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Ironiefreier, grobkörniger Zauber. 

„Bait“

„Bait“ im Kino: Zelluloid als Köder

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Der britische Filmemacher Mark Jenkin schwelgt für sein Sozialdrama „Bait“ im rohen Glanz des handgemachten Kinos.

Die Firma Kodak, vor einigen Jahren wie Phoenix auferstanden aus der Asche ihrer Insolvenz, hat derzeit reichlich zu tun: Wer in Hollywood etwas auf sich hält, dreht wieder auf Zelluloid, zwei der aktuell erfolgreichsten Filme, „Once Upon a Time in Hollywood“ und „Joker“, sind prominente Beispiele. Der Filmhersteller aus Rochester wirbt dort mit einer bezwingenden Tautologie: „Wer den Filmlook will, der dreht auf Film“.

Das muss man dem britischen Filmemacher Mark Jenkin nicht zweimal sagen. Bereits 2012 veröffentlichte er ein 13-Punkte-Manifest für die Rückkehr zum analogen Film – und zwar so, dass man es auch noch in der letzten Reihe merkt: nur Schwarzweiß, nur Schmalfilmformate und als weiteres Equipment höchstens ein Stativ. Gedreht wird stumm und dann, wie früher im Heimkino, im Nachhinein vertont.

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Bait.
GB 2019. Regie: Mark Jenkin. 89 Min.

Letzteres merkt man dem Fischerdrama „Bait“, aufgenommen in einem kleinen Dorf in Jenkins Heimat Cornwall, kaum an. Zu professionell sind die Schauspieler, denn „mit möglichst wenig Stress produzieren“ (auch eines seiner 13 Gebote), heißt nicht, sich in jedem Fall mit Laien zu begnügen. Das einzige Problem: Wer den Film sieht, redet am Ende mehr über seine Materialität als über die eigentliche Filmsprache oder die Erzählung.

So antik der Look, so zeitgenössisch ist das Thema: Ein malerisches Fischerdorf erlebt alle Nöte der Gentrifizierung, nachdem ein Brüderpaar das väterliche Cottage mit Seeblick an Londoner Neureiche verkaufen muss. Die dekorieren es im Pseudo-Folklorestil und vermieten es in ihrer Abwesenheit an andere Hipster.

Martin gehört dagegen zu jenen Seemännern, die ihre Bärte – wie in einem deutschen Lagerfeuerlied beschrieben – berufsbedingt schon vor der Modewelle trugen. Doch die Fischerei bringt nichts mehr ein, und im Tourismus sieht Martin keine Alternative, sondern eine Belästigung. In einer frühen Szene des Films wird die Zeitenwende noch deutlicher auf den Punkt gebracht: Ein Radiokommentator resümiert über die falschen Versprechungen des Brexits. Im Sommer 2017 wurde der Film gedreht, auch daran hat sich nichts geändert.

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Doch nicht nur in der Kapitalismuskritik findet Jenkin seine Dialektik; es ist der ständige Kontrast zwischen der archaischen Ästhetik und der Aktualität des Dargestellten. Oft fühlt man sich an deutsche Kammerspiele der Stummfilmzeit erinnert; besonders seinen Hauptdarsteller Edward Rowe drängt Jenkin zu äußerst expressivem Spiel. Nicht von ungefähr ging diesem Film ein Manifest voraus: Alle Pracht der rohen Ästhetik wirkt eingezwängt in einen strengen Dogmatismus, das Material diktiert die Inszenierung.

Es gibt nichts Leichtes, keinen Hauch von Selbstironie. Und dass Jenkin sein Filmmaterial auch noch in einem antiken Behälter selbst entwickelte, zeugt nicht unbedingt von Professionalität: Riesige Staubflusen tanzen über die Einzelbilder. In jeder früheren Epoche der Filmgeschichte hätte man die Aufnahmen für verdorben erklärt. Nur heute, in der Retro-Ära, wird darin ein roher Chic vermutet. Könnte es sein, dass die ungeliebten Hipster hinter der Kamera das Sagen hatten? Es ist in etwa so, als würden Vinyl-Fans ihre Platten extra verkratzen, damit auch der Letzte bemerkt, dass kein digitaler Datenträger läuft.

Erst wenn keine Darsteller zu sehen sind, findet der Film zu sich; etwa wenn sich aus dem Weiß des Anfangs einer Filmrolle allmählich ein Gegenstand herausschält. Oder wenn Jenkin, der auch den Schnitt selbst besorgte, in Gedankenstromtechnik kurze Bilder in die Handlung schneidet. In anderen Momenten durchbricht die surreale Sachlichkeit kleiner Details blitzlichthaft das Geschehen – etwa der traurige Kopf eines frisch gefangenen Hummers.

Ein Hauch von Herman Melville schwingt dann in diesem Seestück mit, und die Bildmontagen gleichen Schachtelsätzen.

„Bait“, der Titel, meint übersetzt den Köder in der Fischerei. Und worin liegt hier die glitzernde Versuchung? In der Geschichte selbst empfinden sich die zum Dekor ihrer Idylle degradierten Dörfler als Touristenköder. Für das Publikum, das diesen Film schon im „Forum“ der vergangenen Berlinale entdecken konnte, ist es fraglos der brüchige Glanz des Zelluloids.

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