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„Ich werde auf der Höhe meiner Kunst aufhören“, sagt Tarantino. Er will nur noch zwei Filme machen.

Interview mit Quentin Tarantino

„Bei mir wird es richtig dreckig“

Regisseur Quentin Tarantino über Gewalt im Kino, Rassismus im Film und auf der Straße und was ihn wirklich wütend macht.

Von Ulrich Lössl

Seinen neuen Film „The Hateful 8“ hält der Regisseur für seinen besten. Und mehr noch: Mit diesem Western schließt sich für ihn der Kreis zu seinem ersten Film, dem Thriller „Reservoir Dogs“. „Da wurde auch zuerst viel geredet, bevor es blutig wurde.“, sagt Quentin Tarantino. „The Hateful 8“ (läuft am Donnerstag an) ist Tarantinos bisher ambitioniertestes Werk. In seiner Roadshow-Fassung kommt es im 70-mm-Bildformat ins Kino, 187 Minuten lang. Im Interview ist Tarantino eine One-Man-Show de luxe: Leidenschaftlich und immer hochkonzentriert. Er brennt förmlich darauf, die Fragen zu beantworten. Er spricht schnell, exaltiert, mal rhapsodisch, mal analytisch. Und ist dabei von einer unverstellten Höflichkeit. Das ist auf jeden Fall der Mann, mit dem man sich auch in einer klammen Blockhütte im eiskalten und tiefverschneiten Colorado 40 Drehtage lang keine Sekunde langweilt.

Mr. Tarantino, der Filmtitel „The Hateful 8“ lässt keine Fragen offen.
Ja, diese acht Typen haben mit den „Glorreichen Sieben“ nur sehr wenig gemeinsam. Sie sind voller Hass und Rachegelüste und wollen sich im Grunde genommen nur gegenseitig an die Gurgel. Und da sie wegen eines Schneesturms in einer Blockhütte festsitzen, gibt es viele gute Gelegenheiten sich gegenseitig zu killen. Die Story spielt einige Jahre nach dem Sezessionskrieg, und in den Köpfen dieser Leute gibt es vor allem auch noch jede Menge Rassismus.

Diesen uramerikanischen Rassismus haben Sie auch schon in Ihrem vorigen Film, dem Western „Django Unchained“, thematisiert.
Ja, nur spielt „Django Unchained“ vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Der Rassismus gegenüber den Schwarzen in den USA beschäftigt mich tatsächlich schon sehr lange und sehr intensiv. Man hat mir ja sogar schon unterstellt, dass ich am liebsten selbst ein Schwarzer wäre, was natürlich völliger Blödsinn ist. Aber ich empfinde eben eine tiefe Verbundenheit mit den Schwarzen, und auch deshalb bringt mich jede Ungerechtigkeit, die wir Weißen den Schwarzen bis heute antun, sehr schnell auf die Palme.

Sie spielen darauf an, dass Ihnen die Polizei von Los Angeles „Schwierigkeiten“ angedroht hat, seit Sie in New York an einer Demonstration gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen teilnahmen ...
Sie haben sogar dazu aufgerufen, „The Hateful 8“ in den Kinos zu boykottieren! Sollen sie nur. So schnell lasse ich mich nicht einschüchtern oder gar mundtot machen. Ich habe übrigens nie behauptet, dass Polizisten Mörder sind. Ich habe nur Transparente mit den Namen von Schwarzen hochgehalten, die von weißen Polizisten erschossen wurden. Aber der ganze Vorfall ist doch ein schlechter Witz, oder? Das ist typisch USA. Ich bin mir sicher, dass ich in diesem Fall ganz Europa hinter mir habe.

Ist Hass ein Gefühl, das Sie antreibt?
Nein. Und noch mal: Ich habe auch keinen Hass auf die Polizei. In meinem Privatleben hat Hass keinen hohen Stellenwert.

Und wann haben Sie sich das letzte Mal an jemanden gerächt?
Auch meine Rachsucht hält sich in Grenzen.

Ich frage auch deshalb, weil vor zwei Jahren Ihr Drehbuch zu „The Hateful 8“ ohne Ihr Wissen ins Internet gestellt wurde.
Natürlich auch ohne meine Erlaubnis. Das war für mich der Super-Gau! Ich war so wütend darüber, dass ich eigentlich vorhatte, das ganze Projekt abzublasen. Aber dann habe ich mich Gott sei Dank wieder beruhigt. Denn wenn man jahrelang und mit so viel Herzblut an etwas arbeitet, dann gibt man das nicht einfach auf. Ganz abgesehen davon ist das Drehbuch zu „The Hateful 8“ ein verdammt cooles Script geworden. Ich halte es tatsächlich für das Beste, das ich je geschrieben habe. Deshalb habe ich es dann auch verfilmt.

Haben Sie viel an der ursprünglichen Version geändert?
Einiges. Sicher. Und der Schluss ist fast komplett anders.

„The Hateful 8“ ist Ihr zweiter Western in Folge. Ist der Western Ihr Lieblings-Genre?
Ich habe eigentlich kein Lieblings-Genre. „Reservoir Dogs“ zum Beispiel bedient das Heist-Movie-Genre (um einen Raubüberfall; d. Red.) . Oder nehmen wir die beiden „Kill Bill“-Filme: Das war eine Tour de Force durch diverse Genres: das war mein Spaghetti-Western-Kung-Fu-Yakuza-Hong-Kong-Triaden-Movie und mein Bad-Ass-Girl-Blaxploitation-Drama in einem. Und jetzt habe ich mich eben zweimal am Western-Genre versucht. Und daraus coole Tarantino-Movies gemacht.

Was ist das denn eigentlich – ein typisches Tarantino-Movie?
Das kann ich nur schwer beschreiben. Bei „The Hateful 8“ habe ich mich natürlich von den klassischen Western-Filmen inspirieren lassen. Aber auch von TV-Serien wie „Die Leute von der Shiloh Ranch“ oder „Bonanza“. Allerdings gibt es bei mir keinen Little Joe (lacht) . Der Film ist also zuerst mal eine Hommage an das Western-Genre. Dabei hüte ich mich aber davor, alles weißzuwaschen. Im Gegenteil: Bei mir wird es richtig dreckig. Und dann versuche ich, dem Ganzen diesen gewissen Tarantino-Spin zu geben. Das geschieht meist während des Drehens und kommt oft tief aus meinem Unterbewusstsein heraus. Aber wie das genau zustande kommt, das ist für mich selbst ein Rätsel.

Wie Sie schon sagten, spielt der Film überwiegend in einer Blockhütte. Warum haben Sie beim Drehen das 65-mm-Film-Format mit Ultra Panavision 70 benutzt?
Ich wollte damit zeigen, dass man das Format nicht nur für Panorama-Shots einsetzen kann, sondern gerade auch in einem so begrenzten Raum wie einer Blockhütte. Durch die enorme Bildbreite entsteht ein sehr intimes, ja klaustrophobisches Gefühl. Was einen hochdramatischen Effekt hat. Der Zuschauer wird sozusagen ins Geschehen hinein gesogen. Ganz abgesehen davon wollte ich auch noch mal einen Film als ganz großes Kino-Erlebnis feiern. Wir haben dafür anamorphe Objektive aus dem Archiv geholt, die seit Mitte der 60er Jahre nicht mehr zum Einsatz kamen, mit denen aber solche Film-Klassiker wie „Ben Hur“ und „Meuterei auf der Bounty“ gedreht wurden. Wer also kann, sollte sich unbedingt die 70-mm-Roadshow-Version ansehen.

Es fällt auf, dass Sie diesmal auf solche Hollywood-Superstars wie Leonardo DiCaprio oder Brad Pitt verzichtet haben.
Und zwar ganz bewusst. Ich wollte bei diesem epochalen Western-Kammerspiel einfach ein homogenes Ensemble cooler Schauspieler haben. Ich nenne diese Truppe meine „Tarantino Superstars“. Das sind Schauspieler, die meinen ganz bestimmten Rhythmus zu sprechen längst verinnerlicht haben und meinen Sinn für Humor nicht nur begreifen, sondern auch wunderbar ausspielen können. Wissen Sie, ich habe bei meinen Filmen schon einige Hollywood-Superstars vorsprechen lassen, die sich den ganz bestimmten Tarantino-Rap einfach nicht draufschaffen konnten. Und damit kamen sie für mich – trotz des großen Star-Appeals – nicht mehr infrage. Ganz abgesehen davon: Bei mir müssen sich die Schauspieler immer in die Figur verwandeln, die ich für sie vorgesehen habe – und nicht etwa umgekehrt.

Hatten Sie Sorge, dass das bei Jennifer Lawrence passieren könnte? Sie haben sie ja für die weibliche Hauptrolle vorsprechen lassen, sich dann aber doch für Jennifer Jason Leigh entschieden.
Das hatte aber nichts mit der schauspielerischen Qualität von Jennifer Lawrence zu tun. Ich finde sie nämlich ganz wunderbar. Der Grund, warum ich mich für die andere Jennifer entschieden habe, war der, dass ich diesen Film bereits mit einigen Schauspielern besetzt hatte, die – wie ich – in den 90ern begonnen haben. Und viele von ihnen haben in der Zeit ihre besten Filme gemacht, wie zum Beispiel Samuel L. Jackson, Tim Roth oder Michael Madsen. Und an deren Seite war mir Jennifer Lawrence einfach zu jung. Ich wollte eine Schauspielerin, die ihre großen Filme ebenfalls in den 90ern gemacht hat. Für mich war Jennifer Jason Leigh damals der weibliche Sean Penn. Und sie hat sich bei mir die Seele aus dem Leib gespielt. Ich höre ihre Schreie immer noch.

Haben die expliziten Gewaltdarstellungen, die Sie in jedem Ihrer Filme geradezu zelebrieren, für Sie deshalb so eine große Faszination, weil sie außerhalb der Norm liegen?
Für mich ist Gewalt im Kino eine Form von cineastischer Unterhaltung. Seit Edison die Kamera erfunden hat, gibt es Action- und Gewaltdarstellungen im Kino. Es ist ein Genre, mein Gott! Und wer es nicht mag, soll sich solche Filme eben nicht anschauen. Es gibt genug anderes im Kino. Ich meine, kein Mensch würde je auf die Idee kommen, sich darüber zu beklagen, dass es in einem „Laurel and Hardy“-Film zu viel Slapstick gibt. Oder von Vincent Minelli verlangen, dass er seine Musical-Sequenzen rechtfertigt (lacht) . Aber ich kann Ihnen versichern: Für manche Leute ist es durchaus recht merkwürdig, wenn Schauspieler plötzlich mit dem Reden aufhören und anfangen, ihren Text zu singen. Ich sage es gerne immer wieder: Ich liebe Gewaltdarstellungen im Kino! Nur gut müssen sie sein. Die eigentliche Gewalt findet ja nicht im Film, sondern in der Wirklichkeit statt. Wenn zum Beispiel ein weißer Hai in einem Spielberg-Film Menschen anfällt, finde ich das ungeheuer attraktiv und aufregend. Wenn er es an der Küste Floridas tatsächlich tut, ist es schrecklich.

Ein anderes Markenzeichen von Ihnen sind die oft ausufernden Dialoge.
Was die Personen in meinem Filmen sagen, ist mir extrem wichtig. Und dann natürlich auch vor allem wie – und zu wem. Ich schreibe immer extrem lange an meinen Drehbüchern. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich in 24 Jahren gerade einmal acht Filme gemacht habe. Und ich lese dann meine Texte auch schon mal meinen Schauspielern über das Telefon vor. Christoph Waltz hat das mal scherzhaft das „Tarantino-Radio“ genannt.

Woher beziehen Sie Ihre Einfälle?
Ich mixe Gehörtes mit Ausgedachtem, Filmzitate mit Rock’n’Roll-Texten, Sprechblasen mit Literatur – nur adrenalinhaltig muss es sein. Es ist eben alles eine Frage von Imagination und Assoziation. Ich kann genauso gut die Gebrauchsanweisung für ein Aphrodisiakum als Ausgangspunkt für eine Dialogszene benutzen wie einen Monolog aus „Richard III.“ oder eine James-Bond-Phrase. Ich nehme ein bisschen von hier, ein wenig von da und sehr viel von mir.

Warum gibt es eigentlich so gut wie keine Sex-Szenen in Ihren Filmen?
Stimmt. Echte Sex-Szenen haben in meinen Filmen bisher nie richtig reingepasst. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Stimmt es, dass Sie nur noch zwei Kinofilme machen wollen?
Ja, denn dann habe ich zehn Filme gemacht. Ich finde, das ist eine gute Zahl. Und lieber zehn einzigartige Filme als zwanzig mittelmäßige. Außerdem will ich auf der Höhe meiner Kunst aufhören. Deswegen sind diese Unterstellungen, dass mir nichts mehr einfällt oder dass ich gar künstlerisch impotent geworden wäre, totaler Quatsch. Allerdings will ich auch nie in die Situation kommen, mich irgendwann für meine Filme entschuldigen zu müssen. Ich kann nämlich die Regisseure, deren Werk auch in ihrer zweiten Schaffensperiode so vital ist wie in der ersten, an einer Hand abzählen – und mir vorher noch ein paar Finger abschneiden.

Wird dann aus dem Filmemacher Quentin Tarantino der Rentner Quentin Tarantino?
Keine Angst, ich gehe noch lange nicht in Rente. Nach meinen Filmen habe ich dann endlich Zeit, mich um meine Romane zu kümmern. Ich habe schon einige angefangene in der Schublade liegen. Ich glaube, ich habe es in mir, so wie Charles Dickens oder Mark Twain zu schreiben. Oder ich betreibe ein kleines, aber feines Kino – vielleicht sogar in Los Angeles –, in dem ich Woche für Woche meine Lieblingsfilme zeige. Ein schöner Gedanke, nicht?

Die ganze Welt sieht Sie als Kino-Freak. Entweder Sie machen Filme oder Sie schauen fünf, sechs, sieben Filme pro Tag an. Tut man Ihnen da sehr Unrecht?
Eigentlich schon. Mein Leben ist wesentlich komplexer. Okay, ich bin durchaus ein Filmexperte, der hoffentlich bis zu seinem letzten Atemzug Filme studiert. Es gibt so viel, was ich noch nicht weiß. Aber natürlich lebe ich auch noch ein Leben jenseits vom Film. Da reise ich in der Welt herum, besuche Freunde oder lerne Reiten. Und als ich nach einem Monat oder so ein ganz guter Reiter war, habe ich auch gleich an einer Reit-Safari in Afrika teilgenommen. Wir sind von Botswana losgeritten und haben uns all die Giraffen, Nilpferde, Elefanten und Löwen in freier Wildbahn angesehen. Das war wirklich fantastisch.

Sie haben unlängst eingeräumt, dass Sie jetzt – mit Anfang 50 – vielleicht doch etwas altersmilde werden …
Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich etwa meinen Biss verloren hätte. Oder meine Neugier auf die Welt, meinen Enthusiasmus. Allerdings stelle ich in letzter Zeit immer öfter fest, dass mich Dinge irritieren …

Welche?
Ich will ja jetzt nicht wie ein alter Sack klingen, aber dass die Leute ständig auf ihr Handy starren, geht mir schon gehörig auf die Nüsse. Egal, wo sie gehen und stehen, selbst bei einem gemeinsamen Essen im Restaurant – ständig wird getextet und gechattet. Die sind nie wirklich da, wo sie gerade sind. Zum Beispiel vor zwei Tagen: Da hing ich nach dem Dinner mit einem Freund noch bei mir im Hotelzimmer ab. Und der hatte seine Agentin mit dabei. Während wir uns also bei ein paar Flaschen Bier über Gott und die Welt die Köpfe heißredeten, hat seine Agentin die ganze Zeit mit ihrem iPhone rumhantiert. Die hat sich nicht die Bohne dafür interessiert, was wir zu sagen hatten. Und das war ziemlich cooler Shit.

Letzte Frage: Wenn Ihr Leben ein Film wäre – wie wäre der Titel?
(Lacht) Wow, da muss ich mal nachdenken… Okay, das ist jetzt nicht der endgültige Titel, aber es ist der, der mir gerade als erstes in den Sinn kam: „Die Bekenntnisse eines Provokateurs.“

Interview: Ulrich Lössl

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