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Die Queen in einem Studio der BBC im Gespräch mit dem Intendanten des Senders, Tony Hall (r.).

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BBC: Das schwere Erbe von Lord Hall

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Der neue, auf Tony Hall folgende BBC-Intendant muss sich auf eine heftige Auseinandersetzung mit der Regierung gefasst machen.

Wer diesen Job erhält, verdient ansehnliche 530 000 Euro, verfügt über ein Jahresbudget von 5,75 Milliarden Euro und trägt die Verantwortung für eine Weltmarke. Vor allem aber steht der Nachfolgerin oder dem Nachfolger des BBC-Intendanten Lord Tony Hall eine heftige Schlacht mit der Regierung von Premier Boris Johnson bevor: Die Konservativen denken laut über die Abschaffung der Rundfunkgebühr nach, schließlich könne der berühmteste öffentlich-rechtliche Sender der Welt auch mittels freiwilliger Abonnements dem Ansturm kommerzieller Rivalen wie Netflix und Amazon standhalten.

Zu Lord Hall falle kaum jemandem Negatives ein, kommentierte gönnerhaft das Murdoch-Blatt „Times“ die Rücktrittsankündigung des 68-Jährigen vom Montag. Wenn es nur um ihn ginge, „würde ich überhaupt nicht mehr gehen“, schrieb der Intendant in seinem Rundbrief an mehr als 22 000 Angestellte. Es sei aber wichtig, rechtzeitig vor der nächsten öffentlichen Debatte über Aufgabe und Reichweite der BBC, die im Frühjahr 2022 in eine neue Vereinbarung mit der Regierung münden soll, die Nachfolge zu klären. Hall opfert damit die Gelegenheit, im Herbst 2022 den Feiern zum 100. Geburtstag des Senders zu präsidieren.

Was es dann zu feiern gibt? „Tantchen Beeb“, so die liebevolle Bezeichnung des Senders im Volksmund, verfügt über große Akzeptanz in der Bevölkerung auf der Insel und einen legendären Ruf weltweit. Regelmäßig gewinnen TV-Produkte wie „Bodyguard“ oder David Attenboroughs „One Planet“ prestigeträchtige Preise und finden Absatz im Ausland. 96 Prozent der Briten nutzen jede Woche mindestens ein Angebot des Senders, durchschnittlich konsumiert jeder Brite 18 Stunden Öffentlich-Rechtliches online, per TV oder Radio. Mit seinem Jahresetat finanziert der Mediengigant sechs nationale sowie eine Vielzahl regionaler Fernseh- und Rundfunkprogramme.

Tony Hall, der soeben sein Ausscheiden bekannt gegeben hat.

Viel zu viel, finden Kritiker seit langem. Premier Johnson goss im Wahlkampf Öl ins Feuer: Man müsse sich schon fragen, „wie lange die Rundfunkgebühr noch Sinn macht“, teilte der Regierungschef mit. Ins gleiche Horn stößt der konservative Medienexperte John Whittingdale, der enge Verbindungen zum Murdoch-Konzern pflegt und seit langem eine „stärkere Fokussierung“ der BBC fordert.

Whittingdale amtierte als Kultur- und Medienminister während der jüngsten Verhandlung über die königliche Charta; diese sichert die Unabhängigkeit der BBC für jeweils zehn Jahre, diesmal bis Ende 2027. Gegen Halls hartnäckigen Widerstand setzte Whittingdale aber auch die zwischenzeitliche Prüfung durch, die der Regierung schon 2022 die Gelegenheit gibt, den Sender neu zu strukturieren.

Besonders die jährliche Rundfunkgebühr ist konservativen Kritikern seit langem ein Dorn im Auge. Der Sender darf von jedem Haushalt im Königreich jährlich 154 50 Pfund (umgerechnet 182 Euro) eintreiben; dafür können die Briten auf unbegrenzt vielen Farb-TVs und Computern Hits wie „Fleabag“ oder „Killing Eve“ sehen, zudem mit Hilfe des iplayer Versäumtes noch monatelang später betrachten.

Wer sich aufs Radio beschränkt, kommt bisher kostenlos davon; allerdings hat die BBC gegen vielfältigen Protest von Zuhörern kürzlich die Sounds-App eingeführt, die eine rasche Umwandlung in einen Bezahlmodus ermöglichen würde.

Verweigerer der TV-Gebühr werden streng verfolgt: Der Sender schickt eine Privatfirma mit Peilsendern durch die Städte, um illegale Fernseher zu orten. Die Maximalstrafe beträgt 1000 Pfund (1175 Euro), besonders hartnäckige Zahlungsverweigerer wandern jeweils für einige Tage ins Kittchen. Die Entkriminalisierung, mit der die Regierung liebäugelt, würde BBC-Schätzungen zufolge ein Loch von etwa 200 Millionen Pfund ins Budget reißen.

Viel schwerer ins Gewicht fällt eine sozialpolitische Maßnahme, welche die Regierung dem Sender schon vor Jahren aufzwang. Zukünftig erhält die BBC keinen Ausgleich mehr dafür, dass die Rundfunkgebühr für Briten, die älter als 75 Jahre sind, kostenlos ist. Weil es auch auf der Insel immer mehr alte Menschen gibt, will der Sender nur den Bedürftigen die Gebühr erlassen, was in den nächsten Wochen für Aufregung sorgen dürfte. Bis zu 700 Millionen stehen dabei jährlich auf dem Spiel.

Gleichzeitig muss der Finanzvorstand mehrere Millionen für Zusatzzahlungen an Reporterinnen und Moderatorinnen bereitstellen, die jahrelang weniger Geld erhielten als ihre männlichen Kollegen. Zwar hat die BBC in den vergangenen Jahren systematisch Frauen auf bisher Männern vorbehaltene Stellen gehievt - als politische Chefreporterin in Westminster, als Brüsseler Büroleiterin, als Moderatorinnen der wichtigsten TV-Nachrichten und auch des Radio-Morgenmagazins „Today“, dem die gesamte Elite des Landes lauscht. Doch bleibt die Zahlungsdiskrepanz aus langjährigen Verträgen noch immer ein Problem. Erst kürzlich erhielt eine Moderatorin vor dem Arbeitsgericht Hunderttausende Pfund Kompensation zugesprochen. Natürlich sei sie glücklich über ihren Sieg, sagte Samira Ahmed. „Aber ich möchte gern wieder meinen Job machen, über Storys berichten anstatt selbst die Story zu sein.“

Eine „gefährliche Situation“ also für den Sender, wie die Labour-Medienexpertin Harriet Harman warnt. An Kandidatinnen für Tony Halls Nachfolge herrscht dennoch kein Mangel. Neben internen Bewerbern wie Charlotte Moore, Tim Davie und Fran Unsworth werden auch die Chefin des Minderheitenkanals Channel Four, Alex Mahon, sowie Sharon White, die bisherige Leiterin der Medien-Aufsichtsbehörde Ofcom, gehandelt.

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