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Das jüngere Alter Ego des Films im Film: Mia Wasikowska in „Bergman’s Island“.
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Das jüngere Alter Ego des Films im Film: Mia Wasikowska in „Bergman’s Island“.

„Bergman’s Island“

„Bergman’s Island“ im Kino: Niemand ist eine Insel

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Mia Hansen-Løve setzt dem schwedischen Meisterregisseur mit ihrem Spielfilm „Bergman’s Island“ ein schwereloses Denkmal.

Wer zu Lebzeiten den Kontakt zum bedeutendsten schwedischen Filme- und Theatermacher suchte, brauchte nur eine einfache Adresse: „Ingmar Bergman, Fårö, Schweden“. Schließlich lebten auf dem kleinen Eiland nur etwa 500 Menschen. Heute ist Bergmans Wahlheimat, in die er sich bei der Arbeit an seinem Film „Wie in einem Spiegel“ verliebte, ein Freilichtmuseum für Fans aus der ganzen Welt. Wie er testamentarisch verfügte, können sich Künstler, Autoren und Wissenschaftler bei einer Stiftung bewerben, um in seinen Häusern eigene Projekte zu entwickeln.

Es ist bekannt, dass Bergman an die Gegenwart von Geistern glaubte, insbesondere von seiner 1995 verstorbenen fünften Ehefrau Ingrid von Rosen fühlte er sich auf der Insel auch nach ihrem Tod umgeben. Gut möglich, dass er darauf hoffte, nach seinem Tod selbst als Geist auf Anwesende zu wirken.

In ihrem Spielfilm „Bergman’s Island“ lässt ihn die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve jedenfalls unsichtbar durch jede Szene streifen. Ein Filmemacherpaar (gespielt von Vicky Krieps und Tim Roth) besucht das Eiland für einen Kreativ-Aufenthalt. Doch schon die freundliche Einweisung durch eine Stiftungsangestellte kommt nicht ohne einen bösen Schatten aus: „Das ist ihr Schlafzimmer, hier drehte Bergman ‚Szenen einer Ehe‘.“ Den Film, aufgrund dessen sich Millionen Menschen scheiden ließen.“

Tatsächlich scheint das Glück des Paares auf tönernen Füßen zu stehen, zu unterschiedlich ist ihr Verhältnis zur eigenen Kreativität. Während der gut zwei Jahrzehnte ältere Tony seine Filmprojekte leichthändig aus dem Ärmel schüttelt, nähert sich Chris den eigenen Ideen mit Neugier und Zweifeln. Das mag auch daran liegen, dass sie in unterschiedlichen Spielarten des Kinos zu Hause sind: Er im handfesten Genrekino, wie ein kurzer Ausschnitt andeutet, sie arbeitet an einer psychologischen Beziehungsgeschichte, die bald ebenfalls als Film im Film Gestalt annimmt. Während sie die Insel erkundet, erfindet sie ein jüngeres Alter Ego (Mia Wasikowska), das in ihrer eigenen Filmgeschichte durch die gleichen Orte streift.

Es ist vor allem Bergmans Meisterschaft im Visualisieren von Unbewusstem, die sich Mia Hansen-Løve zum Vorbild genommen hat. Doch diese filmische Huldigung verstummt nicht in Respekt: Die semidokumentarischen Szenen aus Ingmar Bergmans Umfeld verhalten sich nicht dominanter als eine grundierte Leinwand. Darauf tupft diese unvergleichliche Filmemacherin ihr federleichtes Beziehungsstück über kreative Differenzen. Gänzlich pathosfrei gestaltet, ist es reinster Anti-Bergman – um erst allmählich (und dann sehr Bergman-haft) mit Traum und Wirklichkeit zu spielen.

Das Projekt, von dem die junge Filmautorin ihrem Partner erzählt, ist die Verfilmung ihrer Jugendliebe. Doch als böte dieser sehr private Filmstoff nicht genug Diskussionsmaterial für Szenen einer Künstlerehe, mischen sich hier auch die frischen Eindrücke und Begegnungen zwischen die Erinnerungen. Ist die schmerzhafte Trennung, die sie ihr Alter Ego durchleben lässt, nur die Vorahnung einer sich nähernden Trennung in der Gegenwart?

Wann hat man je eine derart unprätentiöse Hommage an einen sonst ins Unerreichbare überhöhten Künstler gesehen? Einmal gleitet die Kamera kurz durch Bergmans private Videothek, in der es Platz auch für die populärsten Genres gab (unter anderem war er Fan der Serie „Dallas“). Keine Frage, diese verblüffende Kreuzung zwischen „Das Lächeln einer Sommernacht“ und einem unscheinbaren französischen Landhausfilm hätte Bergman sich nicht entgehen lassen. Und wahrscheinlich hätte er sich für Tonys wuchtiges Genrekino ebenso begeistern können wie für Chris’ delikates Abschiedsdrama.

Worin Mia Hansen-Løve dem großen Schweden allerdings keine Konkurrenz machen wollte oder konnte, ist die Tiefe seiner psychologischen Konflikte, ist die Schwere seiner Dramen – also Bergmans wirkliche Größe. Aber vielleicht blickt man als schwereloser Geist ja auch etwas milder auf das Leben.

Das Schönste an diesem Film ist seine Unbefangenheit einem so übergroßen Erbe gegenüber – ohne es im mindesten vom Sockel stoßen zu wollen. Es gibt einiges, das man an Ingmar Bergman kritisieren kann, was auch in den semi-dokumentarischen Szenen anklingt – insbesondere im Umgang mit seiner Familie und den künstlerischen Mitarbeitern. Möglich, dass man seine Filme im Wissen um manche Wunden, die sie umgaben, bald anders sehen wird.

Genau hier liegt vielleicht die Zukunft der Cinephilie: Nicht im Abarbeiten eines musealen Kanons von Meisterwerken, denen man respektvoll beim Altern zuschaut. Sondern im Nachspüren ihrer künstlerischen Einzigartigkeit. Alle Filmmuseen sollten kreative Inseln sein, Schutzzonen wie „Bergman’s Island“.

Bergman’s Island . F/S/B/D 2021. Regie: Mia Hansen-Løve. 105 Min.

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