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Zhang Yimou, Venedig 2018.

Berlinale

Gute und böse Filme

Wegen angeblich technischer Probleme fällt der chinesische Beitrag von Zhang Yimou aus.

Für die Berlinale ein nicht alltäglicher Fall: Der Film „One Second“ des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou kann aufgrund „technischer Probleme bei der Post-Produktion“ nicht gezeigt werden. So behauptet es zumindest die Festivalleitung. Fast zeitgleich kursierten Gerüchte, dass womöglich politische Gründe hinter der Entscheidung stecken. 

Anlass für die Spekulationen bildet vor allem der Plot des Films: Er spielt während der Kulturrevolution (1966–1976) unter Mao Zedong – einer Periode, die in China aufgrund seiner sozialen Verwerfungen bis heute als Tabuthema gilt. Zwar hat sich die Kommunistische Partei von der Paranoia und den öffentlichen Hetzjagden distanziert, das kollektive Trauma jedoch nie öffentlich aufgearbeitet. 

Wie er die Grenzen auslotet

Gleichzeitig jedoch hat der 68-jährige Zhang Yimou, der 1988 mit „Rotes Kornfeld“ den Goldenen Bären gewonnen hatte, bereits mit kühneren Stoffen die Grenzen des Systems ausgelotet: Sein 2014 veröffentlichter Film „Guilai“ – chinesisch für „Rückkehr“ – wurde zwar erst nach einer Überarbeitung des Drehbuchs genehmigt. Dann jedoch erhielt der Film eine Belobigung der Behörden – trotz des sensiblen Plots über eines Intellektuellen namens Lu Yanshi, der nach einem Studium in den USA zurück in China als konterrevolutionär gebrandmarkt und in ein Arbeitslager gesteckt wurde. 2014 war „Guilai“ in Cannes aufgeführt worden. 

Obwohl Zhang Yimou sich gleichfalls mit gesellschaftskritischen Themen wie auch dem Genre-Kino beschäftigt hat, sieht er sich nicht als politischer Regisseur. Als erfolgreichster Vertreter der sogenannten „fünften Generation“ ereilte ihn zudem nicht das gleiche Schicksal wie so viele ostasiatische Arthouse-Filmemacher, die vom heimischen Publikum weitgehend verschmäht, von internationalen Festival-Jurys hofiert werden. Zwischendurch wurde Zhang Yimou und seine Arbeit durchaus auch von der Pekinger Zentralregierung angenommen. So führte er bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 die Regie bei der Eröffnungs- und Schlussfeier.

Dabei war ihm seine Laufbahn alles andere als in die Wiege gelegt: Da sein Vater als Kuomintang Soldat diente, wurde der jugendliche Zhang während seines Uni-Studiums aufs Land zur Fabrik- und Feldarbeit geschickt. Dank Blutspenden konnte er sich schließlich seine erste Kamera leisten. Als er sich 1978 für ein Studium an der renommierten Pekinger Filmakademie bewarb, lag er bereits vier Jahre über der Altersgrenze. Doch aufgrund seines beeindruckenden Portfolios wurde er mit einer Sondergenehmigung zugelassen. Seither drehte er zwei Dutzend Filme, stets mit minimalistischen Dialogen und einer überaus originellen Farbdramaturgie.

Im Jahr 2008 hat Wikileaks ein Tischgespräch zwischen den damals amtierenden US-Botschafter in Peking und dem heutigen Machthaber Xi Jinping veröffentlicht: Darin gab Xi seine Meinung über amerikanische Filme über den Zweiten Weltkrieg zum Besten, die er für seine klare Unterscheidung zwischen gut und böse schätzen würde. Die Werke von Regisseur Zhang Yimou hingegen würden sich zu sehr auf negative Dinge fokussieren: „Einige chinesische Regisseure vernachlässigen die Werte, die sie eigentlich voranbringen sollten“, lässt Xi Jinping darin verlauten.

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