Rita Holbeck (Elisa Schlott) und Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg). Sie erinnert ihn an seine Tochter.
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Rita Holbeck (Elisa Schlott) und Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg). Sie erinnert ihn an seine Tochter.

"Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel"

Berauscht in Kiel

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Neben dem schaurigen Fund eines abgetrennten Kopfes im norddeutschen Gewässer erstaunt der neue Borowski-Tatort mit Drogen, Sex, Rock’n’Roll und einer glaubwürdigen Elisa Schlott.

Der formal betrachtet sprödeste aller Tatort-Ermittler hat bekanntlich einen eigenen Sex-Appeal. Borowski ist sein Name, und Axel Milberg spielt ihn Jahr um Jahr mit fast, aber nicht völlig gleichbleibender Zurückhaltung. Es ist ein bisschen, als würde man einer Schnecke zuschauen. Das kann wahnsinnig interessant sein, da kann total viel los sein.

Dazu kommt, dass sich immer einmal wieder staunenswerte Tatorte daraus entwickeln. „Borowski und der Himmel über Kiel“ ist so einer, geschrieben von Rolf Basedow, inszeniert von Christian Schwochow. Und wer den schaurigen Fund eines abgetrennten Kopfes im norddeutschen Gewässer für abgeschmackt hält, wird doch seine Freude an der nicht nur verschrobenen Dorfgemeinschaft haben, die mit ins Zentrum der Ermittlungen rückt. Dass sich rurale Wortkargheit und der Wunsch nach einem spannenderen, wacheren Leben nicht ausschließen, wurde jedenfalls noch selten so originell präsentiert.

„Nö“, sagen sie

Dass Basedow und Schwochow es nicht nötig haben, darauf besonders ausführlich einzugehen, dass sie es als großartige (und nicht ganz glaubwürdige, aber wer weiß) Volte am Rande benutzen können, zeigt, wie füllig dieser Film ist. Eingangs fällt ein Mann vom Rad, seltsam, ein anderer fährt mit seinem Traktor im Kreis wie ein Verrückter, das war es eigentlich schon. Südlich von Kiel ist letztlich auch nicht zu verstehen, was diese Männer genau sagen. Aber „nö“ sagen sie.

In erster Linie spielt der neue NDR-Tatort aber in der Kieler Crystal-Meth-Szene, von der Borowski und unsereiner auch noch nie gehört hatten. Der junge Mann, dessen Kopf aufgefunden worden ist, war Konsument der gefährlichen Modedroge, und während der Kommissar und seine diesmal bis zur Durchsichtigkeit zurückhaltende, aber fitte Kollegin Brandt, Sibel Kekilli, noch im Dunklen tappen, lernen wir schon mal einige Protagonisten dieser Szene kennen.

Der Film, Borowski und bald vermutlich auch mancher Zuschauer ist nicht direkt verliebt in Elisa Schlott als jugendliche Rita, aber keiner kann genug von ihrem Gesicht und ihrem Blick bekommen. Sie hat gerade den Entzug hinter sich, aber in unerhörten Rückblenden sieht man sie und ihren damaligen Freund, den inzwischen Ermordeten, im Drogenrausch. Man sieht, wie sie die Droge nimmt und die Wirkung spürt. So viel Sex und Rock’n’Roll ist selten im deutschen Fernsehen und noch seltener im Leben. Und am seltensten wird es so wertfrei und undidaktisch gezeigt. 

Dabei ist das keine Verharmlosung, im Gegenteil, denn die Dinge laufen nicht gut für Rita und ihre Freunde. Eher ist es womöglich Neugier, nicht auf die Droge (natürlich nicht), aber doch auf die Lebensgier, die im bescheidenen Menschen hockt und die auch mal raus will. Die Lebensgier irrt natürlich, wenn sie glaubt, mit einer Droge weiterzukommen. Alternativ dazu ist Borowski im Bild, dem sein Chef im offenbar ausgezeichnet ausgestatteten Büro Essen zubereitet. Das ist doch auch hedonistisch, sofern man gekochtes Huhn mag.

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