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Letzter Berlin-„Tatort“ (ARD) mit Meret Becker: „Das Mädchen, das allein nach Haus’ ging“

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Von: Judith von Sternburg

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Es ist einiges los, aber Meret Beckers „Tatort“-Abschiedsfolge nimmt keine Fahrt auf. An ihr liegt es nicht.

Berlin - Zum Abschied wird es meistens ein bisschen grundsätzlich. Rubin, Meret Becker, fragt Karow, Mark Waschke, ganz am Anfang, ob er mit ins Theater kommt. „Schauspieler“, sagt Karow abwinkend, „nee.“

Meret Becker, die am Sonntag in der 15. und letzten Rubin-Karow-Folge noch einmal alles gibt, hat ausgerechnet den Tatort zu einem Podium für emotional hochgestimmte Schauspielkunst gemacht, für offensive Verletzlichkeit, elegisches Drama und eine enorme Körperlichkeit. Damit ist Meret Beckers Präsenz gemeint, das, was vermutlich keine Schauspielschule lehrt. Und damit sind also keineswegs nur die im Tatort immer noch verblüffenden Sexszenen gemeint, hier außerdem auch Sexszenen, die das sanktionierte Segment heterosexueller TV-Standards sprengten (wobei der Tatort auch da sehr zurückhaltend ist).

„Tatort“ (ARD) Berlin: Meret Becker gibt in der letzten Rubin-Karow-Folge noch einmal alles

Eine Privatheit ungewöhnlichen Ausmaßes kam durch Meret Becker ins übliche Kommissariatsgeplänkel. Sie verband das mit berlinernder Bodenständigkeit, mit der Rubin dem auch nicht einfachen Kollegen Karow, Mark Waschke, beikommen konnte. „Karow wird nicht gerne ignoriert“, sagt sie diesmal lakonisch, als sie ihm etwas verheimlichen soll. Dann sieht man eine Weile lang Karow dabei zu, wie er ignoriert wird. Wer selbst nicht gerne ignoriert wird, sieht, wie er leidet.

Sie soll ihm etwas verheimlichen in der zugleich überspannten und fadenscheinigen Handlung ihrer Abschiedsfolge (bevor Corinna Harfouch als gewiss würdige Nachfolgerin und neue Karow-Kollegin vorgestellt wird). Sie beginnt mit einem besonders gruseligen Leichenfund und endet in einer ewigen Jagd durch Flughafenkatakomben. Die Orientierung in Flughafenkatakomben: kompliziert. Es müsste eine fulminante, künftig ikonische, möglicherweise sogar ironische Szene sein, aber obwohl Meret Becker rennt und ringt und durchhält, ist es nur für Nina Rubin atemberaubend. Und für ihre Begleiterin. Für die anderen ist es langatmig.

Zum letzten Mal gemeinsam im Tatort: Meret Becker mit Mark Waschke.
Zum letzten Mal gemeinsam im Tatort: Meret Becker mit Mark Waschke. © rbb/ARD/Hans Joachim Pfeiffer

Meret Becker im Berliner „Tatort“ (ARD): Rubin und Karow ermitteln in Mafia-Clan-Erzählung

Ihre Begleiterin ist Bella Dayne als Julie Bolschakow, die mit einem russischen Mafiaboss verheiratet ist. Sie ist die Titelheldin, „das Mädchen, das allein nach Haus’ geht“. Das Drehbuch von Günter Schütter gibt ihr viel Raum, Regisseur und Kameramann Ngo The Chau setzt sie ausführlich in Szene, aber sie bleibt trotzdem ganz blass, und nicht, weil sie Angst hat, sondern weil die Geschichte gar keine Fahrt aufnimmt.

Eine krude Mafiaclan-Erzählung, aus Versatzstücken kruder Mafiaclan-Erzählungen gebastelt, aber zu flüchtig und viel zu einfach. Der böse Mafiaclan-Ehemann, die megaagressive Mafiaclan-Schwiegermutter, der verdeckte Ermittler, der Maulwurf bei der Polizei. Dazwischen wieder diese Berliner Hochstimmung, wenn die Kriminaldirektorin (Nadeshda Brennicke) sich ungemein integer auf Rubins Seite wirft und echt alles glatt gehen müsste. Geht es aber nicht.

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Auch diese ganz schöne Szene mit Brennicke steht eigenartig alleine herum. Ebenso wie die, in der Karow mit einem toten Schwein experimentiert – als hätte man sich gesagt, jetzt muss doch einmal irgendetwas Ungewöhnliches passieren, soll der Karow doch mit einem toten Schwein losziehen – und überhaupt zwischen Frust und Aktivismus von seiner handwerklichsten Seite zu erleben ist. Beiläufig gibt er Opernwissen zum besten, da gucken die anderen bloß ins Leere.

Während Rubin und die Frau des Mafiaclan-Mannes wie von ungefähr zusammen tanzen gehen. Wenn Meret Becker eine leicht verknallte Frau spielt, ist das bezaubernd. Dennoch würde man sich und ihr von Herzen wünschen, sich auf die Sache zu konzentrieren. Aber die Sendezeit reichte offenbar für allerlei, auch allerlei Sprüche. „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der den Käptn vögelt.“ Ja, irgendwie passt auch das in den Fortgang der Dinge.

Ist dieser Tatort so schwach, damit der Abschied leicht fällt? Das wäre rücksichtsvoll, ist aber unwahrscheinlich.

„Tatort“ (ARD): „Das Mädchen, das allein nach Haus’ ging“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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