Berliner Schule

Es begann mit den „Pilotinnen“

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Einer der Exponenten der Berliner Schule, Christian Petzold, ist ein Objekt der Wissenschaft.

Der Begriff „Berliner Schule“ fällt in diesen Tagen häufig. Dann spricht man über den kühlen, plotfrei erzählten Film „Ich war zuhause, aber“ von Angela Schanelec. Die Regisseurin studierte mit Thomas Arslan und Christian Petzold an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (DFFB). Die Kritik rechnet die drei zur ersten Generation der Berliner Schule. Arslan zeigte vor sechs Jahren im Wettbewerb seinen Western „Gold“ und erntete unfreundliche Lacher. Schanelec war jetzt erstmals im Wettbewerb präsent. Christian Petzold hat bereits vier Mal an den Bären-Konkurrenz teilgenommen, mit „Gespenster“ (2005), „Yella“ (2007), „Barbara“ (2012, Silberner Bär für die beste Regie) und „Transit“ (2018). In diesem Jahr kommt er mit seinem Erstling.

Alt genug für die Retrospektive ist der 1960 geborene Petzold noch nicht, interessant für Filmwissenschaftler ist er längst. Seine „Pilotinnen“ werden am Donnerstag um 15 Uhr im DFFB-Kino nur als Begleitprogramm gezeigt. Eigentlich geht es um den Sammelband „Über Christian Petzold“, herausgegeben von Ilka Brombach und Tina Kaiser im Verlag Vorwerk 8.

Das Buch enthält ein paar wenige Texte von Petzold selbst, ein ausführliches Interview mit ihm, vor allem aber ins Detail gehende Auseinandersetzungen mit seinen bisherigen Filmen. So widmet sich der Franzose Pierre Gras – ausgewiesener Kenner der deutschen Filmszene – jenen „Pilotinnen“. Das war Petzolds Abschlussfilm als Student. Gras betrachtet den Umgang des Regisseurs mit den Händen seiner Hauptdarstellerinnen Nadeshda Brennicke und Eleonore Weisgerber, auch im Vergleich zu Männerhänden, die Art, wie er die Frauen zueinander im Bild platziert und schließlich seinen Blick auf Straße und Himmel.

Für jeden Film finden die Autoren einen eigenen Zugang. Bei „Wolfsburg“ geht es um die Erwartungen an die Erzählführung, wenn Petzold Genre-Versatzstücke kombiniert, wenn er die Identität der Figuren ändert und Laura (Nina Hoss) nicht als Verliererin dastehen, sondern zur Rächerin werden lässt. Anhand von „Jerichow“ hinterfragt der britische Filmwissenschaftler Alasdair King Petzolds Heimatbegriff und charakterisiert das in einer Gesellschaft im Umbruch spielende Werk als „Heimatfilm noir“. Der genaue Blick auf das Handwerk schult dabei den interessierten Zuschauer. Liest man etwa die Analyse von „Yella“, der in die Welt der Private Equity führt, wirken die Unternehmensberaterinnen in „Der Boden unter den Füßen“ im diesjährigen Wettbewerb gleich noch schablonenhafter.

Auch aus einem anderen Grund kann man dieses gründliche und lehrreiche Buch als Einladung sehen, Petzolds Filme (wieder) zu sehen: Die Fotos darin sind so lächerlich klein, dass sie nur für sehr oberflächliche Eindrücke reichen.

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