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„Belle“, das neue Meisterwerk von Mamoru Hosoda im Kino: „Anime bedeutet, Gefühle einzufangen“

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die Außenseiterin Suzu, die als „Belle“ zum Internetstar wird.
Die Außenseiterin Suzu, die als „Belle“ zum Internetstar wird. © Verleih

Eine Begegnung mit dem japanischen Animationsfilmer Mamoru Hosoda und seinem jüngsten Meisterwerk „Belle“.

Bevor es digitale Avatare gab, tarnten sich Prinzen als Frösche und Biester, und die schönen Prinzessinnen erkannten sie doch. So gesehen hat sich in den virtuellen Realitäten des Internets wenig geändert, und Mamoru Hosodas bezwingende Filmidee lag klar auf der Hand. Mit seinem Epos „Belle“ hat der Anime-Regisseur das Märchen „Die Schöne und das Tier“ in die Welt der sozialen Netzwerke und maskierten Sänger übertragen. Ganz so einfach aber hat sich dieser große Modernist im Miyazaki-Medium seine Sache nicht gemacht.

Der Film „Belle“, der ein Jahr nach seiner umjubelten Premiere in Cannes endlich in die deutschen Kinos kommt, spielt in der japanischen Kochi-Präfektur, nur einen Steinwurf von der Gegenwart entfernt. Das Internet-Phänomen, das einer isolierten Schülerin namens Suzu zu einem idealisierten Alter Ego verhilft, der umjubelten Sängerin Belle, könnte fast schon heute existieren.

Schon jetzt dürften Millionen Claqueure und Trolle bereitstehen und ein paar empathische Leute, wie sie in Suzus Leben selten sind: Da sind ihr Jugendfreund Shinobu, in den sie noch immer verknallt ist, und die beliebte Mitschülerin Ruka, deren natürliche Schönheit sie zu ihrem Avatar inspiriert. Neben dem schlaksigen Kamishin hält ihr noch eine weitere Außenseiterin die Treue, ihre beste Freundin Hiro, die als Internet-Nerd gern in die Produzentinnenrolle des Netzwerk-Phänomens „Belle“ schlüpft. Ganz allein ist Belle also nicht dem Millionenheer ausgeliefert, das ihren emotionalen Pop-Songs bald in Liebe oder Hass verfallen ist. Aber die Coming-of-Age-Geschichte einer begabten Teenager-Außenseiterin ist nur die eine Seite der Medaille. Hinter der Glitzerwelt des Musikfilms schlummert eine dunkle Geschichte, die von Traumata und Kindesmissbrauch erzählt.

Mamoru Hosoda, Jg. 1967, stellte seinen Film „Belle“ schon 2021 in Cannes vor.
Mamoru Hosoda, Jg. 1967, stellte seinen Film „Belle“ schon 2021 in Cannes vor. © AFP

Als ein mächtiger, als „Dragon“ bekannter Troll ein virtuelles Konzert stört, machen sich ihre Fans auf die Jagd nach seiner wahren Identität. Aber es ist Belle selbst, die hinter dem monströsen Avatar eine verwundete Existenz vermutet, ähnlich der ihren: Seit dem Tod ihrer Mutter, die ertrank, um ein fremdes Kind zu retten, empfindet sie eine tiefe Melancholie, die sie schließlich mit diesem „Biest“ verbindet.

Wenn sich die Figuren im virtuellen Schloss des Monsters treffen, sucht Hosoda sehr bewusst die Nähe zur berühmten Disney-Produktion „Die Schöne und das Biest“. Ursprünglich hatte er sogar dessen Musical-Form übernehmen wollen, schreckte jedoch vor dieser dem Anime und dem japanischen Kino eher fremden Form zurück. Und ist nicht die Disney-Ästhetik überhaupt eines der großen Tabus im Anime? Großmeister Hayao Miyazaki äußerte sich jedenfalls meist kritisch über den Pionier des Mediums. Da klingt Hosoda im persönlichen Gespräch ganz anders.

„Ich liebe Jean Cocteaus Film ,Es war einmal‘, aber auch den Disneyfilm von 1991“, sagt er: „Damals kam ich gerade aus der Universität, wo ich Animationsfilm studiert hatte und dachte: Wenn ich einmal so etwas machen könnte, wäre das mein Ziel. Ich denke aber auch, es gibt nicht nur diese eine Version der Geschichte, die hier eingeflossen ist, sondern auch: ,My Fair Lady‘, ,Der König und ich‘, ,Phantom der Oper‘. Es gibt diese Theorie, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Milieus besonders angezogen fühlen können. Diese Idee einer verborgenen Dualität erscheint mir ausgesprochenen klassisch.“

Aber wie verhalten sich da die virtuellen Realitäten? Sind sie wirklich eine Möglichkeit, Klassenschranken zu verwischen, oder bergen sie neue Gefahren sozialer Ächtung und Vereinsamung? Hosoda: „Es stimmt, dass das Internet nicht nur eine positive Erfahrung darstellt. Auch in Japan erleben wir, dass Trolle im Schutz der Anonymität besonders aggressiv sein können. Obwohl wir mit jedem in Kontakt treten können, bleiben wir doch einsam und finden nicht immer die gewünschte Anerkennung“, sagt er.

„Aber wir können uns keine Generation mehr vorstellen, die ohne soziale Netzwerke leben wird. Ich wollte der jungen Generation deshalb auch die positiven Aspekte zeigen und sie ermuntern, dieses Mittel sogar zum Aufbau einer besseren Welt zu nutzen. Die Mehrzahl der erwachsenen Filmemacher sieht das anders und zeigt die Welt sozialer Netzwerke als dystopisch. Aber für mich, der sich mit jungen Protagonisten beschäftigt, ist das keine Perspektive.“

Hier klingt der Filmemacher eindimensionaler, als sein Film tatsächlich ist. Nicht nur inhaltlich, auch formal treffen darin Welten aufeinander: Die traditionelle Handanimation und hoch aufgelöste digitale Techniken treten in einen Dialog, ohne zur Unkenntlichkeit zu verschmelzen.

Eine der eindrucksvollsten Szenen spielt abseits allen Aufwands vor dem Aquarellhintergrund einer kleinen Bahnstation und präsentiert nur den Dialog zweier Figuren. „Vor 15 Jahren, als ich ,Das Mädchen, das durch die Zeit sprang‘ drehte, wurde ich oft gefragt, ob ich Handanimation oder Digitalanimation besser fände. Für diesen Film habe ich beides verwendet, aber mit einer klaren Grenzlinie: Die realle Welt ist handgezeichnet, die digitale ist es nicht. Bis jetzt war ich überzeugt, dass Handanimation die schönere Technik ist, aber nun sehe ich das differenzierter. Es sind einfach Methoden, Arbeitstechniken, und das einzige Ziel ist das bestmögliche Kunstwerk.“

Aber lag das Geheimnis japanischer Animation im Vergleich zum Disneystil nicht auch in der Kunst der Beschränkung? „Es ist wahr, dass schon die klassischen Disneyfilme wie ,Fantasia‘ einen Bewegungsfluss und Effektreichtum besaßen. Dagegen ist japanische Trickfilmgeschichte eher vom Bestreben geprägt, ein Publikum mit der Erzählung zu verführen, nicht unbedingt mit geschmeidiger Bewegung. Meine Bahnhofsszene dauert zwei Minuten. Es geht darin darum, eine Pause zu erleben. Und dem Publikum eine Möglichkeit zu geben, selbst über das Leben in den Figuren nachzudenken. Darum geht es in japanischer Animation: Um das Einfangen von Gefühlen; weit mehr als von geschmeidigen Bewegungen.“

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