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Eine ganz normale sechste Klasse in Stadtallendorf, mit weißer Mütze: Herr Bachmann. Foto: Grandfilm
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Eine ganz normale sechste Klasse in Stadtallendorf, mit weißer Mütze: Herr Bachmann.

Dokumentarfilm

Berlinale-Liebling „Herr Bachmann und seine Klasse“ im Kino: Klassenverhältnisse

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Maria Speths Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“, unterhaltsamer als viele Spielfilme, feiert die Schule als Kulturraum.

Das Kino und die Schule haben etwas gemeinsam: Man kann beides nicht ersetzen durch Online-Aktivitäten. Es war nicht ohne Ironie, dass Maria Speths Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ im vergangenen Februar seine Berlinale-Premiere nur im Internet erleben konnte – analog zum „Homeschooling“, dieser unseligen Nebenwirkung der Pandemie.

Die Langzeitstudie aus einer sechste Gesamtschulklasse im hessischen Stadtallendorf war ein Höhepunkt des Festivals, der „Goldene Bär der Herzen“, könnte man es blumig formulieren. Aber anders als in der Schule haben Kritiker ja keine Stilnoten zu fürchten.

Der „große Jurypreis“ war mehr als verdient. Erst bei den im Sommer nachgeholten Open-Air-Vorstellungen konnte das herzerwärmende Plädoyer für Bildung, Zusammenhalt und Chancengleichheit dann auch dem großen Kinopublikum die Tränen in die Augen treiben. Klassenlehrer Bachmann, der alternde Rockfan mit Wollmütze und AC/DC-Pullover, hat eine Leinwandpräsenz, wie sie auch im Spielfilm nur schwer zu erreichen ist. In Hollywood würde ihn vielleicht Tom Hanks verkörpern.

Realität in Spielfilmqualität?

In der Welt des großen Spielfilms sind Schulfilme ein Genre für sich. Wer eine streng dokumentarische Ethik verficht, könnte „Herr Bachmann und seine Klasse“ die Nähe zur oft sehr starken Wirkungskraft dieser Filme zum Vorwurf machen. Wenn man den Lehrer mit seiner Gitarre im Klassenzimmer erlebt, denkt man unwillkürlich an Richard Linklaters Komödie „School of Rock“ mit Jack Black oder gar an den Anarcho-Klassiker „Rock’n’Roll High School.“ Ist es also so, dass die Filmemacherin in der Realität eine Spielfilmqualität aufspürte, die sich einfach einfangen und zu ähnlicher Wirkung ließ?

Es wird wohl eher umgekehrt ein Schuh daraus: Alle wirklich guten Schulfilme, angefangen mit Jean Vigos „Betragen ungenügend“ über Truffauts „Taschengeld“ bis zu herausragenden Teenagerfilmen wie „The Breakfast Club“, haben eine soziale Aussage. Stets geht es um Integration, um Förderung, um Überwindung von Klassenschranken und das Recht auf Selbstentfaltung. Und das wiederum sind klassische Themen des Dokumentarfilms. Es geht in Speths Film eben nicht um die sentimentale Jugend-Verklärung der „Feuerzangenbowle“.

Vermutlich hat sie trotz der drei Stunden und 37 Minuten, die ihr Film nun lang ist, noch eine Menge Szenen übrig, die uns das Herz erwärmen würden. Weil sie uns wie so vieles in diesem Film daran erinnern, was wir selbst solch passionierten Lehrern verdanken, die uns spielerisch mit Kultur fürs Leben infizierten.

Viele Menschen lesen die einzigen Bücher ihres Lebens in der Schule und werden danach auch nie mehr zu einem Musikinstrument oder einem Farbkasten greifen. Schwer vorstellbar, dass man nach Corona nachholen wird, was Herr Bachmann am besten kann: Musikunterricht als integratives Jammen, individuelle Nachhilfe für fremdsprachige Kinder, Motivation und Einfühlung.

Als Dokumentarfilm entwickelt Speths Werk eine einem großen Spielfilm vergleichbare Intensität, was durch die lange Laufzeit noch gesteigert wird. Es entsteht das Gefühl einer kostbaren Vertrautheit, als hätten uns diese Kinder persönlich eingeladen, an ihrem Leben zu partizipieren. Auch das berührt möglicherweise Fragen der dokumentarischen Ethik. Ist es überhaupt legitim, so viel Intimität von Kindern abzuschöpfen? Wie werden sie später auf dieses Dokument ihrer vielleicht nicht immer glänzenden schulischen Leistungen zurückblicken? Aber auch hier ließe sich argumentieren: Wenn Minderjährige in Spielfilmen agieren, entstehen ganz andere Probleme, schließlich streift man die Grenze zur Kinderarbeit.

Diskrete Spielräume

Alle Kinder werden in diesem Film zu unverwechselbaren Protagonisten und Protagonistinnen, die Breitwandkamera von Reinhold Vorschneider gibt ihnen weite, diskrete Spielräume, niemand scheint sich durch die Aufnahmesituation bedrängt zu fühlen. Und wie man einen so guten Ton in Realsituationen aufnehmen kann, möchte man Tonmeister Oliver Göbel gerne persönlich fragen.

Die aufklärerische Botschaft aller guten Schulfilme, das Plädoyer für Chancengleichheit, wurde in dieser Gesellschaft niemals eingelöst. Tatsächlich entfernen wir uns immer weiter von den sozialpolitischen Idealen der siebziger Jahre als die Parole einer „Kultur für alle“ auch in die Bildungspolitik hineinwirkte.

Ein Film über eine Klasse von Kindern, die überwiegend einen Migrationshintergrund haben, wirft auch die Frage auf, warum an vielen Schulen die ethnische Herkunft die Einteilung der Klassen bestimmt. Es ist ein großer Gewinn, dass endlich über Rassismus in Deutschland gesprochen wird, doch kein Kraut scheint gewachsen gegen den Klassismus. Die Förderung bildungsferner Schichten ist eine elementare Aufgabe jeder Schulpolitik, aber Lehrer wie Herr Bachmann sind unbesungene Helden. Ebenso wie die Schülerinnen und Schüler in dieser schwierigen Zeit. Ein kleines filmisches Denkmal kommt da gerade recht, noch dazu ein so unterhaltsames.

Herr Bachmann und seine Klasse. Dokumentarfilm. D 2021. Regie: Maria Speth. 217 Min.

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