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Wettbewerbsbeitrag "Las Herederas".
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Wettbewerbsbeitrag "Las Herederas".

"Nobody?s Doll"-Kampagne

Berlinale pflegt "Frauenbild der 50er Jahre"

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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"Die Gleichberechtigung ist auf dem roten Teppich noch nicht angekommen", kritisiert die Schauspielerin Anna Brüggemann - und beschert der Berlinale eine politische Debatte.

Noch bevor diese Berlinale ihren ersten Film gezeigt hatte, machte ihr eine frühere Preisträgerin das schönste Geschenk für ein politisches Festival: eine Debatte. „Die Gleichberechtigung ist auf dem roten Teppich noch nicht angekommen“, schreibt die Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann im Manifest ihrer „Nobody’s Doll“-Kampagne. „Im Gegenteil, das Frauen-, und auch Männerbild, das bei Festivaleröffnungen, Premieren und Preisverleihungen erwartet wird, kommt mir vor wie aus den fünfziger Jahren.“

Bereits im vergangenen November wurde der Text geschrieben, mehr als fünfzig Schauspielerinnen, und weibliche Filmschaffende haben ihn seither unterschrieben, dazu zahlreiche männliche Kollegen. Einerseits könnte man sagen: Trifft es mit der Berlinale, die keinen offiziellen Dresscode pflegt, nicht die falsche Adressatin? Anders als Cannes, das wiederholt geladene weibliche Gäste vom roten Teppich fischte, weil sie keine High Heels trugen, ist Berlin stolz auf seine Lässigkeit in Fragen der Klamottenetikette. Aber Brüggemann holt weiter aus und zielt mit ihrer Erklärung weit über den Festivalkontext hinaus: „Wir Frauen tun nach wie vor Dinge, die unbequem für uns sind, unpraktisch, Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie machen müssen, um dem unsichtbaren Dritten zu gefallen. Dieser unsichtbare Dritte ist nach wie vor ein Mann. Wir überlassen noch immer die Definitionsmacht, was als attraktiv gilt, dem patriarchalisch geprägten Blick, der inzwischen natürlich geschlechterübergreifend vorhanden ist.“

Frei nach Leonard Cohen: First we take Berlin

Gerade weil Brüggemann mit ihrer Kritik auf gesamtgesellschaftliche Konventionen zielt, kommt ihr Manifest zur rechten Zeit, um auch der „#me.too“-Debatte noch einmal einen weiteren Rahmen zu verleihen. Denn im Schatten der Reduktion auf die Missstände in Teilen des Kunstbetriebs, bleiben die problematischen Machtstrukturen etwa in den Hierarchien der Wirtschaft oder der Lehre weithin unbeachtet.

Brüggemanns Appell, der auch die enge Verflechtung zwischen Kulturbetrieb und Modeindustrie anprangert, hat international bereits soviel mediale Resonanz gefunden, dass man sich wohl auch in Cannes auf die Buttons ihrer „Nobody’s Doll“ Bewegung gefasst machen kann. Insofern kann man nur frei nach Leonard Cohen wünschen: First wie take Berlin.

Wenn doch die ersten Filme des Wettbewerbs ähnliche Aufmerksamkeit verdienten. Keine 24 Stunden nach der erfreulichen Eröffnung mit Wes Andersons Animationsfilm „Isle of Dogs“ ist die Berlinale wieder dort, wo sie schon so oft gewesen ist: Im Niemandsland zwischen dem Achtbaren, aber zugleich Vergessbaren und dem perfiden Zeitdiebstahl. Letzteren begeht das filmende Brüderpaar David und Nathan Zellner mit der Chuzpe jener Wegelagerer, von denen es in ihrer Westernparodie „Damsel“ wimmelt. Vor der imposanten Kulisse des Monument Valley wartet Robert Pattinson an einer lieblos zusammengezimmerten Haltestelle auf die Postkutsche. Der Westen ist ihm als frustriertem Siedler nicht mehr weit genug, nach dem Tod seiner Frau will er nur noch weg. Da geht es ihm nicht so schlecht wie seinem Banknachbarn, einem suizidalen Prediger. Der vererbt ihm seine Kluft. Ob die Postkutsche noch eintrifft oder nicht, spielt keine Rolle in einer Klamotte, die erzählt ist wie wahllos aneinander gereihte Witzzeichnungen. Zu den weiteren Protagonisten zählen ein Zwergpony und eine derb-resolute Siedlerwitwe, die Mia Wasikowska in aller Eindimensionalität verkörpert, auf die das Drehbuch ihre Kunst beschränkt. Es ist eine quälend unlustige Komödie, die sich aus einem klischeehaften Halbwissen über die Westerngeschichte nährt. Ebenso gut hätte man „Der Schuh des Manitu“ in einen internationalen Wettbewerb heben können, das wäre immerhin lustiger gewesen.

Aber was hilft die Erfahrung, dass niemand, der von weither anreist, eine schlechte Komödie sehen will, wenn eine andere Berlinale-Konvention noch immer eine höhere Wertigkeit genießt: Wie so oft wurde ein Film trotz offensichtlicher Probleme eingeladen, nur weil man mit ihm zwei Weltstars an die Spree bekommt. Provinzieller geht es nicht. Das in Paraguay angesiedelte Drama „Las Herederas“ ist dagegen ein typischer Festivalfilm, der die Erwartungen erfüllt, ohne darüber hinaus zu wachsen. Wie so oft im Art House Kino aus Lateinamerika steht das Psychogramm einer Außenseiterfigur im Mittelpunkt. Chela, die alternde Bewohnerin einer einstmals herrschaftlichen Wohnung, ist plötzlich auf sich allein gestellt, als ihre Lebensgefährtin wegen Überschuldung ins Gefängnis muss. In der Begegnung mit einer jüngeren Frau werden vergessene Hoffnungen und Sehnsüchte lebendig, ohne der Heldin etwas von ihrer Lebensangst zu nehmen. Es ist eine durchaus warmherzige Studie in latenter Depression, der immer dann gewinnt, wenn sich das Kammerspiel ein wenig öffnet, zum Beispiel in den Gefängnisszenen.

Doch wie seine Protagonistin findet er nicht aus seiner Haut, in diesem Fall aus den Konventionen eines doch recht formelhaften Psychogramms. Für Regisseur Marcelo Martinesi ist es der erste Langfilm, doch man hätte sein Werk lieber noch gerne etwas reifen gesehen vor einer Einladung zu einem der wichtigsten A-Festivals der Welt. Auch im 17. Jahr nach Dieter Kosslicks Antritt als Programmchef wiederholt die Berlinale dieselben Fehler.

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