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Das Recherchenetzwerk Bellingcat wertet Fotos und Videos aus dem Internet aus, um komplexe, politische Ereignisse in der Welt aufzuklären.
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Das Recherchenetzwerk Bellingcat wertet Fotos und Videos aus dem Internet aus, um komplexe, politische Ereignisse in der Welt aufzuklären.

TV-Kritik

„Bellingcat“ (Arte): Wie ein Netz von Wohnzimmer-Spionen Ungeheuerliches aufdeckt

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Das Recherchenetzwerk Bellingcat legt sich mit Gewaltherrscher:innen und Terrorist:innen an. Mit Daten, Fotos und Videos aus dem Internet enthüllen sie Brisantes, wie eine Doku auf Arte zeigt.

  • „Bellingcat“ ist ein international arbeitendes Recherchenetzwerk, das sich für Menschenrechte einsetzt.
  • Der Arte-Dokumentationsfilm „Bellingcat: Truth in a Post-Truth World“ gibt Einblicke in seine Arbeit ‒ und erzählt von den spektakulärsten Enthüllungen.
  • Eine davon ist der „Absturz“ des Linienflugs MH17 in der Ost-Ukraine.

Straßburg ‒ Als sich Timmi Allen über mehrere Tage hinweg nicht meldet und telefonisch unerreichbar scheint, machen sich seine international verstreuten Freunde große Sorgen. Schließlich reist der Syrer Hadi Al-Khatib nach Berlin, um sich nach Allens Verbleib zu erkundigen. Die Befürchtungen der Freunde, der russische Geheimdienst habe Allen etwas angetan, bestätigen sich glücklicherweise nicht. Doch sie sind keineswegs übertrieben.

Doku auf Arte: Recherchenetzwerk Bellingcat enthüllt Brisantes

Timmi Allen, früher beim ostdeutschen Geheimdienst tätig, gehört zum Recherchenetzwerk Bellingcat. Gemeinsam mit seinen Freunden hatte er aufgedeckt, dass sich russische Flugabwehreinheiten in der Ost-Ukraine befanden, als dort 2014 der Malaysia-Airlines-Flug 17 abgeschossen wurde, ein Passagierflugzeug auf dem Weg nach Kuala Lumpur. Bellingcat hatte den Weg des russischen Konvois mit der tödlichen Rakete präzise nachzeichnen können und ebenso, dass auf dessen Rückweg eine Buk M1 fehlte. Genau so eine Rakete war bei dem Anschlag verwendet worden.

Der britische Bellingcat-Gründer Eliott Higgins wusste genau, wozu der russische Geheimdienst fähig ist. Im März 2018 hatten russische Agenten im britischen Salisbury den Überläufer Sergei Skripal und dessen Tochter mit dem Nervengift Nowitschok zu töten versucht. Auch Unbeteiligte waren betroffen, eine Frau starb.

Bellingcat: Ihre Recherchemethoden geben sie an Behörden weiter

Die Rechercheergebnisse von Bellingcat waren umso frappierender, als die Aktivisten seinerzeit noch außerberuflich, meist nach Feierabend, tätig waren. Sie arbeiteten von zu Hause aus und unternahmen es, Web-Daten aufzuspüren, zu analysieren und zu verknüpfen. Spione müssen sich heutzutage nicht mehr zwingend in die Tresorräume des Gegners einschleichen und Akten mit der Minox fotografieren, um geheimdienstliche Aufklärung zu leisten.

Gute Computerkenntnisse reichen unter Umständen bereits aus. Die Bellingcat-Mitarbeiter haben es mehrfach bewiesen. Inzwischen wird deren Expertise auch von Behörden und Gerichten genutzt. In Workshops geben sie ihre Methoden weiter. Jüngst arbeitete das FBI sehr ähnlich, um Beteiligte an der Erstürmung des Washingtoner Kapitols ausfindig zu machen.

Doku „Bellingcat: Truth in a Post-Truth World“ erzählt auch Entstehungsgeschichte

In seinem Dokumentarfilm „Bellingcat: Truth in a Post-Truth World“, der 2019 unter anderem mit einem Internationalen Emmy ausgezeichnet wurde, berichtet der Autor, Regisseur und Kameramann Hans Pool über die Entstehungsgeschichte und die spektakulärsten Enthüllungen von Bellingcat. Der symbolische Name entstammt einer Kindergeschichte, in der listige Mäuse der Hauskatze eine Glocke um den Hals hängen, damit sie bei deren Annäherung rechtzeitig gewarnt sind.

Die Mitglieder des Gründungskerns waren und sind in aller Welt verteilt. Veli-Pekka Kivimäki ist Finne, Aric Toler US-Amerikaner, Hadi Al-Khatib stammt aus Syrien. Christiaan Triebert aus den Niederlanden war als Weltenbummler in vielen Ländern unterwegs und arbeitet mittlerweile in New York für das Rechercheteam der „New York Times“.

Arte-Doku: Bellingcat geht massiv Fake-News an

Der rätselhafte ‚Absturz‘ von MH17 hatte das Team einst zusammengeführt. Sie führten ihre Arbeit fort, setzten sich auf die Spuren eines US-amerikanischen Mörders, des Islamischen Staates und auch der russischen Agenten, die das Attentat in Salisbury verübt hatten. Hans Pool verflicht die Vorgeschichte diskontinuierlich mit vergangenen und aktuellen Rechercheaktionen und sorgt so für eine gewisse Spannung. Das an sich spröde Sujet belebt der Regisseur mit eingeblendeten Spruchblasen zur Visualisierung der Textnachrichten. Auch Filmmaterial aus dem Web wird zitiert.

Bellingcat und Pool machen deutlich, wie leicht man einem gefälschten Video aufsitzen kann. Die Entlarvung sogenannter Fake-News, vorsätzlich lancierter Falschnachrichten, die bereits als Wahlkampfinstrument Anwendung finden, gehört zu den Zielen von Bellingcat. Denn auf dem Gebiet der journalistischen Aufklärung gibt es mannigfache Defizite.

Zur Sendung

„Bellingcat: Truth in a Post-Truth World“, Dienstag, 16.02.2021, 22.45 Uhr, Arte

Bellingcat: Weiterhin im Einsatz für die Menschenrechte

Die eingeblendeten, eher allgemein gehaltenen Kommentare des New Yorker Journalistikprofessors Jay Rosen zu diesem Thema wären verzichtbar gewesen. Deutlicher wird Aidan White, Gründer des Ethical Journalism Networks: „Ich bin seit fünfzig Jahren Journalist und habe den Journalismus noch nie in einem so bedenklichen Zustand gesehen.“ Ursache der Misere: Mittel- und Personalkürzungen, unzureichende Ausbildung, Sparmaßnahmen, Leichtfertigkeit aus Zeitmangel. Bellingcat füllt also auch eine eklatante Lücke in der nachrichtlichen Publizistik. Und beweist, dass man mit soliden Recherchen Geld verdienen kann.

Über diese mittlerweile vollzogene Professionalisierung des Bellingcat-Teams hätte man gern ein wenig mehr erfahren. Wie ging das vonstatten, wer nimmt die Dienstleistungen in Anspruch? Sechzehn Angestellte umfasst das Unternehmen heute und sechzig freie Mitarbeiter. Aber diese Informationen fallen vermutlich unter das Vertrags- und Firmengeheimnis.

Arte-Doku: Mobbing- und Cyber-Attacken zum Trotz arbeitet Bellingcat weiter

Ihrer Linie, sich für die Menschenrechte einzusetzen, bleiben die Gründer eigener Aussage zufolge jedenfalls treu. Trotz anhaltender Diskreditierungsversuche, Mobbing- und Cyber-Attacken vonseiten derjenigen, denen sie Täterschaft und Lügen nachweisen konnten. Ungewöhnliche Helden sind sie – biedere Herren aus der Nachbarschaft, die vor allem am Computer hocken und jedem Agentenklischee widersprechen. Aber Courage haben sie. (Harald Keller)

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