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Jan Böhmermann im Studio.

"Lass dich überwachen!"

Bellende Hunde beißen nicht

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Jan Böhmermann hat es mit "Lass dich überwachen! Die PRISM IS A DANCER SHOW" tatsächlich ins ZDF-Hauptprogramm geschafft.

Das Internet hat nicht nur eine Fülle neuer Möglichkeiten mit sich gebracht, es hat auch die Sprache nachhaltig geprägt. Wer in der heutigen Zeit den Kontakt zu anderen abbricht, der „ghostet“ sie, wer im Internet auf seinen YouTube-Kanälen Streiche spielt, der macht „Pranks“, es gibt YouTuberInnen, die Videos darüber gedreht haben, wie man am besten Ex-PartnerInnen „stalkt.“ Irgendwie logisch, dass diese Begriffe und Praktiken bald salon- und damit auch fernsehfähig werden, so fragwürdig sie in der Realität auch sein mögen. Ein Mann hat daraus jetzt eine ganze Fernsehshow gemacht.

Wer Jan Böhmermann seit dem Start von seinem Neo Magazin vor fünf Jahren auf ZDF Neo aufmerksam verfolgt, der wird mitbekommen haben: „Böhmi“ will mittelfristig ins Hauptprogramm. Hinweise darauf gab es genug – wenn auch meist ironisch verpackt. Sei es sein eigens angezetteltes und leider allzu klamaukig geratenes Revival von „Wetten, dass..?“ vor zwei Jahren, seine augenzwinkernden, aber sicher nicht ganz unernst gemeinten Sticheleien gegen das seiner Meinung nach angestaubte Aspekte-Format oder die Sonderfolge „Young Böhmermann“, in welcher der Fernsehmoderator sich zur von Heike Makatsch gespielten ZDF-Eignungsprüferin auf die Couch legen musste, um in einer ausführlichen – und natürlich frei erfundenen – Sitzung Böhmermanns Vergangenheit zu beleuchten, nur um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass er noch nicht reif für das Hauptprogramm sei. Ist er aber offenbar doch, denn nun hat es sich Böhmermann selbst bewiesen: Die zweite XXL-Ausgabe seines PRISM IS A DANCER- Formats lief gestern Abend zur „besten Sendezeit“ (23 Uhr…) im ZDF. Er hat es also geschafft, fast 100 Minuten Hauptprogramm für den „blassen dünnen Jungen“, wie er sich in einer seiner durchaus amüsanten Ausflüge in das Gangster-Rap-Genre selbst betitelt, zu gewinnen.

Ahnungslose Zuschauer im Rampenlicht

„Prism is a Dancer“ gibt es in seiner Show schon länger als wiederkehrende Sektion, hier holt er ahnungslose Zuschauer ins Rampenlicht und präsentiert uns, was man über diese so alles im Internet herausfindet – so erklärt sich auch der Titel. Im April hat er dieses Format schon einmal als eigene Sonderfolge präsentiert, nun, wie gesagt, erneut und das erste Mal im Hauptprogramm. Das Konzept ist einfach: Böhmermann und ein Team (nach eigener Aussage 15 MitarbeiterInnen) haben zwei Monate vor der Aufzeichnung alle der 199 Gäste, die sich für diese Sendungsaufzeichnung angemeldet haben und die, bis es losgeht, davon ausgehen, sie würden sich eine normale Neo-Ausgabe ansehen, bis ins kleinste Detail gestalkt. Peinliche Fotos, uralte Videos oder auch Facebook-Posts sind die Grundlage auf der Böhmermann seine Sendung aufbaut. Ein wenig „Wetten, dass..?“ gibt es sogar auch noch, fast zu jedem Gast wird ein Prominenter oder eine Prominente herbeizitiert, man fühlt sich an die Wettpaten erinnert.

Nach zehn Minuten will man als ernsthafter Kritiker Jan Böhmermann und seine Show schon das erste Mal hämisch freudig in die Pfanne hauen, denn sein erster Gast ist Sonya Kraus und es geht im Gespräch allen Ernstes um ihre neue VOX-Show „Animalstar – Dein Hund für Deutschland.“ Na, nicht mal zehn Minuten im Hauptprogramm und schon Werbung für die Privaten machen, Herr Böhmermann? Denkt man. Und wird überführt: Die Show löst sich als Fake auf, der Moderator bringt noch die Spitze „Es gibt keine Show, wir wissen nicht mal, ob es VOX noch gibt.“ Die Idee dahinter: Zuschauerin Kathleen hat bei dieser von Böhermanns Team gefakten Show versucht, ihren Hund prominent zu machen. Der Aufwand, der hier betrieben wurde, um diesen „Prank“ durchzuziehen, ist beeindruckend. Ähnlich wie damals, als Böhmermann mit gefakten Kandidaten die Machenschaften hinter „Schwiegertochter gesucht“ aufdeckte. Ein Mehrwert ist in der PRISM- Show kaum vorhanden. Am Ende lachen Kathleen, Sonya Kraus und Jan Böhmermann gemeinsam, Kathleens Hund wird Cover-Model auf einer (echten) Hundezeitschrift und sie bekommt obendrein für ein Jahr Hundefutter geschenkt. Alle unverletzt, denn Böhmermanns Hunde bellen nur, und Hunde die bellen, beißen bekanntlich nicht.

Es tut niemandem wirklich weh

Wie im Beispiel mit Kathleen funktioniert im Grunde die ganze Sendung. Es tut niemandem wirklich weh, weil sonst ja Leute „Briefe an den Fernsehrat“ schreiben würden (Zitat von Böhmermann am Ende, als er auflöst, dass eine kurz vorher gesehene Hochzeit nicht rechtskräftig war), es ist alles ganz unterhaltsam und am Ende hat man ein paar Mal tatsächlich herzlich gelacht. Manchmal empfindet man sogar– bei Böhmermanns Shows schon eine Seltenheit – echte Empathie, wenn eine Kandidatin beispielsweise das erste Mal seit drei Jahren ihre beste Freundin aus Brasilien wiedersieht (Prism hat den Flug gezahlt). Manchmal geht es dann doch einen Schritt zu weit, wenn eine Kandidatin – wieder die arme Kathleen – im Team mit ihrem neuen Freund Pärchenduell gegen ihren Ex-Freund und seine neue Freundin spielen soll. Hier hofft man inständig, dass ordentlich recherchiert wurde, damit alte Wunden nicht wieder aufreißen. Da würde auch Werner Schulze Erdel, der sichtlich in die Jahre gekommene Originalmoderator von Familienduell, nicht helfen.

Es sind unterhaltsame 100 Minuten, aber für die generelle Übernahme des ZDF-Hauptprogramms wird sich Böhmermann etwas anderes ausdenken müssen. Für den Aufwand dieser Sendung ist der Ertrag auf Dauer schlichtweg nicht lohnend genug.

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