Benoit (Stijn Van Opstal, r.) versucht, seiner Frau Mie (Veerle Baetens, l.) Mut zu machen und sie zu trösten, da sie aufgrund ihrer Amnesie zunehmend genervt und verzweifelt ist.
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Benoit (Stijn Van Opstal, r.) versucht, seiner Frau Mie (Veerle Baetens, l.) Mut zu machen und sie zu trösten, da sie aufgrund ihrer Amnesie zunehmend genervt und verzweifelt ist.

"Tabula Rasa", ZDFNeo

Das belgische Memento

  • vonD.J. Frederiksson
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Die belgisch-deutsche Koproduktion "Tabula Rasa" erfindet in neun Folgen zwar das Psycho-Thriller-Rad nicht neu, liefert aber solide Miniserien-Kost.

Na, immerhin hat das ZDF mitgekriegt, was in Belgien passiert ist. Das unscheinbare Nachbarland hat sich nämlich in den letzten Jahrzehnten, hierzulande größtenteils unbemerkt, zum Vorreiter einer Fernsehform aufgeschwungen, die gerade groß im Kommen ist: Der Miniserie.

Durch die 90er und 00er Jahre hindurch heimsten wallonische wie flämische Serien internationale Fernsehpreise ein und gründeten mit ihren faszinierenden Stimmungsschwankungen, ihre grotesken Humor und ihrem narrativen Mut eine qualitative Kaderschmiede, von der man hierzulande nur träumen kann.

Insofern war der Gedanke naheliegend, diese belgischen Talente auch für deutsche Koproduktionen einzuspannen. Und nach dem überaus gelungenen „Sylvia's Cats“ geht das ZDF nun bereits mit der nächsten deutsch-belgischen Kopro an den Start. Und erneut sieht die Arbeitsteilung so aus, dass Geldgeber- und Produktionsseite deutsch geprägt scheinen, das kreative Talent vor und hinter der Kamera aber komplett belgisch ist.  

Das scheint auch erstmal eine gute Entscheidung zu sein: Die Kameraführung von Dries Delputte und Brecht Goyvaerts sorgt für eine schwebende Kino-Ästhetik, die sich gleich mal angenehm vom statische deutschen Standardfernsehen abhebt. Und die Hauptdarstellerin Veerle Baetens, immerhin Gewinnerin des Europäischen Filmpreises 2013, schreibt sich als Co-Autorin ein Ausstellungsstück von einer Rolle auf den Leib, wo man jede Layer ihrer vielschichtigen Performance ins Museum hängen möchte. 

Es ist die Geschichte selbst, die gerade am Anfang ein wenig farblos bleibt. Wo sich „Sylvia's Cats“ noch eine ganze Folge Zeit nahm, um die Grundsituation zu etablieren, macht „Tabula Rasa“ den distinkt deutschen Fehler, in den ersten fünf Minuten mit hektischen, holpernden und hölzernen Dialog-Erklärszenen die gesamte Backstory herunterbeten zu wollen. Und auch der dann folgende Plot, eine Art „Memento Light“, ist wahrlich nicht neu: Es geht Annemie, die nach einem Autounfall Gedächtnisverlust hat und erst schubweise einzelne Erinnerungsblitze erfährt, während sie in einer psychiatrischen Anstalt feststeckt und die Polizei sie als Verdächtige im Fall eines verschwundenen Schrotthändlers behandelt. 

Das führt zu den erwartete Wendungen: Rückblenden und Zeitsprünge zu den Geschehnissen vor der Einlieferung, die sehr langsam Licht ins Dunkel des Vergessens bringen und so manche Wendung auslösen; Konfrontation mit Beweisstücken und Menschen, die solche Erinnerungen auslösen; verschwommene und symbolische Visionen von verdrängten Traumata; ein bedrohlicher Alltag in der Psychiatrie; und natürlich endlose Geheimnisse, die aufgedeckt und erinnert werden wollen.

Immerhin, wo die Geschichte etwas behäbig und vorhersehbar die offensichtlichen Stationen eines solchen Plots ausspielt, sorgt der filmische Stil und die Ausstattung dafür, dass dieser Psychothriller den Namen auch verdient und nicht ins belanglose Psycho-Drama abrutscht. Ganz ohne billige Jump Scares oder Effekthaschereien, sondern nur mit dichter Atmosphäre, raffinierten Räumen und geschicktem Sounddesign wird hier ein ständig präsenter, aber unerklärlicher Grusel aufgebaut, der streckenweise wirklich nichts für schwache Nerven ist. So ist das mit den Belgiern: Die Erzählungen sind manchmal brillant und manchmal banal, aber der handwerkliche Stil ist unbestreitbar. Insofern kommen Thriller-Fans, denen die hiesigen Krimis zu langsam und farblos geworden sind, hier durchaus auf ihre Kosten.

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