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Die Schönheit trügt: Der Anime „Die letzten Glühwürmchen“ erzählt von der Machtlosigkeit in der Katastrophe.

Kino und Katastrophe in Japan

Barfuß durch die Hölle

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Kino gegen das Trauma: Japans Filmkultur verarbeitete die Angst vor Katastrophen. Und wenn wir uns fragen, wie ein von zwei Atombomben verwüstetes Land ein so positives Verhältnis zur Kernenergie entwickeln konnte, geben die Godzilla-Filme vielleicht eine Antwort.

Kino gegen das Trauma: Japans Filmkultur verarbeitete die Angst vor Katastrophen. Und wenn wir uns fragen, wie ein von zwei Atombomben verwüstetes Land ein so positives Verhältnis zur Kernenergie entwickeln konnte, geben die Godzilla-Filme vielleicht eine Antwort.

An kaum einem Ort in Deutschland ist Filmgeschichte so lebendig wie im japanischen Kulturinstitut in Köln. Auch für Seltenes, für Stummfilme oder Animes, gibt es hier ein Publikum. Gerade gönnt man sich eine Retrospektive des bedeutendsten Filmerzählers Japans: Yasujiro Ozu. Seit Montag allerdings bleibt das Kino dunkel. Das japanophile Stammpublikum diskutiert vor geschlossener Tür. Man versteht die Entscheidung, und doch: Wie könnte man der japanischen Kultur in diesen schweren Tagen näher sein als mit einem Film von Ozu? Diesem Regisseur, dem nichts Menschliches fremd war.

Das japanische Nachkriegskino hatte auf alles eine Antwort. So rasant sich das Leben durch den Wiederaufbau veränderte, so einschneidend die westlichen Einflüsse und der Aufstieg zur Industrienation wirkten, hier blieb niemand allein. Die drei großen Regie-Meister, Ozu, Naruse und Mizogushi, die noch aus dem Stummfilm kamen, überblickten den gewaltigen Wandel. Besonders den bedrohten Familienstrukturen, der Emanzipation der Frau und einer enttabuisierten Sexualität galt ihr Augenmerk.

So restriktiv die japanische Gesellschaft wirkt, ihr Kino war es nie. Im Vergleich zur thematischen Spannbreite des japanischen Films der 50er Jahre wirken das deutsche und amerikanische Kino verklemmt. Und das Bild vom Land, das seine Kriegsschuld ebenso verdrängt habe wie die Leiden der Atombombenopfer, das sich blind dem Fortschrittsdenken überantwortet habe, verblasst angesichts dieser Filmkultur. Wenn das Wort wahr ist vom Kino als Traumfabrik, dann ist es ein heilsames Träumen.

Vom Monster zum Retter

Eine Gesellschaft, die es tabuisiert, Privates an die Öffentlichkeit zu tragen, konnte sich an der Intimität jener Familienfilme abarbeiten, die Ozu und Mizogushi für die Firma Shoshiku drehten. In den Samurai- und Monsterfilmen der Toho Company dagegen, wo die Regisseure Akira Kurosawa und Ishiro Honda auf sehr unterschiedliche Art das Genrekino revolutionierten, verschmolzen verdrängte und gegenwärtige Ängste zu fantasievollen Actiondramen. Wenn wir uns fragen, wie ein von zwei Atombomben verwüstetes Land ein so positives Verhältnis zur Kernenergie entwickeln konnte, geben die Godzilla-Filme vielleicht eine Antwort.

In seinem ersten Filmauftritt von 1954 steigt das Monster aus den Fluten und verwüstet die Insel Odo. Die Erklärung liefern radioaktive Spuren: Jahrmillionen hat Godzilla unter dem Meeresboden gelegen, dann wurde es von Atomtests aufgeweckt. Ein realer Vorfall vom selben Jahr hatte die Filmemacher inspiriert: Durch einen amerikanischen Atomtest war der Fischkutter „Glücklicher Drache“ kontaminiert worden.

Im Laufe seiner bislang 28 Filmauftritte allein im japanischen Kino änderte das Monster mehrfach seinen Charakter. Ab Mitte der 60er mutierte es für etwa zwei Jahrzehnte zum Beschützer der Menschheit – wurde sogar zum Kinderhelden. Der Geist des Atoms war gezähmt. Nicht mehr das Kriegstrauma inspirierte die Figur, sondern neuer Nationalstolz. In „Final Wars“ rettet Godzilla die Erde.

Tsunami als beseeltes Wesen

Dennoch greift zu kurz, wer die Figur allein als Abarbeitung der atomaren Bedrohung interpretiert. Godzilla steht auch für das Unzähmbare in der Natur. Zudem sind Natürliches und Übernatürliches in ostasiatischen Mythologien eng verbunden – ein Zusammenhang, auf den der führende Vertreter des Anime, Hayao Miyazaki , aufmerksam macht. In seinem jüngsten Zeichentrickfilm, „Ponyo“, tritt sogar ein Tsunami als beseeltes Wesen auf.

Bilder einer verwüsteten Welt gehören zur Ikonographie des japanischen Films. Selbst der Gründungsmythos der Industrie hängt mit einer Naturkatastrophe zusammen: Nach dem Kanto-Erdbeben von 1923, bei dem der Großteil des frühen japanischen Filmschaffens vernichtet wurde, mussten sich die Studios neu konstituieren. Im frühen Nachkriegskino kontrastiert dann die ruinöse Außenwelt mit der wiederhergestellten Ordnung der Innenräume. Einer der im Westen bekanntesten Filme, „Die Frau in den Dünen“ von Hiroshi Teshigahara, spielt in einer Sandwüste, aus der es kein Entkommen gibt.

In vielen Animes und Science-Fiction-Filmen der letzten zwei Jahrzehnte ist die verwüstete Welt Ausgangs- und Endpunkt zugleich. Das Endzeit-Szenario ist in ihnen zu einer eigenen Folklore geworden, eine Selbstverständlichkeit, die keiner narrativen Einordnung mehr bedarf. Die Erklärung, dass sich hier das gesellschaftlich Verdrängte Ausdruck verschaffte, greift aber zu kurz. Japans Filmindustrie hat immer wieder die Traumata des Zweiten Weltkriegs ins Blickfeld gerückt. Das Werk des Regisseurs Masaki Kobayashi ist ein Beispiel: 1959 drehte er die zehnstündige Antikriegsfilm-Trilogie „Barfuß durch die Hölle“ ("Human Condition"). 1983 ließ er eine ebenso fordernde Dokumentation über das Kriegsverbrechertribunal folgen, „Der Prozess von Tokio“. Wie tiefgehend die Auseinandersetzung des japanischen Kinos mit der Kriegsvergangenheit ist, beweist aber vielleicht am besten ein Kinderfilm des „Heidi“-Regisseurs Isao Takahata: Sein Anime „Die letzten Glühwürmchen“ erzählt eindringlicher als jeder Erwachsenenfilm von der Machtlosigkeit gegenüber der Katastrophe, vom Tod und Abschiednehmen.

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