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KiKi Layne als Tish, Stephan James als Fonny.

„Beale Street“

Das Lied der Straße

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„Beale Street“: Der US-Filmemacher Barry Jenkins verwandelt James Baldwins Roman in einen hochkomplexen Liebesfilm.

Es macht keinen Sinn, sich über Oscar-Vergaben aufzuregen, aber wer eine Neigung dazu hat, bekommt diese Woche noch einmal nachträglich Gelegenheit. Hier also ist der Film, den man statt des weißgewaschenen Buddy-Movies „Green Book“ über Rassendiskriminierung im amerikanischen Süden auch hätte prämieren können: „If Beale Street Could Talk“, eine mustergültige Literaturverfilmung nach James Baldwins vorletztem Roman: Die zärtliche Liebesgeschichte eines jungen afroamerikanischen Paars, das Rassismus und familiären Anfeindungen trotzt und schließlich der schlimmsten, aber durchaus glaubhaften Polizeiwillkür. Vorgetragen dennoch in einem zurückhaltenden, ja lyrischen Ton, der jeder Figur ein Gesicht und eine Stimme gibt und doch nie die tragende Perspektive der jungen Frau verrät, die sie erzählt: die 19-jährige Tish, gespielt von der noch relativ unbekannten Kiki Layne.

Es ist ein Film, der das Kino nicht neu erfinden will, aber gerade deshalb eine zeitlose Modernität besitzt. So ähnlich hätte man ihn schon 1974 machen können, als das New Hollywood mit freieren Erzählformen experimentierte. Nur aber hat es eben niemand gemacht, auch noch vor ein paar Jahren nicht, als Barry Jenkins mit seinem vorzüglichen Drehbuch an Studiotüren klopfte. Erst als Jenkins’ weniger aufwendiges Projekt „Moonlight“ vor zwei Jahren den Oscar als bester Film gewann, standen diese Türen plötzlich offen. Gut, wenn man noch so ein Drehbuch in der Schublade hat.

Gewonnen hat diesmal lediglich Regina King als beste Nebendarstellerin. Sie spielt Sharon, die Mutter von Tish. Diese erwartet ein Kind von ihrem Freund Fonny, doch der sitzt in Untersuchungshaft für eine Vergewaltigung, die er schon aus logistischen Gründen nicht begangen haben kann. Dennoch hat ihn das Tatopfer identifiziert.

Als Sharon die traumatisierte Frau, eine mittellose Einwanderin aus Puerto Rico, in ihrer Heimat aufspürt, damit sie ihre falsche Aussage zurückzieht, zerbricht alle Hoffnung: Unfähig, das Erlittene noch einmal zu durchdenken, erleidet die Frau einen Nervenzusammenbruch.

„If Beale Street Could Talk“: Jeder Jazzfan kennt die Titelzeile des Films und seiner Romanvorlage. Sie stammt aus dem „Beale Street Blues“ (dies auch der Titel der bei dtv erschienenen Neuübersetzung), der stilbildenden Komposition von W. C. Handy. Die echte Beale Street, eine Wiege der afroamerikanischen Musik, befindet sich in Memphis, Tennessee. Obwohl Baldwins Roman wie auch der Film in New Yorks Stadtteil Harlem spielt, ist sie doch der kulturelle Umraum dieser Geschichte. Verbrechen und persönliches Glück, Unterdrückung und kulturelle Identität finden sich in Handys Beale Street dicht beieinander.

„Wenn Beale Street sprechen könnte“, schreibt Handy, und er muss nicht dazu sagen, was diese Straße denn zu sagen hätte. Unzählige Blues-Autoren haben es nach Handys Vorbild getan, die Maler der Harlem Renaissance, Autoren wie Baldwin oder Filmemacher wie Barry Jenkins. In einer gerechten Welt müsste man nicht immer noch über das afroamerikanische Kino schreiben, als sei es eine kleine, entdeckenswerte Insel. Von der sogenannten „schwarzen Musik“ spricht man längst nicht mehr in dieser Weise, sie bestimmt seit vielen Jahrzehnten die amerikanische Musik schlechthin.

Dennoch ist dies kein klassischer Jazz- oder Bluesfilm. Die faszinierende sinfonische Filmmusik stammt von einem jungen weißen Komponisten, Nicholas Britell, der schon den Soundtrack für „Moonlight“ komponierte. Wie die zwölftaktige Blues-Form (an die sich schon Handy nicht ganz gehalten hat) besitzt auch seine Komposition bei aller Farbigkeit ein enges Gerüst. Das unzählige Male variierte Leitmotiv umschließt die Figuren wie ein unsichtbarer, schützender Raum.

Die Musik ist in der Inszenierung ein wichtiges, aber nie dominantes Element. Noch komplexer ist die Erzählstruktur, in der die Chronologie immer wieder durch kurze Rückblenden gebrochen wird. Das ist kompliziert erdacht, aber federleicht anzuschauen.

Vielleicht konnte man schon Baldwins unschuldige Liebesgeschichte als Gegenentwurf zur West-Side-Story lesen. Ungleich präziser als im Musical werden die sozialen Hintergründe gezeichnet. Fonny (in bewundernswerter Zurückhaltung gespielt von Stephan James) muss sich als junger Künstler auch in der eigenen Community Freiräume erkämpfen. Noch mehr muss seine Freundin mit den Anfeindungen einiger Mitglieder seiner Familie kämpfen. Doch es gibt auch Unterstützung jenseits die sozialen Schranken, etwa von einem jungen jüdischen Vermieter. So ist dieser tieftraurige, aber stets auch aufbauende Film nicht nur ästhetisch hoch komplex – in seiner politischen Handlung ist er gleichfalls nie eindimensional.

Beale Street. USA 2018. Regie: Barry Jenkins. 119 Min.

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