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„Babylon“ im Kino: Kein Gesang im Regen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Damien Chazelles „Babylon“ huldigt Hollywoods Stummfilmzeit mit einem zugleich orgiastischen wie dennoch biederem Spektakel.

Frankfurt am Main – Babylon lag in den 1920er Jahren nicht nur in Berlin. Kenneth Anger, der große Experimentalfilmer, schrieb mit seiner zweibändigen Skandalchronik „Hollywood Babylon“ den bleibenden Bestseller zum Thema. Mit diesem Bilderbuch nahm er Bertolt Brechts Rat an, sich auf dem Markt, wo Lügen verkauft werden, einzureihen unter die Verkäufer. Und so verkaufte er Hollywood gleichsam zurück, womit es selbst am besten handelt: ein untrennbares Gemisch aus Lüge und Wahrheit. Auf unsere Frage, wann denn endlich der seit Jahrzehnten angekündigte dritte Band erscheine und den Bogen in die Gegenwart schlösse, antwortete der heute 95-Jährige lapidar: „Ich warte nur noch, bis Tom Cruise gestorben ist.“

So müssen wir wohl oder übel zu anderen Chroniken greifen. David Chazelle hat sein Dreistunden-Epos über die moralischen Sümpfe des frühen Hollywood „Babylon“ genannt, ohne Anger auch nur einen Dollar dafür zu bezahlen. Als wäre das nicht skandalös genug, verliert er sich dabei selbst in einem Labyrinth aus schlecht Nacherzähltem und noch liebloser Erfundenem. Das verzeiht Hollywood natürlich kaum: Mit dem amerikanischen Kinostart am 23. Dezember verkürzte sich die Liste der Oscar-Favoriten um einen bis dato hochgehandelten Kandidaten.

Ein gefallenes Monstrum von einem Film

Die Kritiken klangen mehrheitlich vernichtend, und die Kinokassen bereiten wenig Hoffnung, auch nur in die Nähe der Herstellungskosten von 160 Millionen Dollar zu kommen. So gesehen mag man schon fast wieder Sympathien für dieses gefallene Monstrum von einem Film entwickeln. Aber es fällt schwer.

Die Spielzeit ist jene Übergangszeit zum Tonfilm, in der schon Stanley Donen und Gene Kelly ihren nostalgischen Klassiker „Singin’ in the Rain“ ansiedelten – der gleich mehrfach im Film zitiert wird. Die Messlatte bleibt in weiter Ferne.

„Babylon“: Margot Robbie (l.) als Kurzzeit-Leinwandgöttin, hier mit Li Jun Li.
„Babylon“: Margot Robbie (l.) als Kurzzeit-Leinwandgöttin, hier mit Li Jun Li. © Scott Garfield/dpa

Auch hier versucht eine junge Schauspielerin (Margot Robbie) einen Fuß in die Tür der Traumfabrik zu bekommen. Sie begegnet einem jungen Mann, der es immerhin bereits als „Mädchen für alles“ auf die unterste Stufe der Karriereleiter geschafft hat. Während der durchaus spektakulären ersten halben Stunde bevor noch der Filmtitel erscheint – beliefert dieser Manny (Diego Calva) eine dekadente Filmparty mit einem lebenden Elefanten und befreit sie kurz darauf von einer Drogentoten. Und er schmuggelt Nellie LeRoy hinein, die erwähnte Nachwuchsschauspielerin.

Tatsächlich steigt sie über Nacht zur Leinwandgöttin auf – um freilich bald darauf mit der Wende zum Tonfilm in obskuren B-Pictures begraben zu werden. Immerhin hält sie dem unrettbar verliebten Manny wenigstens auf freundschaftliche Art die Treue.

Aber dies ist nicht das La-la-Land, in dem sich romantische Wünsche erfüllen. Der episodisch erzählte Film ist besessen vom Bild einer rauschhaft-delirierenden Filmindustrie, die tagsüber virtuose Leinwandepen zaubert und sich nachts in den wildesten Orgien ergeht. Die sich mit der Wende zum Tonfilm gnadenlos seiner teuersten Stars entledigt – und auf der Suche nach immer neuen Sensationen Kunstverstand und Anstand schnell vergisst.

Offenbar inspiriert von Tod Brownings finsteren Schaustellerdrama „Freaks“ (1932) spiegelt eine zweite orgiastische Partyszene im letzten Akt die erste. Tobey Maguire lockt als zwielichtige Promoter-Figur den zum mächtigen Producer aufgestiegenen Manny in unterirdische Wüstenhöhlen, um etwas „Unglaubliches“ zu sehen. Sollte der Film hier vielleicht doch noch zu einer Art von David-Lynch-haftem Surrealismus finden? Mehr als das Hollywood, das er zitiert, zerfällt sein Film stattdessen in Stillosigkeit.

Tapfer und unterfordert: Brad Pitt und Margot Robbie

Chazelle, der mit „Whiplash“, einem in sich perfekt getakteten Drama über einen missbräuchlichen Jazz-Bandleader, bekannt wurde, interessiert sich mehr für künstlerische Obsessionen als für die Kunst selbst. Aber auch das Obsessive durchdringt er nicht in dem Maße, dass wirklich etwas Freies oder Anarchisches daraus entstünde. Zwar gelingen ihm wie in „La La Land“ imponierend choreografierte Einzelszenen, doch auch sie verfehlen ihre Wirkung – weil sie zu wenig von der Kulturgeschichte kennen, die sie zitieren.

Derer Film

Babylon – Rausch der Ekstase. USA 2022. Regie: Damien Chazelle. 189 Min.

Der unfehlbare Brad Pitt spielt sich tapfer durch den Film in der Rolle eines vom Tonfilm ruinierten Stummfilmstars. Man hat das Gefühl, dass er seine Rolle besser versteht als die Regie; jedenfalls wirkt die halbherzig an die Biografie des Stummfilmstars John Gilbert angelehnte Figur in seinen Händen seriöser als der Rest des Geschehens.

Es hat schon etwas Tragisches, wie auch die unterforderte Margot Robbie versucht, ihrer Figur mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, als im Drehbuch steht.

„Babylon – Rausch der Ekstase“ ist der seltene Fall eines Films, der gleichermaßen geschmacklos sein will wie gefällig – und schließlich in einer sentimentalen Ausschnittparade Hunderte von Filmklassikern zu einem Loblied auf eine bessere Filmgeschichte zusammenschneidet. Glücklicherweise wird sie auch diesen Abgesang überleben. (Daniel Kothenschulte)

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