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Auf dem roten Teppich: Wachsfiguren und Timur Bartels, Preisträger des Deutschen Schauspielpreises.
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Auf dem roten Teppich: Wachsfiguren und Timur Bartels, Preisträger des Deutschen Schauspielpreises.

Berlinale

Berlinale ohne Publikum: Die Quarantäne-Berlinale

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Ausschließlich digital werden in dieser Woche 166 Filme virtuellen Fachbesuchern vorgeführt. Zum Auftakt eines Nicht-Festivals

Der einzige wiederkehrende Traum dieses Filmkritikers spielt um diese Jahreszeit. Es ist Berlinale, und er hat sie einfach vergessen. Erst als das Festival halb vorbei ist und zwanzig Filme verpasst sind, fällt es ihm auf – doch Menschentrauben versperren ihm den Weg ins Kino. Merkwürdig, dass niemand in der Redaktion sein Versäumnis bemerkt hat. Wie windet er sich aus der peinlichen Situation heraus? Welche Ausrede lässt sich finden?

Stellen Sie sich vor, es ist Berlinale und niemand geht hin. So ist es gekommen. Heute beginnt die erste Online-Ausgabe der Filmfestspiele, und auf den ersten Blick sieht das Programm fast aus wie immer: 166 Filme aus 59 Ländern feiern Premiere, davon 15 im Internationalen Wettbewerb. Das ist etwas weniger als sonst, aber hat man sich das nicht immer heimlich gewünscht?

Fünf Tage für mehr als 150 Filme

Doch nun kommt die Schattenseite: All diese Filme drängeln sich auf einem Zeitraum von nur fünf Tagen; jeder einzelne Beitrag ist nur 24 Stunden lang für die Tagespresse zu sehen. Schlechter Akkreditierte müssen sich an noch engere Zeitfenster halten. Zwei Wettbewerbsfilme fehlen komplett: Dominik Grafs Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ und Daniel Brühls Berliner Sozialsatire „Nebenan“ könnten am kommenden Freitag zu den ersten Bären-Gewinnern zählen, die nur die Jury gesehen hat – bis zwischen dem 9. und 20. Juni (hoffentlich) noch einmal alles in Berliner Kinos vorgeführt wird. Es wird ein Alptraum. Wie es aussieht, stellt diese Quarantäne-Berlinale das nächtliche Horrorszenario des Filmkritikers in den Schatten.

Wer denkt sich denn so etwas aus? Online-Festivals gibt es nun schon seit dem letzten Frühling. Zwar hatte die Filmerfahrung, die sie ermöglichen, nichts mit einem echten Festival in richtigen Kinos zu tun, aber ein gewisser Komfort war ihnen eigen: Man konnte seine Zeit frei planen und für ein Publikum schreiben, das, wenn es wollte, von überall in Deutschland aus ebenfalls online zuschauen konnte. Nicht einmal das erlaubt uns das Direktorengespann Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, und sie sagen in ihrem Geleitwort auch nicht, warum. Im besten Corona-Krise-Politiker-Sprech erklären sie: „Die 71. Berlinale muss unter besonderen Bedingungen stattfinden, die neue Wege und ein Umdenken erfordern. Nicht nur weil wir uns den Filmemacher*innen verpflichtet fühlen, die ihre Filme für das Festival angemeldet haben, wir fühlen uns auch dem Publikum verpflichtet“. Die Filmpresse erwähnen sie nicht, ebenso wenig scheint das berechtigte Interesse des Publikums eine Rolle zu spielen, zu den ersten zu zählen, die einen Film zu sehen bekommen.

Die Filme sollen ihren Premierenstatus behalten

Liegt nicht darin das Erfolgsgeheimnis dieses Publikumsfestivals seit 1951? Dass es eben keine Hierarchien geben sollte zwischen Branche und Öffentlichkeit? In Cannes kann sich niemand eine Karte für eine Premiere kaufen. Man muss eine Einladung haben – oder jemanden kennen, der eine verschenkt. Das war in Berlin glücklicherweise immer anders. Der eigentliche Grund für den Ausschluss des Publikums für die Online-Ausgabe steht im Kleingedruckten: „Der Terminus ‚Weltpremiere‘ soll heißen, dass diese Filme noch keinem Publikum gezeigt worden sind. Da sie nun lediglich einem professionellen Publikum (Industrie und Presse) zugänglich gemacht werden, werden sie ihren Premierenstatus behalten, bis sie öffentlich in Kinos gezeigt werden.“

So bleibt es den Filmemachern oder Produzenten möglich, ihre Werke auch anderen Festivals anzubieten oder sie zwischenzeitlich ins Kino zu bringen. Denkbar, dass den Berlinern im Juni Filme gezeigt werden, die ihre Premieren auf anderen Festivals bereits hatten. Aber welches Verständnis von Öffentlichkeit spricht aus dieser Definition von Premierenstatus? Eine Premiere definiert sich nach dem Wortstamm durch ihre Erstmaligkeit. Strenge Embargos verhinderten bei vergangenen Berlinalen, dass Kritiken vor der öffentlichen Aufführung zu lesen waren. Nun wird die Presse einfach der Nichtöffentlichkeit, den Profis der Branche, zugerechnet. Aber die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus. So klein man die Löcher im Lattenzaun, durch den wir Kritiker diese Filme sehen dürfen, auch hält – jeder Film wird in irgendeinem Medium besprochen werden. Und damit für die breite Öffentlichkeit im Juni nicht mehr ganz unbekannt sein. Allerdings hätte man viele der Filme wohl nicht einfach bis Juni in der Kiste lassen wollen. Ein erster Blick ins Programm verheißt eine Mischung, bei der Düsteres das Komödiantische überwiegt – und erste filmische Reflexionen der Pandemie.

Der Alptraum einer Lehrerin

Einer der wenigen Filme, die bereits in unserer maskierten Wirklichkeit spielen, ist freilich eine Komödie über die Düsternis. Der Rumäne Radu Jude lässt in „Bad Luck Banging or Lonely Porn“ eine Lehrerin einen Alptraum innerhalb des pandemischen Alptraums durchleben. Sie ist – obwohl maskiert – in einem Amateurporno erkannt worden, der zu einem Internetphänomen geworden ist. Nun steht sie im Mittelpunkt erhitzter Debatten über einvernehmlichen Sex und Pornographie und allerhand Verschwörungstheorien.

Kein Kind der Krise, aber doch eine Reflexion einer Zeit, die Zwischenmenschliches durch künstliche Intelligenz ersetzt, ist der deutsche Beitrag „Ich bin dein Mensch“: Maria Schrader inszeniert ein Drehbuch von Jan Schomburg, der das seltene Talent besitzt, eine poetische Irrealität in Gegenwartsgeschichten einzuflechten. Nach einer Erzählung von Emma Braslavsky erlebt eine Berliner Wissenschaftlerin eine tragikomische Frankensteiniade, als sie sich ihren perfekten Roboter-Partner kreiert.

Und was erleben wir? Eine Irrealität? Die Geburt eines virtuellen Monsters, des Nicht-Festivals im Internet? Das Verhältnis dieser Berlinale zu ihrem kostbarsten Gut, der Öffentlichkeit, erscheint so widersprüchlich wie die Corona-Politik, die es überschattet. Gleichzeitig Ja und Nein zu sagen, hat noch niemals funktioniert.

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