Digitale Spezialeffekte, die vom Theater erzählen sollen: der fliegende Michael Keaton.
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Digitale Spezialeffekte, die vom Theater erzählen sollen: der fliegende Michael Keaton.

"Birdman"

Der Batman vom Broadway

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Alejandro González Iñárritus zwiespältiger Oscar-Favorit „Birdman“ mit Michael Keaton will erklären, warum Hollywoodstars vom Theater träumen. Einen alternden Filmstar drängt es plötzlich zum Theater.

Ab und an blickt Hollywood in den Spiegel. Dann stellt man sich in der „Stadt der Illusionen“ den eigenen Ambitionen, und mächtigen Entscheidungsträgern fällt wieder ein, wie das alles einmal anfing. Wie man in der Highschool Shakespeare lieben lernte und später in der Filmschule Sergej Eisenstein. Doch dann irgendwann kam es, wie es immer kommt. Man liebt die Kunst, aber man heiratet das Geld. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, doch noch der Welt ein Kunstwerk zu hinterlassen. Oder besser noch, einen Oscar-Favoriten, der dann auch noch Kasse macht.

„Birdman“, in der vorletzten Woche für neun Oscars nominiert, stellt sich nicht nur diesem Dilemma. Er stürzt sich mit der Geschichte seines gefallenen Superhelden-Darstellers mit voller Wucht in jene tiefe Schlucht, die zwischen jenen beiden Stühlen klafft, auf denen „Kunst“ und „Unterhaltung“ steht. Michael Keaton spielt einen alternden Filmstar, den es plötzlich zum Theater drängt. Man muss sich nicht lange umsehen nach Kollegen, denen es ähnlich gehen mag: Fast jedes Jahr sieht man einen von ihnen am Broadway in einer neuen, herzzerreißenden Produktion des „Tod eines Handlungsreisenden“.

Es ist ein wenig wie bei „Being John Malkovich“: Auch wenn Keatons Filmfigur Riggan Thomson heißt, spielt er doch, wenn man so will, sich selbst – berühmt geworden durch eine Blockbuster-Serie, die nicht „Batman“ sondern „Birdman“ heißt. Doch dieser Vogelmann, dessen Image beruflich an ihm kleben blieb, hat sich auch in sein Seelenleben eingeschrieben: In einer Traumrealität, die wir mit seinen Augen für wahrhaftig halten, wachsen ihm selbst die gewaltigen Schwingen und tragen ihn durch Häuserschluchten. Ein ewiger Ikarus, der nie die Sonne sieht, weil die Schwingen nicht zu künstlerischen Höhenflügen taugen.

Der Versuch des gefallenen Stars, in reifen Jahren mit einer Dramatisierung von Kurzgeschichten des Autors Raymond Carver ein Bildungsbürgerpublikum zu erfreuen, wird durchaus problematisiert: Im Film ist es seiner von Emma Stone gespielten Tochter vorbehalten, dem Mimen in seinem Narzissmus auf den Zahn zu fühlen. Die wirkliche Superschurkin, gegen die der ehemalige „Birdman“ dabei antreten muss, ist aber ausgerechnet eine Theaterkritikerin.

Mit seiner Kritik an der Kritik meint es der Film durchaus ernst. Ein Satz wie „Kritiker sind gescheiterte Künstler so wie Informanten gescheiterte Soldaten sind“, verfehlte allerdings bei der Festivalpremiere in Venedig seine erhoffte Wirkung: Da besteht das Publikum ja überwiegend aus Kritikern. Doch populistische Kritikerschelte ist es nicht, was diesen „Birdman“ letztlich zu Fall bringt. Es ist sein Loblied auf eine Hollywood-Idee von Theater, die in Wahrheit nur Rampensau-Gehabe meint: Man sieht das Broadway-Publikum jubeln über überzogene Gesten und herausgeschrieene Dialoge. Und muss am Ende sogar noch erleben, wie damit die trotzige Kritikerin bekehrt wird. Es ist ein Film über Theatermacher, so wie man in Hollywood früher Künstler porträtierte – und die dazu notwendigen Gemälde einfach beim Plakatmaler bestellte.

Der in den USA arbeitende Mexikaner Alejandro González Iñárritu erzählt den Film weitgehend in einer einzigen, geschlossenen Kameraeinstellung. Das ist technisch imponierend, doch man sollte diese Entscheidung nicht als Bekenntnis zum Minimalismus werten.

Iñárritu wurde bekannt durch episodische Strukturen, die er in „Amores Perros“ überraschend auffächerte und in seinen Folgefilmen „Babel“ und „21 Grams“ bis an die Grenze zum ausgestellten Virtuosentum zelebrierte. So anders ist das diesmal auch nicht: Wenn Michael Keaton als vom Ehrgeiz der künstlerischen Neuerfindung getriebener, spät berufener Bühnenstar wie ein Derwisch über Vor- und Hinterbühnen eines alten Broadway-Hauses brettert, verschmelzen Tage zu Minuten.

Dieser Aktionismus, untermalt durch einen jazzigen Drum-Score, ist allerdings zugleich auch die Stärke des Films: enervierend, aber manchmal fast anarchisch. Dann gibt es Momente von rauem Slapstick: Etwa wenn sich der Star kurz vor seinem Auftritt in der Unterhose aus dem Theater aussperrt – und auf dem Times Square von Passanten erkannt wird. Binnen weniger Minuten ist er ein Youtube-Star – doch wie soll er diese Art Berühmtheit einordnen in sein persönliches Arsenal der Eitelkeiten, das noch aus analogen Zeiten stammt?

Aber tut das dieser Film nicht auch? Wirken seine digitalen Spezialeffekte nicht wie Fremdkörper in einem Film über das Theater? Das größte Problem aber ist natürlich, dass sich die scheinbar konträren Wirkungsräume von Kunst und Unterhaltung eben nicht so einfach gegeneinander ausspielen lassen. Tim Burtons „Batman“ etwa war zugleich ein Kunstwerk (wenigstens der zweite Teil). Und es ist nicht alles Gold, was auf dem Theater glänzt.

Immer wieder hat sich das alte Hollywood an diese Grenzen vorgetastet, gerade in seiner klassischen Zeit, als Produzenten das Wort „Kunst“ tatsächlich als Fremdwort galt. Einer der geistreichsten Filme, die dabei entstanden, ist „Alles über Eva“ (1955). Auch hier machte sich die Wut der Künstler auf die schreibende Zunft Luft. Der Unterschied aber ist: Man gönnte ihr trotzdem herrliche Pointen. Die Vorstellung des von George Sanders gespielten zynischen Rezensenten schrieb einst Filmgeschichte: „Ich bin ein Kritiker. Mein natürlicher Lebensraum ist das Theater. In ihm säe ich nicht und ernte nicht. Ich gehöre zum Theater wie die Ameisen zum Picknick.“

Birdman. USA 2014. Regie: Alejandro González Iñárritu. 119 Min.

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