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Schauspieler Becker: „Habe das Gefühl, ich muss heute aufpassen zu sagen, was ich denke“

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Von: Marc Hairapetian

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Schauspieler Ben Becker
Ben Becker ist Schauspieler, Synchron- sowie Hörspielsprecher und Sänger. (Archivfoto) © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Schauspieler und Rezitator Ben Becker spricht im FR-Interview über „Apokalypse“, Joseph Conrad, Kapitalismus und den heutigen Kolonialismus.

Frankfurt – Ben Becker ist das beste Beispiel dafür, dass auch sparsame Mimik den Meister machen kann. Wie der häufig als Enfant terrible bezeichnete Schauspieler in seiner inszenierten Lesung von Joseph Conrads 1899 veröffentlichter Erzählung „Herz der Finsternis“ im Theater am Aegi Kurtz, den größenwahnsinnigen Leiter der wichtigsten Station im Elfenbeinland, mit einem langsamen, aber herrischen Drehen des Kopfes zur Seite in seiner autoritären Haltung den Eingeborenen gegenüber charakterisiert, ist großes Kino auf der Bühne des Theaters am Aegi. Zu Recht heimst er für seine One-Man-Show im für seine Reserviertheit berüchtigten Hannover am Ende Standing Ovations ein.

Schon vorher gibt der am 19. Dezember 1964 in Bremen geborene Sohn einer Schauspielerfamilie – er ist Sohn von Monika Hansen und Rolf Becker, sein Stiefvater war Otto Sander – in seiner Garderobe („Ist ein bisschen hässlich hier. Damit habe ich nichts zu tun!“) ein ausführliches Interview zu seinem „Apokalypse“ bezeichneten neuen Programm, mit dem er auch im nächsten Jahr wieder auf Tour sein wird. Der Star aus Filmen wie „Schlafes Bruder“ (1995), „Comedian Harmonists“ (1997), „Ein Lied von Liebe und Tod – Gloomy Sunday“ (1999) oder zuletzt „Rex Gildo – Der letzte Tanz“ (2022), wo er den Manager des tragisch zu Tode gekommenen Schlagersängers spielt, spricht über seinen Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad (eigentlich Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski; 3. Dezember 1857 in Berdytschiw, Russisches Kaiserreich, heute Ukraine – 3. August 1924 in Bishopsbourne, Großbritannien), Kapitalismus und heutigen Kolonialismus, aber auch die Anfänge seiner Karriere wie in der Fernsehserie „Der Landarzt“ (1999). 

Interview mit Ben Becker: „Jetzt machen wir doch mal Joseph Conrad!“

Joseph Conrad ist einer der Schriftsteller mit den ikonografischsten Sätzen. Beispiel „Ich glaubte, es wäre ein Abenteuer, doch in Wirklichkeit war es das Leben.“ Du hast dir auch den Namen von ihm auf den Arm tätowieren lassen. Was war das erste Erlebnis für dich mit Joseph Conrad? Wie bist du auf ihn gestoßen?

Das Erste, was ich von ihm gelesen habe, war „Jugend“. Was mich noch mehr von ihm beeindruckt hat, war „Freya von den sieben Inseln“. Da wollte ich immer ein Theaterstück daraus machen. Ich weiß aber bis heute nicht, wie das funktionieren soll, ohne dass es aussieht wie die Elvis-Presley-Suite im Bayerischen Hof in München. Ich glaube, mein Vater war an allem schuld. Er hat mir das erste Buch von ihm geschenkt. Es ist sehr lange her. Ich habe ja nicht alles gelesen, was die Weltliteratur hergibt. Nicht alles hat mich interessiert. Ernest Hemingway oder Jack London waren nicht wirklich meine Tasse Tee. Ich habe den Zugang zum Abenteuerroman, wenn man so will, damals bei Joseph Conrad gefunden, ohne mich mit dem gesellschaftlichen Hintergrund in irgendeiner Form beschäftigt zu haben. Ich habe ihn einfach gerne gelesen. Punkt.

Und wie kam es zu „Apokalypse“, der inszenierten Lesefassung seiner 1899 erschienenen Erzählung „Herz der Finsternis“, die in Zentralafrika spielt und Francis Ford Coppola 80 Jahre später zu seinem nicht minder legendären Vietnam-Kriegsfilm „Apoalypse Now“ inspirierte?

Das hat sich so ergeben. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich selbst überredet habe beziehungsweise habe überreden lassen, das Projekt anzugehen. Zusammengefasst für mich hat das John von Düffel. Der kam damit an. Diese Fassung wäre jetzt für mich und es würde ihn schon lange bewegen. Dann sind wir tatsächlich durch die Zwangspause von dem Kafka-/Engels-Stück „Affe“ dazu gekommen, zu sagen: „Jetzt machen wir doch mal Joseph Conrad!“ Doch es gab von „Apokalypse“ auch nur zwei Vorstellungen. Und dann wurde es ebenfalls wegen Corona wieder auf Eis gelegt. Insofern ist das auch schon wieder eineinhalb Jahre her.

Wie bist du mit der ganzen Corona-Situation klargekommen?

Es war ein bisschen nervig. Ich habe zwar zwischendurch gedreht. Man kann fast sagen, zu viel gedreht. Insofern hatte ich etwas zu tun. Man muss sich ja beschäftigen. Ich habe gemalt zu Hause und mit Lego gespielt, aber das macht natürlich den Tag nicht rund. Irgendwann war es dann auch damit gut. Man musste die Bühne wieder ganz neu entdecken nach so einer langen Zwangspause, die uns verordnet wurde.

Sieben Gründe, Ben Becker gut zu finden: Ben Becker ist das Enfant terrible der deutschen Schauspielszene. Der Mann macht es einem nicht leicht, ihn liebzuhaben. Oder doch?

Ben Becker über Joseph Conrad: „Das ist einfach so, dass ich den liebe“

Was macht den polnisch-britischen Romancier Joseph Conrad für dich zu einem außergewöhnlichen Schriftsteller?

Das kann ich so nicht sagen. Da musst du einen Literaturwissenschaftler fragen. Das ist einfach so, dass ich den liebe. Ich lese ihn einfach unheimlich gern und finde, dass er eine Art und Weise hat, mich in seine Welt eintauchen zu lassen, die mich voll und ganz vereinnahmt. Das gibt es selten, vor allem in der Form, was das Gesamtschaffen angeht. Ob ich „Lord Jim“ oder „Der Geheimagent“ nehme: Für mich geht da eine Welt auf! Und das habe ich so bei wenigen gefunden – wohl ab und an bei einzelnen Werken, aber nicht in der Gesamtheit. Nun ist es „Apokalypse“, sprich, „Herz der Finsternis“, von seinen Werken geworden. Und was unsere heutige Zeit angeht, passt das auch, weil es mit dem Grauen, was wir tagtäglich häppchenweise vorgesetzt bekommen, korrespondiert. Ich sehe da durchaus Parallelen. Wir stehen damals wie jetzt erst am Anfang einer Reise, von der man nicht wirklich weiß, wo sie dann grauenhafter Weise enden soll. Und davon berichte ich heute. Was mir auch große Freude bereitet, ist, dass Joseph Conrad zu seiner Zeit, also den Anfängen der Industrialisierung, ein, den Kapitalismus infrage stellender Mensch war. Und das kann ich mehr als nachvollziehen.

Das ist aber auch bei Jack London die Parallele!

Das ist bei Jack London auch so, aber der ist ruppiger. Diese kritische Sicht auf den Kapitalismus hatten damals einige Schriftsteller. Es gibt natürlich auch Meinungen von afrikanischen Politologen über ihn, die gehen in eine ganz andere Richtung. Ihren anders gerichteten Blickwinkel kann und will ich aber so nicht teilen. Ich glaube nicht, dass man Joseph Conrad in irgendeiner Weise Rassismus vorwerfen kann.

Gut, es gibt diesen Roman „Der Nigger von der Narcissus“, aber der Ausdruck war seiner Zeit behaftet. In ihr pflegt die weiße Mannschaft sogar einen an einer tödlichen Tuberkulose erkrankten schwarzen Matrosen. Nachdem der Zürcher Haffmans Verlag das Werk in seiner 12-teiligen Joseph-Conrad-Werk-Ausgabe 1994 in einer Neuübersetzung von Wolfgang Krege unter dem Titel „Der Bimbo von der ‚Narcissus‘“ veröffentlichte, brachte 2009 der niederländische Verlag WordBridge eine Edition unter dem Titel „The N-word of the Narcissus“ heraus. Seit 2020 heißt die deutsche Übersetzung „Der Niemand von der Narcissus“ … Für sie erhielt Mirko Bonné den Hamburger Literaturpreis in der Kategorie „Literarische Übersetzung“.

Der Begriff war damals aus Sicht der weißen Herrscherklasse leider ganz normal. Das ist einfach zeitbedingt. Wir fahren heute eine ganz andere Art von Kolonialismus, die ich für ebenso grausam, aber weitgreifender halte. Deswegen meine ich, dass die Erzählung auf furchterregende Art und Weise einen Fluss widerspiegelt, den wir auch gerade durchkreuzen. 

Interview mit Ben Becker: „Leider sehe ich in meinem Alter kein unmittelbares Feindbild mehr vor mir“

Kannst du das mit heutigem Kolonialismus spezifizieren?

Ich glaube nicht an den Kapitalismus als Form des Zusammenlebens. Ich glaube nicht an die Notwendigkeit wirtschaftlichen Wettbewerbs. Ich denke, dass die Indianer recht hatten, wenn sie sagten: „Alles ist rund.“ Und wenn man einen in sich geschlossenen Kreislauf unterbricht, dann läuft er aus. In dem Moment, wo ich mir die Pulsadern aufschneide, kann ich einen Eimer in die Hand nehmen und sagen: Was ich habe, das habe ich! Aber das war es dann auch. Leider sehe ich in meinem Alter kein unmittelbares Feindbild mehr vor mir. Ich kann nicht sagen: Der hat recht und der hat Unrecht. Ich wundere mich nur, wenn ich wie gestern im Fernsehen befreite ukrainische Soldaten sehe, die große Ami-Flaggen an ihren Militärklamotten tragen. Das kann ich nicht mehr einordnen. Ich habe das Gefühl, ich muss heute aufpassen zu sagen, was ich denke. Deswegen versuche ich, meine Gedanken auf die Bühne zu bringen. Das ist ein emotionaler Kanal, durch den ich mich mitteile. Ansonsten wäre ich womöglich in die Politik gegangen. Das wäre ja furchtbar!

Geht dir dann die Debatte über kulturelle Aneignung und Redfacing auf die Nerven? Du hast eben „Indianer“ gesagt. Ich sage das auch noch. Ist das nicht auch eine kulturelle Aneignung, wenn man über kulturelle Aneignung spricht und die Leute, die es betrifft, nicht fragt, wie sie selbst genannt werden wollen?

Die Schwarzen haben ja auch eine Umgangssprache gefunden, wo sie damit umgehen, wie sie behandelt werden. Und sie gehen damit, auch wenn das aus einer Ironie geboren ist, untereinander ganz normal damit um und beschreiben damit den heutigen Zustand immer noch so wie er ist. Ich weiß nicht, ob man aus dem Moment, wo man aus dem Struwwelpeter den Mohren rausschreibt – und der ist jetzt ein „Pigmentierter“, oder wie das heißt –, das Kinder überhaupt nachvollziehen können. Damit beschneidet man sowohl die Schwarzen als auch die eigene Kulturgeschichte, indem man einfach etwas aufs Abstellgleis schiebt und damit etwas realgeschichtliches verdrängt. Teilweise nimmt das Formen an, wo ich sage, das ist total naiv und bescheuert. Da kann ich nur sagen: Ihr habt sie nicht alle! Das ist dann schon fast ein Fall für Mario Barth und das Privatfernsehen! Und damit habe ich wenig zu tun.

Wir kennen uns seit 2009. Ich bin immer wieder verblüfft, wie viele Analogien wir miteinander haben. Du hast am Anfang gesagt, „Jugend“ und „Freya von den Sieben Inseln“ seien die ersten Erzählungen gewesen, die du von Joseph Conrad gelesen hast. Das war auch bei mir der Fall. Ich habe mal überlegt, naiv wie ich als 15-Jähriger war, dass man aus „Freya von den Sieben Inseln“ einen wunderbaren Film hätte machen können, weil das in gewisser Hinsicht der erste emanzipatorische Abenteueroman ist.

Da gibt es ja Parallelen zu Jane Campions Film „Das Piano“ mit Holly Hunter und Harvey Keitel. Die Story scheint mir an Conrads „Freya“ angelehnt. Ich weiß gar nicht, wann Conrad das genau geschrieben hat.

FR-Autor Marc Hairapetian und Ben Becker in der Berliner Paris Bar.
FR-Autor Marc Hairapetian und Ben Becker in der Berliner Paris Bar. © Ralph-Joachim Edler von Görbitz

Interview über „Lawrence von Arabien“: „Komisch, das habe ich total verdrängt …“

Das war 1912. Was mich total gepackt hat, ist „Lord Jim“. Roman wie auch der Film von Richard Brooks. Peter O´Toole ist ja nach Oskar Werner mein Lieblingsschauspieler. Allein der Anfang mit dem Blitzschlag und der malaiischen Percussion-Musik, zu welcher der von Jack Hawkins intonierte und im Deutschen von Curt Ackermann synchronisierte Erzähler Kapitän Marlow sagt: „Willst du das Alter der Erde bestimmen, blick auf das Meer, wenn der Sturm es peitscht. Doch welcher Sturm kann das Herz eines Mannes wirklich offenbaren?“

Genial! Apropos Peter O’Toole. Sag mal: Ich hab neulich gelesen, dass bei „Lawrence von Arabien“ doch Frauen mitspielen. Und zwar ein Chor, der auf einem Berg sitzt, während er mit den vereinten arabischen Stämmen in den Krieg sitzt. Sie singen ein altes arabisches Lied über den Tod. Das habe ich nicht auf der Uhr gehabt. Ich dachte immer, dass in „Lawrence von Arabien“ nicht eine einzige Frau vorkommt. Das habe ich total verdrängt. Ich habe nämlich den neuen Roman von Colum McCann gelesen. In „Apeirogon“ zitiert er immer überall her und man wundert sich teilweise, was er für Kisten aufmacht. Wo man sagt: Jesus, wie kommt er jetzt darauf?

Die Frauen tauchen in „Lawrence von Arabien“ übrigens kurz vor der „Intermission“ auf, wenn El Aurens mit seinen Gefährten nach Akaba reitet. Es ist ein Singsang. Das ist ein Trillergeräusch. Das machen die mit der Zunge, die hinten am Gaumen anschlägt. Einmal sieht man im Film auch ein kleines Mädchen in der Nahaufnahme.

 Komisch, das habe ich total verdrängt …

Wenn man heute den Film drehen würde, hätte man natürlich Lawrence noch eine Liebesgeschichte mit einer Frau dazu gedichtet …

Wenn der Film heute gedreht würde, könnte ich mir den gar nicht ansehen. (lacht)

Interview mit Ben Becker: „Ich glaube, meine Darstellung war denen zu anarchistisch“

Auch „Lord Jim“ kann man nicht besser verfilmen wie 1965 Richard Brooks. Da stimmt einfach alles: Die Kameraaufnahmen in Super Panavision 70, die Musik von Bronislaw Kaper, das Spiel von Peter O’ Toole in der Titelrolle, aber auch von Paul Lukas als väterlichem Freund „Papa Stein“ und James Mason als Antagonist Gentleman Brown.

Da sind wir uns einig. Das ist einzigartig! Aber hör auf, sonst habe ich jetzt keine Lust mehr auf die Bühne zu gehen, sondern würde mir lieber einen Film ansehen. Das geht jetzt nicht. 

Ich muss leider noch nachlegen. Letztens habe ich bei YouTube Wilhelm Semmelroths zweiteiligen Fernsehfilm „Die Nibelungen“ aus dem Jahr 1967 gesehen. Dein Vater Rolf Becker war Gernot und Oskar Werners große Liebe Antje Weisgerber Kriemhild. Vor allem bei den duellartigen Szenen zwischen ihr und Lola Müthel als Brunhild hat man gesehen, was das deutsche Fernsehen mal für ein künstlerisches Niveau hatte! Damals wurden Theaterstoffe wie die Friedrich-Hebbel-Version des „Nibelungenlieds“ noch als Fernsehspiele eingerichtet. Heute filmt man höchstens noch Theaterinszenierungen fürs Fernsehen ab …

Wenn wir heute überhaupt noch vom Theater sprechen, ist das für viele schon ein Relikt aus einer vergangenen Zeit …! Zu den „Nibelungen“ muss ich mal meinen Vater befragen. Der lebt jetzt die meiste Zeit in der Lüneburger Heide, ist mit 87 immer noch topfit. Mit der wundervollen Antje Weisgerber habe ich auch mal gedreht. Was, das darf ich dir gar nicht erzählen!

„Der Landarzt?“ Wo du als rebellischer Rowdy Fritze Friedrichsen vom Baum fällst? Das war überhaupt das erste Mal, wo du mir als Schauspieler aufgefallen bist.

Genau! Da haben sie mich aber schnell wieder aus der Familienserie rausgeschmissen. Ich glaube, meine Darstellung war denen zu anarchistisch. Nachdem ich „Schlafes Bruder“ gemacht hatte und im Kino zu sehen war, wollten sie mich wiederhaben. Da habe ich denen gesagt: Nee, geht gerade nicht!

Das Interview führte Marc Hairapetian.

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