Filmfestspiele Berlin

Berlinale mit einer großen Entdeckung aus der Schweiz – und weiterhin wenig Politik

Von Daniel Kothenschulte

Simon Wisler in „Drii Winter“ von Michael Koch.

Wettbewerbsfilme der Berlinale aus der Schweiz, China, Katalonien und Deutschland.

Ist denn schon wieder Berlinale?“ Die Überraschung gleich mehrerer Berliner Bekannter gibt dann doch zu denken. Vor der Pandemie war Deutschlands größtes Filmfestival in der Hauptstadt kaum zu übersehen. Doch obwohl nun alle Zeichen auf Öffnung stehen, bemerkt man nicht viel davon. Keine Parties bedeuten auch weniger Taxis, und selbst auf dem Potsdamer Platz fehlen die Großplakate. Und sogar der Applaus in den Pressevorführungen klingt deutlich dünner als gewohnt, auch bei Filmen, die ihn wirklich verdienen. Mit dem Schweizer Alpendrama „Drii Winter“ hätte das kleine Filmland die seltene Chance auf einen Goldenen Bären.

Für den Filmemacher Michael Koch, der an der Kölner Kunsthochschule für Medien studiert hat, ist es erst der zweite Spielfilm, doch schon die ersten Bilder verraten eine seltene Stilsicherheit. Mit wenigen Strichen skizziert er die Liebesgeschichte eines jungen Paars, das in einem kleinen Dorf sein Glück gefunden hat.

Man wird unwillkürlich an Terence Malick erinnert in der Art, wie hier die Inszenierung der Landschaft emotionale Räume schafft, doch Michael Koch ist kein schwelgerischer Ästhet wie der Amerikaner. In der konzentrierten Arbeit mit Laien bremst er zugleich die Romantik. Armin Dieroffs Kameraarbeit komponiert das klassische 4:3-Format formbewusst, aber doch unaufdringlich; langsam entfaltet sich darin das Drama: Ein Tumor hat sich bei dem jungen Mann im Gehirn da eingenistet, wo die Impulskontrolle steckt. Die unvermeidliche Persönlichkeitsveränderung verkehrt die gerade noch positiven Vorzeichen der Liebesbeziehung ins Gegenteil.

Wenn von dem Berlinale-Wettbewerb 2022 nur diese eine Entdeckung eines Ausnahmetalents in Erinnerung bliebe, hätte er sich doch bereits gelohnt. Ausgerechnet im Rahmen eines Alpendramas erfindet Koch das Kino förmlich neu – mit klassischen Elementen, die er entstaubt und einbringt, als hätte man sie noch nie benutzt. Es ist eine Inszenierung, die gleichermaßen asketisch ist wie überwältigend, die offen ist für Improvisation und doch nichts dem Zufall überlässt. Und mit zwei Naturtalenten vor der Kamera bekannt macht, Michèle Brand und Simon Wisler.

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Offensichtlich entdecken derzeit auch andere Filmemacher und Filmemacherinnen die Fotogenität traditioneller Landwirtschaft. Aus China kam „Return to Dust“ von Li Ruijun in den Wettbewerb: Hier steht ebenfalls ein hart arbeitendes Ehepaar in einem Bauerndorf im Mittelpunkt, doch so herzergreifend auch hier Liebe und Leid inszeniert sind, unterscheiden sich beide Filme wie Tag und Nacht. Nichts trennt die konservative Inszenierung in „Return to Dust“ von jenem staatstragenden sozialistischen Realismus, der bereits in den frühen achtziger Jahren von den Filmemachern der Fünften Generation aufgemischt wurde.

Der Berlinale-Gewinn von Zhang Yimous „Rotes Kornfeld“ trug 1988 maßgeblich zum Ruhm dieser Strömung bei. Der 39-jährige Li Ruijun scheint dieser Bewegung nachzueifern, doch es fehlt ihm an jedem poetischen Einfall, der einen Ausbruch aus dem Formelhaften ermöglichen könnte. Oder ist vielleicht gerade das Unpersönliche des alten Staatskinos heute wieder besonders opportun?

Umso liebenswerter das dritte Bauernstück, „Alcarràs“ aus Katalonien. Die Filmemacherin Carla Simón erzählt von einer Familie, die jeden Sommer mit der Pfirsichernte auf einer Plantage verbringt, angelegt schon von den Urgroßeltern. Dieser Sommer aber könnte der letzte sein: Der natürliche Anbau ist unwirtschaftlich geworden, und reihum verkaufen die Landwirte ihren Besitz an einen Betreiber von Solaranlagen. Doch diese umweltpolitische Perspektive bleibt unaufdringlich. Das Kunststück der Regisseurin Carla Simón besteht darin, den Film weitgehend aus der Perspektive spielender Kinder zu erzählen, die wenig von den Sorgen ihres verzweifelten Vaters mitbekommen. So ist über einen bedrohlichen kulturellen Wandel ein gleichwohl beglückender Film entstanden.

Noch verwegener ist freilich das Kunststück Andreas Dresens, ausgerechnet eine der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen der westlichen Welt zum Anlass für eine Komödie zu nehmen: das Lager auf Guantanamo.

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ist eine Tour de Force der Kölner Moderatorin und Comedienne Meltem Kaptan in der Rolle der Mutter des unschuldig inhaftierten Murat Kurnaz. An der Seite von Alexander Scheer – in der Rolle des Anwalts im jahrelangen, meist aussichtslos erscheinenden Kampf – trägt sie den Film. Was fehlt, ist jede Erwähnung eines Politikers, der maßgeblich an der Verhinderung von Kurnaz’ Freilassung beteiligt war. So trübte nichts am Premierenwochenende die glückliche Wiederwahl von Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsident. Unter den abwesenden Dauergästen dieser Berlinale fehlt einer besonders: der politische Zündstoff.

Alexander Scheer und Meltem Kaptan in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

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