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Der rote Faden: Schlingensiefs Beziehung zum eigenen Land.

Gesamtkunstkino

Berlinale: Mitreißende Doku über Regisseur Christoph Schlingensief 

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Die Berlinale erinnert mit Bettina Böhlers mitreißendem Dokumentarfilm an den Allroundkünstler Christoph Schlingensief.

  • Der deutsche Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief starb vor fast zehn Jarhen.
  • Schlingensiefs Werk sprengte mit seinem Werk die Grenzen
  • Auf der Berlinale 2020 läuft Bettina Böhlers mitreißender Dokumentarfilm über den Allroundkünstler.

Berlin - Als vor fast zehn Jahren der Tod von Christoph Schlingensief vermeldet wurde, ließen es viele deutsche Feuilletons nicht bei einem einzelnen Nachruf bewenden. Ressortchefs trommelten ihre Film-, Theater-, und Kunstkritiker zusammen, um die verschiedenen Kontexte zu würdigen, über die der Oberhausener sein immenses Werk ausgeschüttet hatte. Nicht zu vergessen: das Musiktheater, das er sich in den letzten sechs Jahren seines Lebens von Bayreuth über Manaus bis Berlin in einem wahren Triumphzug erobert hatte. Das Fernsehen, dem er höchst persönliche Show-Formate wie „Talk 2000“ geschenkt hatte. Das Hörspiel. Die Literatur.

Berlinale 2020: Bettina Böhler mit Doku über Christoph Schlingensief 

Das Dilemma war an diesem traurigen, freilich arbeitsreichen Tag in den Redaktionen das Gleiche wie zu seinen Lebzeiten: Man wird Schlingensief nicht gerecht, indem man sein Grenzen sprengendes Werk wieder auf die klassischen Kunstsparten zurückverteilt. Nur: Niemand ist in all diesen Kunstformen gleichermaßen zu Hause, um es überschauen und verbindend betrachten zu können. Niemand außer Christoph Schlingensief selbst.

Ein Dokumentarfilm über Schlingensief muss folglich ein Montagefilm sein, der all diese Wirkungswelten – oder wie es die Medienwissenschaft lieber formuliert: Die Dispositive – wieder zusammenführt. Glücklicherweise gibt es einen idealen Ort dafür: In seiner Berliner Filmgalerie 451 archiviert, pflegt und restauriert Schlingensiefs langjähriger Video-Verleger Frieder Schlaich seit langem das Werk.

Und es gibt eine ideale Regisseurin für einen solchen Found-Footage-Film: Bettina Böhler, die große deutsche Editorin (auf dieser Berlinale auch mit Christian Petzolds „Undine“ vertreten), arbeitete früh mit Schlingensief zusammen, bei den Filmen „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“.

Berlinale 2020: Die kreativen Lebenslinien des Christoph Schlingensief 

Zehn Jahre sind vielleicht ein guter Abstand, um sich diesem Oeuvre ohne die bezwingende Präsenz seines Urhebers zu nähern. Ein wenig erinnert dessen Nachwirkung an die von Joseph Beuys: Als der Bildhauer und Performancekünstler starb, glaubten viele, sein Werk sei ohne ihn nicht mehr lesbar. Wie Beuys war Schlingensief ein unermüdlicher Vermittler der eigenen Arbeit. So auch jetzt: In Böhlers Film stammen alle Kommentare von ihm selbst. Der rote Faden für das Destillat aus dem Nachlass ist die Beziehung zum eigenen Land. Vor dieser Folie erzählt es vom Fluch und Segen der Provinz; vom Aufbegehren gegen das Unverständnis der Familie; vom Abgestoßen- und zugleich Angezogensein gegenüber trivialen Unterhaltungsformen; von Tempelsäuberungen und Palastrevolutionen.

In einer seiner späten Kunstinstallationen zeichnet Schlingensief kreative Lebenslinien auf, Geraden und Abwege. Tatsächlich erschließt sich sein Werk in der Rückschau mit der bezwingenden Unausweichlichkeit von Naturphänomenen, gezirkelt wie ein Spinnennetz: Von seinem böse-finsteren Bunkerfilm „100 Jahre Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ musste es ja – über Bayreuth – in den deutschen Pavillon der Venedig-Biennale gehen, wo er 2011 posthum einen Goldenen Löwen zugesprochen bekam.

Berlinale 2020: Schlingensiefs Karriere - Hindernisse erweisen sich als Chance

Das Faszinierende an der Rückschau auf Christoph Schlingensiefs Karriere ist, wie sich Hindernisse als Chancen erweisen. Wer als Zeitgenosse sein Filmwerk verfolgte, wird sich erinnern, wie gering bis zuletzt seine Akzeptanz in der Filmwelt war. Weder die akademische Avantgarde noch eine auf handwerkliche Standards pochende Branche akzeptierte den Autodidakten. Wer wusste schon, dass er auch weite Teile von Helge Schneiders Millionenhit „Texas“ inszeniert hatte? Sein letzter „großer“ Film, „Die 120 Tage von Bottrop“ polarisierte derart, dass ihn Frank Castorf, ein Bewunderer, gleichsam aus Trotz an die Berliner Volksbühne holte.

Wer die Kölner Premiere des Films mit Irm Hermann erlebte (Schlingensief stellte sie vor mit den Worten: „Meist wird sie ja mit Hanna Schygulla verwechselt“), erinnert sich auch an den Vorfilm, den Schlingensief ausgesucht hatte - Hellmuth Costards „Besonders wertvoll“. 1986 hatte der Kurzfilm des Oberhauseners die dortigen Kurzfilmtage gesprengt. Es war das erste Festival, das der achtjährige Schlingensief besuchte. Sofort machte er sich an sein Debüt in Normal 8. Zweimal lehnte ihn später die Münchner Filmhochschule ab, so lernte er sein Handwerk am Mülheimer Schneidetisch von Werner Nekes.

In einer Zeit, als sich eine unterhaltungssüchtige Filmindustrie heftig vom Erbe des „Neuen Deutschen Films“ distanzierte, fielen Schlingensiefs in rasantem Fluss entstehende Filmwerke zwischen alle Stühle. Für die große Festivalkultur fehlte ihnen der nötige Ernst, für die Experimentalfilmszene der dort geschätzte Formalismus. Obwohl Schlingensief fast alles über das Kino wusste, versteckte er sein Handwerkszeug hinter der Maske des vermeintlichen Dilettanten. Die Freiheit, die ihm das bescherte, entschädigte ihn für die fehlende institutionelle Anerkennung.

Berlinale 2020: Schlingensiefs Filme treten alle Konventionen des Mediums mit Füßen

Auch wenn Schlingensiefs Filme alle Konventionen des Mediums mit Füßen treten, eines betonten sie umso mehr: dass Film eine Kunstform ist. Schlingensief liebte das Kino wie kaum etwas anderes, aber es hielt sich zurück mit Gegenliebe. Das Theater war ihm eine dankbarere Bühne, doch erst im Blick auf das ganze mediale Spektrum, das er beherrschte, zeigt sich seine Größe. Man muss schon zurückgehen zu Jean Cocteau und Orson Welles, um einen Künstler zu finden, der ähnlich über alle Gattungsgrenzen triumphierte. Wie schön, dass es nun ein Kinofilm ist, der all diese Facetten wieder zusammenbringt.

Wirklich aufgehen aber kann und darf ein solches Puzzle natürlich nicht: Was immer Schlingensief anfasste, es war dissonant und kam nicht ohne Stachel aus. Ein wenig irritiert sie schon, die plötzliche Ordnung in der Übersicht.

Daniel Kothenschulte

Das Berlinale-Programm ist hochkarätig – doch die Ablehnung von Ai Weiweis großartigem Dokumentarfilm „Vivos“ ist unverständlich. Der Koreaner Hong Sangsoo und die Amerikanerin Eliza Hittman lassen Abel Ferraras Tiefpunkt „Sibiria“ vergessen. Überladen wirkt „Schwesterlein“, trotz der maßvollen Nina Hoss.

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