die gibt es. Zum Beispiel die Autorisierung der Einladungsliste für die Eröffnung. Ich habe es auch schon mal auf der Bühne gesagt: It’s not an opening night. It’s an opening nightmare. Ein Albtraum.

Die Anfragen übersteigen die Kapazität?
Die Anfragen übersteigen nicht nur bei weitem die Kapazität, sondern die Begründungen der Anfragen übersteigen bei weitem alles, was Sie sich vorstellen können.

Dieter Kosslick.

Sie sind nicht nur Chef, sondern auch Türsteher der Berlinale.
Ich erinnere mich an ein Jahr, als die Witwe eines sehr prominenten Politikers mit allem gedroht hat: Bundespräsident und Pipapo. Ich dachte, wenn ich jetzt einknicke, dann bin ich verloren. Und habe es nicht gemacht. Und wer stand an dem Abend vor mir im zitronengelben Designerkleid?

Wie hatte sie es geschafft?
Keine Ahnung!

Kommen wir zum Kerngeschäft der Berlinale. Sie haben in den letzten Monaten alles gesehen, was wichtig ist. Wie geht es der Weltfilmkunst? Welche Beobachtungen haben Sie gemacht, inhaltlich, ästhetisch?
So wie der Zustand der Welt ist – nämlich nicht gut – stellt er sich auch auf der Leinwand dar. Das ist allerdings für die Berlinale nichts Neues. Wir sind ja kein Festival, das bunte Bilder zeigt. Seit der Gründung 1951 unterstützen wir eine gewisse politische Relevanz in der Kunst. Dieser Anspruch ist im Laufe der Zeit noch gewachsen. Vor 18 Jahren gab es noch viele Diskussionen über meine dementsprechende Programmierung. Heute gibt es bei keinem großen Festival Zweifel daran, dass die dort gezeigten Filme die Wirklichkeit spiegeln sollten. Diese Wirklichkeit läuft nun für einige recht gut und für die meisten ganz schlecht, wie immer in der Weltgeschichte. Es gibt den 68er-Spruch: Das Private ist politisch. Heute ist das Private politischer denn je. Wir haben in unserem Programm sehr viele private Themen, Kinder, Familie, Ernährung. In den Filmen wird gezeigt, wie das persönliche Leben der Menschen durch die Politik geprägt wird. Und umgekehrt. Nehmen Sie den Konsum. Konsum ist politisch. Die Menschen prägen die Welt zu einem großen Teil durch ihr Konsumverhalten. Das Auto, das man kauft. Das Essen, das man kocht. Das Fleisch, das man isst. Die Energie, die man verwendet. Alles hat direkte und globale Wirkung.

Können Sie Filme nennen, die diese Themen behandeln?
Nehmen Sie „Systemsprenger“ zum Thema familiärer und sozialer Strukturen.

Von der jungen Regisseurin Nora Fingscheidt, die neben Angela Schanelec und Fatih Akin den deutschen Film im Wettbewerb des Festivals vertritt.
Das ist aus mehreren Gründen eine interessante Geschichte. Erst mal ist es ein Debüt und zweitens hat die Regisseurin vor zehn Jahren hier gearbeitet. Wir wussten das gar nicht mehr, sie war damals in der Protokollabteilung. Das ist ein frischer Film, der von einem neunjährigen Mädchen erzählt, dessen Mutter sie allein erzieht. „Systemsprenger“ zeigt die große Sehnsucht dieses Mädchens nach Geborgenheit und Liebe, nach einer Familie. Dieses Kind wird von seinen Emotionen überwältigt. Es bricht einem das Herz, wenn man in dem Film die Sozialarbeiterin erlebt.

Und aus dem internationalen Starterfeld?
Wenn es im deutschen Beitrag um eine einzige Familie geht, haben wir aus China praktisch das andere Ende der Skala. Größer geht’s nicht. Der Film „So Long, My Son“ erzählt in drei Stunden, wie die Einkindpolitik in ihren Konsequenzen die chinesische Gesellschaft heute prägt. In seiner großen Saga zeigt Wang Xiaoshuai, was die Menschen alles auf sich nehmen, um die sozialen Normen zu erfüllen. Es geht um Familienzerstörungspolitik. Im weitesten Sinne steht die Familie auch im Mittelpunkt „La paranza dei bambini“des Italieners von Claudio Giovannesi, geschrieben von Roberto Saviano. Wie schon in seinem Roman „Gomorrha“ geht es um die Mafia. Wir sind in Neapel, wir sehen Jugendliche zwischen zwölf und 16, die nicht wissen, was sie arbeiten sollen. Es gibt keine Jobs. Alles ist organisiert vom organisierten Verbrechen.

Lagerstatt: Filmfreunde warten in Berlin auf den Beginn des Ticket-Verkaufs.

Die ganze Welt erlebt unruhige Zeiten und sie werden immer unruhiger. Macht sich diese gesellschaftliche Krisenstimmung in den Filmen deutlicher bemerkbar? Oder war eigentlich immer Krise? Sie hatten in Ihrer Amtszeit den 11. September, den Finanz-Crash und die Flüchtlingsbewegung. In jedem Jahr war etwas.
In diesem Jahr gibt es auch einen hochaktuellen Film. Mit dem neuen von François Ozon, „Grace à Dieu“, sind wir nah dran. Er behandelt den Prozess, der gerade in Lyon begonnen hat. Angeklagt ist Kardinal Barbarin, Erzbischof von Lyon, der viele Jahre den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester seiner Diözese gedeckt hat. In dem Film wehren sich diese Kinder 20 Jahre nach den Verbrechen. Das Thema Missbrauch durch die katholische Kirche gibt es schon länger auf der Berlinale, ich erinnere mich an den erschütternden chilenischen Film „El Club“, der vor vier Jahren den Großen Preis der Jury gewann. Aber es ist leider immer noch und immer wieder aktuell.

2018 war ein katastrophales Kinojahr, auch wegen des heißen Sommers und der Fußball-WM. Die Besucherzahlen brachen um fast ein Fünftel ein. Die Berlinale wird nun wieder ausverkauft sein. Suchen die Leute auch beim Film nur noch den Event?
Ich mag das Wort Event nicht. Aber gut. Events sind beliebter geworden. Die Waldbühne ist immer ausverkauft, nicht nur bei Herbert Grönemeyer.

Und die Berlinale eben auch …
Die Berlinale will Lust auf Kino machen, wir verkaufen inzwischen über 340.000 Kinokarten. Das hängt mit dem Event zusammen, der neben dem Film auch oft den Austausch mit den Filmemachern bietet, der die Stars und Filmemacher live vor Ort präsentiert, aber auch damit, dass die Filme nicht nur für sich allein stehen, sondern auch in einen Dialog kommen. Außerdem ist es Tradition, dass man bei der Berlinale Filme zu sehen bekommt, die man eben sonst nicht immer sehen kann. Im Kino ist es komplizierter, weil sich die Bedürfnisse der Zielgruppen sehr verändert haben. Die Leute schauen Serien, sie nutzen das Streaming, sie gucken selbst Fernsehen nicht mehr linear. Wir versuchen, die Dualität zwischen den neuen Medien und Kino zu überbrücken, indem wir beides zeigen. Natürlich sind wir nach wie vor Vorkämpfer für die Leinwand und das große Kino. Dass man gemeinsam etwas ansieht und – wenn’s geht – auch noch drüber redet. Programmkinos, die sich in diesen schwierigen Zeiten behaupten, sind oft gerade die, die zum Film auch ein Gespräch anbieten. Und das ist bei uns fast überall der Fall. Dazu sieht man die Filme in der Originalfassung. Es gibt viele Dinge, die die Berlinale fürs Publikum attraktiv machen. Genau das, was einige Beobachter glauben kritisieren zu müssen, ist unser Erfolgsgeheimnis: Die Segmentierung. Wir haben die Berlinale in den zurückliegenden Jahren praktisch dekonstruiert und zielgruppengerecht wieder aufgebaut. Wir haben 13 verschiedene öffentliche Sektionen und Sparten, und dort kann jeder finden, was er sucht.

Sieht so ein modernes Filmfestival aus? Von allem etwas für alle?
Nein, erstmal geht es um die Filme, aber eben nicht nur. Es geht auch um unterschiedliche Zuschauerinteressen. Und: Wir sind als einziges Festival ökozertifiziert. Wir haben uns immer darum gekümmert, nachhaltige Konzepte für Essen und Müllvermeidung zu haben. Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal einen roten Teppich, der eigentlich grün ist, weil er aus recycelbaren Fischernetzen besteht. Wir haben zu diesen Themen eine Haltung. Joaquin Phoenix hat letztes Jahr gesagt: Eigentlich mag ich Festivals nicht, aber zu euch komme ich wieder, denn ihr habt euch einen Kopf gemacht. Ich finde, wir sind ein sehr modernes Filmfestival.

Die Film- und Medienbranche befindet sich in einem radikalen Umbruch, was sich auch auf die Festivalpolitik auswirkt. Der von Netflix produzierte Film „Roma“ – in Cannes abgelehnt – wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und ist für zehn Oscars nominiert. Ist es sinnvoll, bei der Programmierung die Produktions- und Distributionsweise zu berücksichtigen? Oder ist ein guter Film nicht in erster Linie ein guter Film?
Nee, das kann man so nicht sagen. Ich finde schon, es ist ein Unterschied, ob man sich „Ben Hur“ gestreamt auf der Armbanduhr anguckt oder im Kino. Wir zeigen im Wettbewerb nur Filme, die fürs Kino gemacht sind. Ob sie dann auch wirklich ins Kino kommen, ist eine andere Frage.

Das sind die „Festivalfilme“, die rund um die Welt reisen – mittlerweile ein eigenes Genre.
Das sehe ich nicht so, Festivals sind oft die einzige Chance, einen Film bekanntzumachen. Voraussetzung für den Erfolg.

Ein Schrei nach Liebe: Helena Zengel in Nora Fingscheidts Debütfilm „Systemsprenger“

Würden Sie auch Netflix-Produktionen zeigen? Der Umgang des Kinos mit dem US-amerikanischen Streaming-Dienst ist hoch umstritten.
Wir haben einen von Netflix angekauften Film in der Konkurrenz, „Elisa y Marcelo“ von Isabel Coixet. Der kommt in Spanien regulär ins Kino, das ist verbürgt, also zeigen wir ihn. Aber wir haben nicht nur den Wettbewerb als kulturelle Komponente, sondern auch den wirtschaftlichen Teil mit dem Filmmarkt. Da müssen wir alle Formen der Audiovision präsentieren. Auch in der Sektion Berlinale Series zeigen wir eine Netflix-Serie, „Quicksand“ aus Schweden. Die Diskussion um die Streaming-Formate ist ein riesiges Thema, das uns bei dieser Berlinale begleiten wird.

Sie sind als Festivaldirektor nicht für Jury-Entscheidungen verantwortlich. Aber macht es Sie nicht nachdenklich, wenn der Goldene Bär des Vorjahres, der rumänische Beitrag „Touch me not“, im Kino auf gerade einmal 5000 Zuschauer kommt?
Dass ein so spezieller Film wie „Touch Me Not“ den Goldenen Bären bekam, war überraschend und spricht dafür, dass die Jury etwas ganz Besonderes auszeichnen wollte. Da ist dann selbst der Direktor verblüfft. Aber Festivals sind auch für die Avantgarde da. Was nun die Zuschauer zu so einem Film sagen, ist noch mal was anderes. Immerhin ist „Touch Me Not“ in 50 Länder verkauft worden und hat selbst in den USA einen Vertrieb gefunden und sehr positive Kritiken etwa in der New York Times erhalten. Vor zwei Jahren gab es den Goldenen Bären für den wundervollen Film „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi. Ich finde, das war einer der schönsten Filme in meiner gesamten Amtszeit. Und wer hat ihn für den US-Markt gekauft? Netflix.

Ihr Vertrag läuft noch bis Ende Mai. Was gibt es nach dem letzten Vorhang am 17. Februar für Sie noch zu tun? Wie darf man sich die Festivalübergabe an Ihre Nachfolger Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek vorstellen?
Die sind ja schon hier, beide haben Vorverträge. Wir gucken uns das Festival gemeinsam an. Beide kennen die Berlinale gut. Sie können wirklich glücklich sein, dass sie ein Jahr haben, sich vorzubereiten. Ich hatte damals sechs Monate. Ich bin überzeugt, dass die 70. Berlinale im nächsten Jahr genauso erfolgreich werden wird.

Was machen Sie ab Juni? Schreiben Sie Ihre Erinnerungen?
Das habe ich ja schon getan, vielleicht kommt noch das letzte Kapitel hinzu. Ich habe viele Dinge vor.

Endlich mal wieder ohne Direktorenblick ins Kino gehen.
Ja, super, und Zeit zum Radio hören und Bücher lesen.

Die Filmkritiker der FR berichten fortlaufend von der Berlinale

Die Meinung der FR im Leitartikel: Endlich Frauensache! Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat die Zahl der weiblichen Filmemacher bei dem Filmfestival deutlich erhöht. Das ist mehr als angemessen.

Erste Berlinale-Eindrücke von FR-Filmkritiker Daniel Kothenschulte: Nach einem fatalen Eröffnungsfilm beginnt die Berlinale mit imponierenden Sozialdramen aus Deutschland und Frankreich. 

Läuft wieder für Fatih Akin: Der Hamburger Regisseur und Autor kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts. Jetzt ist er mit „Der goldene Handschuh“ wieder im Rennen.

Zur Person

Dieter Kosslick wurde am 30 Mai 1948 in Pforzheim geboren. Zum Studium verschlug es ihn nach München, wo er die Fächer Kommunikationswissenschaften, Politik und Pädagogik belegte. Nach seinem Magisterexamen blieb er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der dortigen Universität, ehe er 1979 nach Hamburg zog, um als Redenschreiber und Büroleiter des ersten Bürgermeisters Hans Ulrich Klose zu fungieren. Später arbeitete er als Pressesprecher der Leitstelle „Gleichstellung der Frau“. Von dort ging Kosslick 1982 als Redakteur zur linken Monatszeitschrift „konkret“.

In den 80er Jahren begann Kosslicks Arbeit für den Film, zunächst als Geschäftsführer der kulturellen Filmförderung Hamburg, später leitete er neun Jahre lang die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Am 1. Mai 2001 übernahm er, berufen durch die Bundesregierung, die Leitung der Berliner Filmfestspiele. Sein Vertrag endet am 31. Mai dieses Jahres. jh

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