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Dominik Grafs „Fabian“, hier Tom Schilling mit Meret Becker. Foto: Hanno Lentz / Lupa Film
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Dominik Grafs „Fabian“, hier Tom Schilling mit Meret Becker.

Erich Kästners „Fabian“

Die Traurigkeit von Babelsberg

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Dominik Grafs Verfilmung von Erich Kästners „Fabian“ rangiert haushoch über dem bisherigen Wettbewerbsprogramm der digitalen Berlinale.

Kann man einen jungen Autor darum beneiden, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein? Erich Kästners „Fabian“ durchstreift um 1931 – da erschien die Originalausgabe des Romans – das babylonische Berlin. Der ausschweifende Hedonismus weckt in ihm freilich eine ebensolche Skepsis wie die künstlerischen Extreme seiner Zeit: Das Problem mit der Avantgarde, sagt er süffisant in Dominik Grafs Verfilmung, sei, dass sie immer so avantgardistisch sein müsse.

In diesem Wort kann man nicht nur Kästner wiederfinden, den in seiner literarischen Bedeutung oft Verkannten, sondern vielleicht auch das Dilemma dieses Films in dieser Berlinale. Nach zwei Dritteln und reichlich Pseudo-Avantgarde zeigt sich der Wettbewerb auf tief enttäuschendem Niveau, Grafs Film spielt in einer anderen Liga. Das sollte das Kompliment nicht entwerten, ihn als ersten Anwärter für den Goldenen Bären auszumachen – auch in besseren Jahrgängen hätte er sich gut geschlagen.

Tom Schilling als Fabian ohne obligatorischen Hut

Höchst elegant führt Graf in der Eröffnungseinstellung über einen der schönen historischen Berliner U-Bahnhöfe von der Gegenwart in die Vergangenheit. Auch in den folgenden drei Stunden bleibt Tom Schillings Hauptfigur immer noch vielleicht nicht mit einem ganzen Fuß aber doch mit einem Schuhabsatz im Heute: Sei es in der schwer erklärlichen Zurückhaltung im damals obligatorischen Hüte-Tragen auf der Straße oder in einem modernen Sprachduktus. Graf macht ihn in seiner Inszenierung zugleich zu unserem Zeitgenossen. Wie auch die filmische Form teils frühere Stilmittel (Stummfilm-Zwischentitel) oder spätere Technologien – (Super8 oder Video-Handkamera) einsetzt.

Radu Judes „Bad Luck Banging ...“.

Gleichermaßen ökonomisch wie effektvoll ersetzen eingeschnittene dokumentarische Stummfilmbilder aufwändige Massenszenen und liefern ein paar Extra-Takte „Großstadtsinfonie“. Ein wenig scheint es, als wolle Graf mit diesen Stilmitteln Kästners Neue Sachlichkeit avantgardistischer erscheinen lassen, als sie sich seinerzeit verstand.

Wie auch die Sets wie so oft, wenn heutige Filme diese Zeit beschwören, etwas mehr Art-Deco- und Bauhaus-Schick ausstrahlen, als damals alltäglich war. Aber es sieht alles doch sehr viel besser aus als „Babylon Berlin“ und wirft keinen Schatten auf das eigentliche Herz des Films, die luftig-sinnliche Inszenierung der Liebesgeschichte mit Saskia Rosendahl als Fabians Freundin Cornelia Battenberg. Sie spielt nicht nur einen neu geborenen Star, sie ist es auch nach diesem Film.

Als Zaungast ihres Vorsprechens bei der Ufa flüchtet sich Fabian traurig aber entschlossen, sie zu vergessen, in die Kulissen der Filmstadt. Es ist eine ikonische Szene über Glanz und Schatten des Filmemachens und vielleicht das Bild, das von dieser Berlinale bleiben wird.

Radu Jude bekommt in seinem Berlinale-Beitrag die Corona-Gegenwart nicht zu fassen

Dem Rumänen Radu Jude gelang es nicht, der Corona-Gegenwart ein filmisches Denkmal zu setzen. Seine Satire „Bad Luck Banging or Loony Porn“ über eine Lehrerin, die Masken-tragend in einem Amateur-Porno erkannt wird, beginnt selbst mit einer Übergriffigkeit: Noch vor den Titeln wird das Corpus Delicti mit den üblichen Stellungswechseln minutenlang auf die Leinwand geworfen. Das lässt auch den anschließenden Wechsel in die Konventionen Festival-bewährter Avantgarde-Ästhetiken kalkuliert erscheinen. Eine halbe Stunde durchmisst die Protagonisten das von der Pandemie geprägte Bukarest, während ihre Telefongespräche den Plot weiterbringen sollen.

Auch der Ungar Bence Fliegauf erreicht in seinem mit bescheidenen Mitteln realisierten Ensemblefilm „Rengeteg“ nicht das Niveau seiner früheren Filme wie etwa dem Berlinale-Beitrag „Just the Wind“. Berühmt für visuelle, wortlose Inszenierungen, setzt er diesmal ganz auf Dialoge, in denen sich sieben fragmentarische Erzählungen vermitteln – ein aufgesetzter, theatralischer Expressionismus nimmt den verrätselten Geschichten ihr Geheimnis.

Céline Sciammas „Petite Maman“.

Die meisten Filme dieses Wettbewerbs wären wohl sonst durch das Raster gefallen. Der Franzose Xavier Beauvois hätte mit seinem biederen Familiendrama „Albatros“ um einen krisengeschüttelten Polizisten an einem verschlafenen Normandie-Ort in Cannes wohl keine Chance gehabt. Immer wieder heben Festivals bekannte Regisseure mit offensichtlichen Nebenwerken in ihre Wettbewerbe, da sollte man besser Unbekannten eine Chance geben.

Ein Berlinale-Lichtblick von Céline Sciamma

Eine sympathischere Petitesse ist ein weiterer französischer Beitrag, Céline Sciammas 72-Minuten-Film „Petite Maman“: Eine Achtjährige erlebt den Tod ihrer geliebten Oma und muss zugleich mit der Abwesenheit ihrer Mutter fertigwerden. In der Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Mädchen, das sie in einem Wald kennenlernt, verarbeitet sie ihre Trauer. Ist das Mädchen vielleicht eine Inkarnation ihrer eigenen Mutter als Kind?

Sciamma, dem wir 2019 den furiosen Cannes-Beitrag und Kunstkino-Erfolg „Portrait of a Lady on Fire“ verdankten, widerstand der Versuchung, eine poetische Miniatur zu falscher Größe aufzublasen. Dennoch hätte es ein lebendigerer, weniger didaktischer Film werden können. Die Dialoge der Kinder bleiben einer Erwachsenen-Diktion verhaftet, werden nicht lebendig. Viele kleine Filme machen kein großes Festival – auch wenn Sciammas Beitrag zu den Lichtblicken gehört.

Schon am heutigen Freitagmittag wird man erfahren, wer die Gewinner sind.

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