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Ein offenes Einfallstor für die Magie: Maren Eggert in Angela Schanelec’ Film „Ich war zuhause, aber“.

Berlinale

Wer wird schon aus Liebe Islamist

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Poesie in der Berlinale-Wirklichkeit von Angela Schanelec im deutschen Beitrag „Ich war zuhause, aber“ und beim Franzosen André Téchiné.

Was die Berlinale mit den Festivals von Cannes und Venedig gemeinsam hat, ist die wenig bekannte Tatsache, dass alle drei Events ihre Hauptquartiere in Palästen mit Spielcasinos aufgeschlagen haben. Wird dort gar das Programm gemacht? Oder wettet man gerade über den Ausgang? 

Wenn das so ist, sollte man sein Geld auf Angela Schanelecs deutschen Beitrag setzen. Als Außenseiterin hätte sie gewiss eine einträgliche Gewinnquote – und Juliette Binoches anspruchsvolle Jury dürfte für seine Qualitäten besonders offen sein. Unter den drei nominierten deutschen Filmen ist „Ich war zuhause, aber“ der einzige Vertreter der sogenannten Berliner Schule, doch Schanelecs persönliches Werk lässt sich von Film zu Film weniger mit dem ihrer Berliner Kollegenschaft vergleichen. 

Mit einem Rätsel beginnt der Film, der Heimkehr eines für eine Woche verschwundenen Jungen, der nicht sagen will, wo er gewesen ist. Ob schon der Titel die erste Fährte legt? Er erinnert deutlich an ein frühes Meisterwerk des Japaners Yasujiro Ozu, „Ich wurde geboren, aber“. Oder liegt die Antwort in einer Schüleraufführung von „Hamlet“, die sich in Fragmenten durch den Film zieht?

Es wird nicht das einzige Rätsel des Films bleiben, dessen Protagonistin, die Mutter des verlorenen Sohns, eine nicht genau bestimmte Funktion im Berliner Kulturbetrieb bekleidet. Nach dem Tod des Vaters ihrer beiden Kinder, einem Theaterregisseur, hat sich ihr Blick auf Sein, Schein und vielleicht auch Nichtsein stark verändert. Dieses Misstrauen gegenüber den Konventionen des Lebens und den Darstellungskonventionen der Kunst inspiriert eine Reihe von Episoden von mitteilsamer Nebensächlichkeit. 

Da ist ihr Disput mit dem Verkäufer eines gebrauchten Fahrrads, das sie auf einem Internet-Marktplatz gekauft hat. Diese Dissenz trägt sich nun aber auf anrührend-reelle Weise im analogen Diesseits Berliner Straßen aus. Oder der Streit, den sie mit einem Filmkünstler beginnt, der sich auf eine Professur an einer Akademie beworben hat. Die Kritik, die sie ihm auf Grund einer einzigen Szene an den Kopf wirft, gerät zur zentralen Dialogszene des Films – und eröffnet zugleich einen Metadiskurs über den Film, den wir gerade sehen. 

Eine Amour fou: André Téchinés „L’adieu à la nuit“.

Was geschieht, wenn Spiel und Realität, Lüge und Wahrheit knallhart aufeinandertreffen? Schanelecs goldener dritter Weg ist neu und alt zugleich, es ist der Weg, den vor ihr schon Cocteau, Straub und Ozu gegangen sind: Eine bewusste Theatralik in der fotografierten Welt, ein offenes Einfallstor für die unbestimmte Magie einer Farbe, eines Sternenhimmels oder eines kleinen Naturwunders wie jenem Esel, dem sie scheinbar unmotiviert ihre Schlusseinstellung schenkt. Immer wieder erbaten Journalisten bei der Pressekonferenz verzweifelt eine Interpretation der Esels-Rolle von der Künstlerin – selbstredend vergeblich. Der beste Weg führt geradewegs zurück ins Kino, denn diesen wunderschönen Film möchte man sofort noch einmal sehen. 

Auch André Téchinés französischer Beitrag überraschte mit einem Mehrwert an Poesie, die hier auf die Prosaik eines Nachrichtenthemas trifft. Längst ist der islamistische Terror auch ein Teil der westlichen Pop-Mythologie geworden. Die Vorstellung einer unbestimmten Bedrohung durch sogenannte Gefährder lässt sich vorzüglich in Thriller-Muster integrieren. Ebenso passt das Motiv der plötzlichen Radikalisierung unauffälliger Verwandter oder Freunde vorzüglich in Alltagsdramen. Filme gibt es dazu allen Qualitäten – vom Tatort oder Fernsehfilm der Woche bis zu anspruchsvollen Autorenfilmen wie Benjamin Heisenbergs „Schläfer“.

Auch der Autorenfilm-Veteran André Téchiné (75) hat sich in „L’adieu à la Nuit“ mit dem Einbruch plötzlicher Entfremdung in einem Familienfilm beschäftigt. Keine geringere als Catherine Deneuve spielt eine Großmutter, die eine Pferdezucht und Reitschule betreibt. Die aktive Geschäftsfrau hat ein enges Verhältnis zu ihrem Enkel (Kacey Mottet Klein), der bei seinem Besuch deutlich verwandelt wirkt. Angeregt von seiner jungen arabischstämmigen Freundin, ist er zum Islam übergetreten, was die Großmutter zunächst mit freundlichem Interesse quittiert; sie selbst hat ihre Kindheit in Algerien verbracht und ihr Geschäftspartner stammt aus dem Maghreb. 

Als der Junge aber auf freundliche Nachfragen nur abweisend reagiert und sich zu einer Kanada-Reise verabschiedet, als sähe man sich nie weder, kommt ihr die Sache mulmig vor. Und warum will er auf keinen Fall mit seiner arabischstämmigen Verlobten im selben Zimmer übernachten? Es ist nicht ganz ohne Ironie, dass man sich nach den Konventionen französischer Filme durch nichts so verdächtig machen kann wie durch sexuelle Enthaltsamkeit. 

Es braucht nicht viel, um die Miss Marple in der resoluten Lady zu wecken, doch ein Thriller ist Téchinés Film nicht. In der schwelgerischen Form eines französischen Landhausfilms ist er weit mehr Hause. Keinen Schatten lässt er auf die unschuldige Liebe des jungen Mannes fallen, und auch die Rolle seiner Verführerin zum radikalisierten Glauben bleibt zumindest ambivalent. „Wie wirst du dich fühlen, wenn ich nicht mehr da bin“, fragt ihr Freund gleich zu Beginn. „Stolz“, gibt sie zur knappen Antwort. Keine tiefergehende Islamismus-Debatte bestimmt diesen Film und man kann auch gut darauf verzichten. Das Genre, das Téchiné hier mit dem Zeitgeist-Thema auffrischt ist nicht der Politthriller, sondern die Amour fou. Und das tut er auf gewohnt zärtliche Weise.

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