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Sie können auch schnell platzen, die Oberflächen der Kriminalität.

Berlinale

Dancefloor der lebenden Toten

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Die Politsatire „Vice“ und das Mafiadrama „La Paranza dei Bambini“.

Es ist eine merkwürdige Abschiedsstimmung, die Dieter Kosslicks letzte Berlinale umweht. Der Wettbewerb gleicht einem Rendezvous alter Freundinnen und Freunde. Wenn dieses Festival eine gute Eigenschaft besitzt, dann ist es Treue. Allein, die Gastgeschenke sind vielfach das Problem. Viele Filmschaffende haben hier ihre ersten Welterfolge errungen, die Dänin Lone Scherfig etwa 1995 mit dem Dogma-Film „Italienisch für Anfänger“ – doch was war von dessen Frische übrig geblieben im diesjährigen Eröffnungsfilm, der Sozial-Schmonzette „The Kindness of Strangers“? 

Eigentlich sollte auch Chinas bekanntester Filmemacher Zhang Yimou an diesem Samstag noch einmal im Wettbewerb antreten, zum siebten Mal seit sein „rotes Kornfeld“ von Berlin aus die Welt eroberte. Vor jedem anderen Festival hatte Berlin das chinesische Filmwunder ausgemacht und damit Filmgeschichte geschrieben. Angeblich gibt es bei Zhangs „One Second“ technische Probleme, doch das will niemand so recht glauben. Schließlich spielt die Geschichte um eine gestohlene Filmrolle mit einer Wochenschau-Szene in der Kulturrevolution. Auch Zhangs Familie zählte zu ihren Opfern, er selbst wurde als Kind aufs Land verschickt. Dennoch drehte er mit seinem Epos „Leben!“ ein Versöhnungsangebot, das um die Welt ging, aber im eigenen Land verboten wurde. 

Es wäre Zhangs siebte Wettbewerbsteilnahme gewesen. Unter den Berlinale-Heimkehrern dürfte nur der Franzose François Ozon noch Chancen haben, am heutigen Samstag den Goldenen Bären zu gewinnen. Mit seinem Missbrauchsdrama aus der katholischen Kirche „Grace à Dieu“ ist er zum fünften Mal im Wettbewerb vertreten, einem der wenigen Filme, die in diesem Jahr das Attribut „politisch“ verdienen: Ganz auf die Gegenwart gerichtet, gibt er klare Handlungsanweisungen für eine Aufarbeitung, die den Opfern auch nach Jahrzehnten noch Gehör verschafft. 

Welche Macht politisches Kino haben kann, erlebte man leider nur außerhalb der Konkurrenz um den Goldenen Bären. Adam McCays „Vice“ ist ein Biopic über einen Zeitgenossen, Dick Cheney, den Vizepräsidenten unter George W. Bush zwischen 2001 und 2009. Dieses Amt gilt in den USA traditionell als arbeitsreich und wenig schillernd, doch McCays Film sieht die Rollenverteilung umgekehrt. Der von Christian Bale mit drahtiger Präsenz gespielte Strippenzieher macht einen tumben Bush (zum Verwechseln ähnlich: Sam Rockwell) zu seiner Marionette. Selbst der Verteidigungsminister und mit allen Wassern gewaschene Polit-Veteran Don Rumsfeld (Steve Carrell) findet in seinem Zögling Cheney seinen Meister. 

Christian Bale in „Vice“.

Adam McKay wählt einen satirischen Stil, einmal lässt er mitten im Film sogar den Abspann abfahren, um einen möglichen Ausweg aus der fatalen Geschichte anzubieten. Cheney ist für ihn nicht weniger als der Kopf eines Schattenkabinetts, maßgeblich verantwortlich für die Lügen, die die US-amerikanischen Kriege in der Nachfolge des 11. September 2001 motivierten. Folgt man diesem rasanten, bitter-ironischen Comic-Panorama, hätte die jüngere Geschichte auch ganz anders verlaufen können. Erst die amerikanische Regierungspropaganda habe einigen bis dahin unbedeutenden Islamisten jene Bekanntheit verschafft, die sie brauchten, um eine immense Gefolgschaft zu generieren. 

McKay hat eine klare These: Ohne Cheneys fake news über angebliche Massenvernichtungswaffen und Terrornetzwerke hätte der IS-Terror niemals in dieser Form entstehen können. Diese klare Positionierung imponiert, gerade im Umfeld der vielen aussagelosen Pseudo-Politfilme im Wettbewerb. Und doch hätte der in den USA auch unter Liberalen umstrittene Film wohl eine größere Wirkung erzielen können, wenn er weniger auf ironische Übertreibungen setzte. Die zerstörerische Wirkung von fake news in der politischen Propaganda lässt sich leider nicht mit eigenen Waffen schlagen. Gegen die Lüge hilft nur Wahrheit. 

Die macht der italienische Wettbewerbsbeitrag „La Paranza dei Bambini“ für sich geltend. Nach dem Roman „Der Clan der Kinder“ des Mafia-Experten Roberto Saviano taucht er ein in die Welt der kriminellen Jugendbanden von Neapel. 

Der 15-jährige Nicola fordert einen der alten Bosse heraus, und es gelingt ihm, seine Truppe von Gleichaltrigen bis an die Zähne zu bewaffnen. Ohne Pause jagt man mit den sorglosen Vespa-Kids durch die engen Gassen und über Leichen dem ersehnten Wohlstand entgegen. In seinem fatalistischen Ton, der sich weder mit moralischen Debatten noch dem Genre-Streben nach ausgleichender Gerechtigkeit aufhält, steht der Film in entfernter Tradition zu Pasolini. Zugleich findet er aber auch einen Ausdruck für die oberflächlichen Sehnsüchte der Jugendlichen nach schillernden Luxusattributen.

Der betörende Groove der Filmmusik von Andrea Moscianese rückt das Geschehen ein gutes Stück vom Realismus weg, hin zu einem Dancefloor der lebenden Toten. Das alles ist makellos inszeniert und bruchlos von den Jugendlichen gespielt – und entlässt den Zuschauer gerade deshalb mit halbleerem Magen. Man kann es Giovannesi und dem Film nicht vorwerfen, er hat genau das erreicht, was angestrebt war: Es ist ein Film über die Oberflächen der Kriminalität, gespiegelt in glänzenden Oberflächen.

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