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"In den Gängen" mit Sandra Hüller und Franz Rogowski.
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"In den Gängen" mit Sandra Hüller und Franz Rogowski.

Berlinale

Das Ballett der Gabelstapler

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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„Touch Me Not“ aus Rumänien und das deutsche Arbeiterstück „In den Gängen“ zum Abschluss des Wettbewerbs.

Eines wollte sich Dieter Kosslick bei seiner vorletzten Berlinale offensichtlich nicht vorwerfen lassen: dass er auf Nummer sicher spielt. Denn das sähe anders aus: Oft hatte man den Wettbewerb als konventionell gescholten, nun suchte man nach Extremen. Aber experimentelles Programmieren bedeutet noch lange kein experimentelles Kino.

Der merkwürdigste Wettbewerbsbeitrag stammt von der Rumänin Adina Pintilie und trägt den Titel „Touch Me Not“. Es ist ein semidokumentarischer Essayfilm über Menschen, die Probleme mit körperlicher Nähe haben. Die Protagonistin beginnt eine Sexualtherapie, die sie mit weiteren Leidensgenossen in Kontakt bringt. Die endlosen therapeutischen Gespräche präsentiert die Regisseurin wie in einem medizinischen Lehrfilm – in aufgeräumt klaren Bildern, kurzen Brennweiten und vor weißen Hintergründen. Dazu ermuntert die Filmemacherin die Patienten in Zwischenschnitten zur Selbstenthüllung. Es sind Bilder wie in der Illustrierten einer Krankenkasse. Erhellend ist dabei höchstens die leichte Überbelichtung: Die zentrale Szene vereint die Patienten als Zuschauer einer schummrig inszenierten Orgie mit vorsichtigen Demonstrationen aus der Fetisch-Szene. Für die Preisverleihung an diesem Samstag wird sich die Jury nach anderem umschauen müssen.

Neben Christian Petzolds Flüchtlingsdrama „Transit“, dem künstlerisch hochstehendsten Beitrag, und Emily Atefs wunderbarem Romy-Schneider-Porträt „3 Tage in Quiberon“ zählt nun noch ein weiterer deutscher Beitrag zu den Favoriten. Der aus Leipzig stammende Nachwuchsregisseur Thomas Stuber wurde mit dem ostdeutschen Boxerdrama „Herbert“ bekannt. Hauptdarsteller Peter Kurth begegnet uns wieder in einer Männerclique von Gabelstaplerfahrern, den Protagonisten von „In den Gängen“.

Hauptfigur ist der „Frischling“ unter diesen Großmarkt-Mitarbeitern, Ex-Knacki Christian, gespielt von Franz Rogowski. Es ist nach „Transit“ schon die zweite Hauptrolle in einem Berlinale-Beitrag und ein weiterer Beleg für den feinen Minimalismus, mit dem sich Rogowski verschlossenen Charakteren nähern kann. Die offensichtlichen Narben dieser Figur öffnet die Herzen der Gabelstapler-Veteranen im ostdeutschen Marktlager, die allesamt von einer nach der Wende abgewickelten Fernfahrer-VEB übernommen wurden. In den geliebten Nachtschichten haben sie ihr Leben unter Kontrolle, residieren auf den nützlichen Karossen wie alte Cowboys auf ihren Pferden.

Manchmal legen sie Klassik-Hits auf, um die Bahnen, die sie mit den Gabelstaplern ziehen, aussehen zu lassen wie ein proletarisches Ballett. Der Grünschnabel muss sich natürlich erst mit einer handgezogenen Karre hocharbeiten. Und öffnet dabei gleich das Herz einer weiblichen Kollegin aus der Nachbarhalle – der Süßwaren-Marion, gespielt von Sandra Hüller.

Mit immensem Aufwand hat Stuber dieses grandiose „Set-Piece“ inszeniert, allerdings auch etwas pathetisch auf drei Akte von insgesamt 125 Minuten Laufzeit ausgebreitet. Seinem eleganten Minimalismus steht diese Größe am Ende ein wenig im Weg. Die Freude aber kann dies nicht schmälern an einer Hommage an eine schwindende Welt, an die Segnungen ordentlicher Festanstellungen. Bei aller Kritik an diesem Wettbewerb – das deutsche Kino zeigt sich bestens aufgestellt. Und eilt Dieter Kosslick einmal mehr zur Rettung.

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