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„Beforeigners“: Rotzig angenommenes Schicksal und tausendjährige Rülpserfahrung

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Von: Jörg Schneider

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Streaming ARD - Beforeigners - Mörderische Zeiten
Alfhildr (Krista Kosonen, l) und Urd (Agusta Eva Erlendsdottir) als Schildmaiden in einer Szene aus „Beforeigners - Mörderische Zeiten“ (undatierte Filmszene). © dpa

Die norwegische Krimi-Mystery-Serie „Beforeigners“ (ARD) widersetzt sich angenehm unaufgeregt dem gängigen Serieneinerlei.

Zugegeben, das mag sicherlich für jede Idee gelten, aber bisweilen gibt es eben doch welche, deren Sich-einfallen-Lassen ein wenig mehr benötigt als das leider seit vielen Jahren handelsüblich klischeegestählte Ermittler-mit-traumabedingten-Macken-hat-Visionen-Einerlei. So vereint beispielsweise die norwegische … ja, was eigentlich … Krimi- und Mysterserie (?) „Beforeigners“ derart viele genreübergreifende Elemente (die man zwar allesamt auch schon mal anderswo gesehen hat, aber selten so pointiert verwoben), dass es eine wahre Freude ist – die sich allerdings nur dann einstellt, wenn man sich auf dieses „Mehr“ an komplexen Absonderlichkeiten und vor allem die ursprüngliche Prämisse der Serie einlässt.

Und die besagt, dass in der „Jetztzeit“ durch nicht weiter erklärte Zeitlöcher unfreiwillig jede Menge „Zeitmigranten“ (im Original die titelgebende Melange aus „Before“ und „Foreigners“) auftauchen, die aus drei Epochen der Vergangenheit stammen. Besagte Zeitspannen bzw. deren Reingeborene werden historisch zwar nicht näher definiert, sondern – selbst wenn es sich wie bspw. bei der „Steinzeit“ um einen sich über zwei Millionen Jahre erstreckenden Zeitraum handelt – lediglich unterteilt in eben Steinzeit, Menschen aus dem späten 19. Jahrhundert und – und darum geht’s hauptsächlich – Migranten aus der Zeit der Wikinger. Letztere ebenfalls ein immerhin circa 300 Jahre währender Teil des Frühmittelalters. So weit, so gut und damit gleichsam unübersichtlich.

„Beforeigners“ (ARD): Der etwas andere Kulturschock

Doch auch wenn der absehbare, aber hier ausgesprochen angenehm unaufgeregt präsentierte Zusammenstoß der Kulturen selbstverständlich zu einigen (teils humoristisch gemeinten) Reibereien taugt, so sind die Beforeigners, egal welcher historischer Couleur, doch allesamt mehr oder weniger notgedrungen in die moderne Gesellschaft integriert. Und die in einer wunderbaren Mischung aus rotzig angenommenem Schicksal und tausendjähriger Rülpserfahrung von Krista Kosonen verkörperte Hauptfigur, die Wikingerin Alfhildr Enginnsdottir, hat es sogar bis in die Osloer Kriminalpolizei geschafft, weiß dort erstaunlich sicher mit moderner Technologie umzugehen, reist aber dennoch innerzeitig, statt mit Koffer oder Tasche, mit einer klobigen Holztruhe.

An dieser Stelle gezielter auf die eher überschaubare Krimihandlung einzugehen, deren wiederum komplexe zeitliche Verstrickungen mit den durchaus erwartbaren Zeitreisekniffligkeiten einhergehen, wäre jedoch ebenso verschwendete Zeit wie eine genauere Beschreibung des sich aus insgesamt vier Ebenen rekrutierenden Figurenpersonals und dessen sich ebenfalls überschneidender Verstrickungen, denn der eigentümliche Charme der Serie besteht tatsächlich darin, als Zuschauer die Zeitmigrationsprämisse einfach als gegeben hinzunehmen und – so schwer es bisweilen fällt – nicht weiter zu hinterfragen.

Regie und Darsteller:innenRolle:
Jens LienRegie
Nicolai Cleve BrochLars Haaland
Krista KosonenAlfhildr Enginnsdottir
Ágústa Eva ErlendsdóttirUrd
Harald EriksenStig Ryste Amdam

„Beforeigners“ (ARD): Moderne Flüchtlingsproblematik schleicht sich zwischenzeitlich ein

Dass hier in einem Aufwasch auch noch nebenbei die Problematik moderner Flüchtlingsbewegungen behandelt wird, ist eher subtil eingeträufelt, denn auf die ganz grobe gesellschaftskritische Keule wird in der Serie (trotz archaischer Wikinger und Steinzeitlern) erfreulicherweise weitgehend verzichtet. Die Thematik schleicht sich eher zwischenzeilig in die Handlung und ist für deren Verlauf, wenn man mal von den erwartbaren Verwicklungen, Vorurteilen und den damit verbundenen Nebenkriegsschauplätzen absieht, auch nicht weiter wichtig, rundet aber das Gesamtbild des Szenarios dennoch bestens ab. Auch das, ein Verzichten auf allzu Moralisches, ein absoluter Pluspunkt für den reinen Unterhaltungsgrad der Serie.

Abschließend sei noch zweierlei angemerkt: Nicht oft hat mich (der ich mich in Ermangelung eines abenteuerlichen Eigenlebens – und schon lange vor dem Angebot moderner Streamingdienste – sehr früh dem Fernsehseriengucken verschrieben habe und daher ein durchaus routinierter Vorherseher unterschiedlichster Handlungswendungen bin) die unvermeidliche Cliffhangerüberraschung am Staffelende einer Serie so unvermittelt getroffen. Gut, geahnt hatte ich es schon ein wenig, aber umso primaer, dass es dann auch tatsächlich so eintraf.

Krimi-Mystery-Serie: „Beforeigners“

Zu sehen: Hier in der ARD-Mediathek

„Beforeigners“ (ARD): Gute Titelmusik macht gute Serien aus

Zum anderen sei hier angemerkt, dass gute Serien auch grundsätzlich über eine gute Titelmusik verfügen. Und auch wenn ich das „Beforeigners“ vorstehende „Ain‘t No Love In The Heart Of The City“ anfangs noch für eine grandiose Coverversion eines frühen Gassenhauers der solide jeglichen Fisurentrends wacker trotzenden Hardrockband „Whitesnake“ hielt, so musste ich doch feststellen, dass es sich hier um das mir bis dato sträflicherweise komplett durch die Lappen gegangene – und dementsprechend noch frühere - Original von Bobby „Blue“ Bland handelt.

Alfhildr Enningsdottir wäre das zwar sicherlich ziemlich wurscht, ich wollte es bei all den zeitlichen Wirrungen aber der chronologischen Ordnung halber dennoch zumindest mal erwähnen. (Jörg Schneider)

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