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Mara Eggert gewinnt einen Silbernen Bären für ihre Hauptrolle in „Ich bin dein Mensch“ (hier ein Filmstill).
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Mara Eggert gewinnt einen Silbernen Bären für ihre Hauptrolle in „Ich bin dein Mensch“ (hier ein Filmstill).

Digitale Berlinale

Auch böse zu sein, ist ein Gefühl

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Zum Ende der Online-Berlinale: Maria Speths großartiger Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ entschädigt für Radu Judes problematischen Gewinnerfilm.

Auch eine Online-Berlinale hat ihre Dramaturgie. Nur einen Tag lang war jeder Festivalfilm digital zu sehen, was es auch bei einem auf fünf Tage gestauchten Programm erlaubte, den erhofften finalen Höhepunkt zu setzen. „Herr Bachmann und seine Klasse“ heißt dieses sorgsam platzierte Juwel, Maria Speths Dokumentarfilm aus einer 6. Gesamtschulklasse im hessischen Stadtallendorf. Der Silberne Bär als Jurypreis ist mehr als verdient. Man kann sich gut vorstellen, wie dieses herzerwärmende Plädoyer für Bildung, Zusammenhalt und Chancengleichheit einem ganzen Kinopublikum die Tränen in die Augen getrieben hätte. Nun bringt uns Klassenlehrer Bachmann, der alternde Rockfan mit Wollmütze und AC/DC-Pullover, eben im Lockdown-Heimkino zum Weinen. Nicht nur, weil er uns daran erinnert, was wir selbst solch passionierten Lehrern verdanken, die uns spielerisch mit Kultur fürs Leben infizierten, sondern weil er bewusst macht, was die Schulschließungen gerade Millionen Kindern genommen haben.

Viele Menschen lesen die einzigen Bücher ihres Lebens in der Schule und werden danach auch nie mehr zu einem Musikinstrument oder einem Farbkasten greifen. Schwer vorstellbar, dass man nach Corona nachholen wird, was Herr Bachmann am besten kann: Musikunterricht als integratives Jammen, individuelle Nachhilfe für fremdsprachige Kinder, Motivation und Einfühlungsvermögen.

Wie viele Filme haben schon der Schulzeit Denkmäler gesetzt, „Herr Bachmann und seine Klasse“ hat alles Zeug zum Klassiker. Als Dokumentarfilm entwickelt er die gleiche emotionale Intensität wie etwa Truffauts klassischer Spielfilm „Taschengeld“. Alle Kinder werden zu unverwechselbaren Figuren, die Breitwandkamera gibt ihnen weite, diskrete Spielräume, niemand scheint sich durch die Aufnahmesituation bedrängt zu fühlen. Und wie man einen so guten Ton in Realsituationen aufnehmen kann, möchte man Tonmeister Oliver Göbel gerne persönlich fragen.

Und so war es wie so oft bei einer Berlinale: Auch ein überaus enttäuschender Wettbewerb kann am Ende doch noch versöhnen mit der Kraft des Kinos. Und wie sich herausstellt, sagt auch eine Feier des Lebens in einem guten Film mehr über den Verlust der Corona-Zeiten aus als eine schnell geschriebene Satire im Kunst-Gewand wie Radu Judes „Bad Luck Banging or Loony Porn“.

Radu Jude, ausgezeichnet für den besten Film.

„Der Film attackiert den Betrachter, provoziert Widerspruch, aber belässt niemandem die sichere Distanz“, lobte die diesmal nur sechsköpfige, vorsitzlose Jury, der ausschließlich Autorenfilmemacherinnen und -filmemacher mit Festivalerfahrung angehörten: die Ungarin Ildikó Enyedi, Nadav Lapid aus Israel, der Iraner Mohammad Rasoulof, der italienische Dokumentarfilmmeister Gianfranco Rosi und Jasmila Žbanic aus Bosnien-Herzegovina sowie die Rumänin Adina Pintilie.

Auch über deren Berlinale-Gewinnerfilm von 2018, „Touch Me Not“, ließ sich streiten, aber auf weit höherem Niveau. Provokant an Radu Judes aufdringlicher Satire über Corona und Sexual Correctness ist lediglich der unvermittelte Einstieg über Pornoszenen. Alles, was danach kommt, wirkt doch eher in die erwartbaren Formen eines pseudo-experimentellen Festivalkinos gezwängt.

DIE PREISE:

Goldener Bär für den Besten Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude

Silberner Bär Großer Preis der Jury „Wheel of Fortune and Fantasy“ von Ryusuke Hamaguchi

Silberner Bär Preis der Jury „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth

Silberner Bär für die Beste Regie Dénes Nagy für „Natural Light“

Silberner Bär Schauspielerische Leistung(Hauptrolle) Maren Eggert in „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader

Silberner Bär Beste Schauspielerische Leistung (Nebenrolle) Lilla Kizlinger in „Forest – I See You Everywhere“ von Bence Fliegauf

Silberner Bär für das Beste Drehbuch Hong Sang Soo für „Introduction“

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung Yibrán Asuad für die Montage von „A Cop Movie“ von Alonso Ruizpalacios

Reihe Encounters

Bester Film „We“ von Alice Diop

Spezialpreis der Jury „Taste“ von Lê Bao

Beste Regie „Das Mädchen und die Spinne“ von Ramon Zürcher und Silvan Zürcher und „Sozialhygiene“ von Denis Côté epd

Wenn die Farce über eine Lehrerin, die trotz Maske in einem Amateur-Porno erkannt wird, die Zeit überdauern sollte, dann für ihre zentrale semi-dokumentarische Sequenz: Etwa eine halbe Stunde streift die tragische Heldin da durch das teil-maskierte Bukarest. Radu inszeniert diese ausladende Sequenz im elegischen Impressionismus eines Tsai Ming-Liang, banalisiert sie aber zugleich durch ihre narrative Funktion: Allein über Handy-Telefonate der Protagonistin soll da der Plot vermittelt werden: „Was, jemand hat unser Video heruntergeladen und wieder ins Netz gestellt?“ Na, wenn das kein Thema für ein Handygespräch in der Öffentlichkeit ist.

Debatten um sexuelle Selbstbestimmtheit, feministische Porno-Kritik oder Corona-Disziplin werden lediglich gestreift, Position bezieht der Film kaum. Bei allem Respekt: Die provokative Frage ist natürlich nicht, ob das noch Filmkunst ist, selbstverständlich ist sie das. Streiten aber darf man darüber, welche Qualität ein Kunstwerk hat.

Bei Kunstausstellungen finden solche Debatten nur noch selten statt, bei Filmfestivals sind sie glücklicherweise noch lebendig. Ein Grund dafür ist, dass sie sich an ein breiteres Publikum wenden. Und Diskussionen werden auch nicht dadurch entschieden, dass ein Festival sich eine Jury einlädt, die zur Filmauswahl passt. Früheren Berlinale-Wettbewerben wurde abwechselnd ihre Mainstreamlastigkeit, ihre Glamour-Sucht oder ihre Abhängigkeit vom deutschen Förderkino vorgeworfen, während es immer wieder an anspruchsvollen Experimenten fehlte. Aber die Balance darf sich auch nicht zugunsten eines speziellen Festivalkinos verschieben, das den öffentlichkeitswirksamen Hunger nach Zeitgeistthemen auf Kosten der künstlerischen Substanz befriedigt.

So weit ist es noch nicht, auch wenn die Qualität des Gesamtprogramms unterdurchschnittlich ausfiel. Der biedere iranische Beitrag „Ballad of a White Cow“ von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam ist eine halbgare Auseinandersetzung mit der dort alltäglichen Todesstrafe, die offenbar nur als Problem gesehen wird, wenn sie wie in diesem Drama einen Unschuldigen trifft.

Maria Speth, deren Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ ein später Höhepunkt der Berlinale 2021 war.

Und der mexikanische Netflix-Dokumentarfilm „A Cop Movie“ bringt uns den Polizeialltag in Mexiko-Stadt mit vielen Re-Enactments auch nicht wirklich näher als eine konventionelle Doku-Soap – sieht aber besser aus. Mit einem Silbernen Bären wurde der Schnitt geehrt, der Dokumentarisches und Inszeniertes zur Unkenntlichkeit verschmilzt.

Wer konnte sich in fünf prallvollen Streaming-Tagen noch mit den anderen Sektionen befassen? Eine Wohltat waren die Kurzfilme des Forum Expanded. Eine wunderbare Entdeckung ist die restaurierte Fassung von Cynthia Beatts Essayfilm „Böse zu sein ist auch ein Beweis von Gefühl“. Entstanden 1983 für die Internationale Bauausstellung, nutzt er die moderne Architektur westlich des Potsdamer Platzes als metaphorischen Spielort für Leerstellen aller Art – kulturell oder sentimental. Und feiert sie doch auch als Freiräume. Meisterlich fotografiert von Elfi Mikesch, mischt Beatts Film herrlich ironische Dialogszenen über das Fremdsein, die sie mit Heinz Emigholz spielt, mit dokumentarischen Bildern.

Alles, wonach der Gewinnerfilm dieser Berlinale so verbissen sucht, die Verbindung von Diskurs, Dokument und Farce, gelingt hier so leichthändig und formal bezwingend, dass man sich fragen kann: Was sucht das heutige Festivalkino, das es nicht schon so viel besser hatte?

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