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Robert Pattinson (unten) als Monte und Juliette Binoche als Dr. Dibs in einer Szene des Films „High Life“.

„High Life“

Neu im Kino „High Life“: Baby an Bord

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Claire Denis hat in ihrem Science-Fiction-Film „High Life“ Kunst und Genre unter einen Hut gebracht.

Lange hatte es ausgesehen, als sei dem Science-Fiction-Film das Schicksal jener Weltraum-Reisenden beschieden, die man für lange Reisen in einen künstlichen Winterschlaf versetzt. So blieb es lautlos im Weltraum. Doch spätestens seit „Gravity“ ist das Genre wieder aufgewacht und durchlebt nun seine Historie in Zeitraffer: Erst kamen die bestaunenswerten Blockbuster, nun folgen auch die philosophischen Stoffe.

Claire Denis’ „High Life“ beginnt, wo Douglas Trumballs Klassiker „Lautlos im Weltraum“ endete – in einem Garten innerhalb eines Raumschiffs. Robert Pattinson spielt einen einsamen Astronauten mit einem ungewöhnlichen Reisebegleiter. Es ist kein haariger Wookie am Steuerknüppel und auch kein devoter Roboter; es ist ein Baby. Auch wenn Kinder in der Science-Fiction-Literatur einen festen Platz haben, sind Säuglinge in Raumschiffen doch ein ungewohnter Anblick.

In einer Rückblende erschließt sich die Vorgeschichte dieser ungewöhnlichen Konstellation. Auf einer Zugfahrt gibt ein Wissenschaftler ein Interview, in dem er von zum Tode Verurteilten berichtet, die man verschont, wenn sie sich auf eine Weltraummission begäben. In der Nähe Schwarzer Löcher sollen sie eine spezielle Rotationsenergie für eine Erde nutzbar machen, deren Bewohner offenbar ihre Energiereserven fast vollständig vergeudet haben. Die Rückkehr dieser Menschen aber sei nicht vorgesehen.

Claire Denis hat diese Szenen auf der Erde mit grobkörnigem Zelluloidfilm aufgenommen. Das lässt die Bilder bereits historisch wirken, ebenso wie der Schauplatz, ein Eisenbahnzug wie aus den Siebzigern. Spielen diese Bilder vielleicht in der Vergangenheit? Ist man etwa schon während der Ölkrise auf diese aberwitzige Idee gekommen, sich Energiereserven aus dem Weltraum zu holen?

Das Zusammenspiel von Weltraum- und Erdenbildern erinnert unwillkürlich auch an einen Film aus dieser Zeit, Andrej Tarkowskijs Klassiker „Solaris“. Es war auch die Zeit, als man in den Voyager-Raumsonden goldene Platten mit Kulturdokumenten verschickte, bei denen man auf außerirdische Empfänger hoffte, darunter – in friedlicher Eintracht – Musikstücke von Beethoven und Chuck Berry.

Auch die Kommandantin des Raumschiffes in Claire Denis’ Film möchte etwas von der Menschheit in die Zukunft retten, wie eine weitere Rückblende erzählt. Mit dem Sperma der Männer an Bord befruchtet sie die Frauen, in der Hoffnung die menschliche Art wenigstens außerhalb der Erde zu erhalten. Begeistert ist davon niemand. Die damit verbundene Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sorgt vor allem bei der weiblichen Besatzung für berechtigten Widerstand. Als sich eine Frau gegen diese Form der Vergewaltigung zur Wehr setzt, kommt es zu einem Akt der Rebellion.

In der symbolhaften Darstellung von Sexualität, der unterschwelligen Sexualisierung in einer Extremsituation einerseits und der latenten Gewalt andererseits, berührt Claire Denis ein zentrales Motiv ihres bisherigen Werks. Wie in einem ihrer bisher bedeutendsten Filme – „Beau Travail“, in dem die Autoerotik unter Soldaten ein zentrales Thema war – erreicht sie eine fast surreale Qualität.

Eine schöne Idee ist auch ihre Darstellung einer Sexmaschine. Wie viel ist über die Möglichkeiten virtueller Erotik im digitalen Zeitalter spekuliert worden, und wie wenig ist dabei bislang herausgekommen. Eines der wenigen überzeugenden Beispiele, das Björk-Video „All is Full of Love“ des Künstlers Chris Cunningham, wäre der perfekte Vorfilm für „High Life“.

Das Science-Fiction-Genre bot schon immer besondere Freiräume für experimentelle Ästhetiken. Klassiker wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ und selbst viele B-Pictures und marginalisierte Werke wie „Das schwarze Loch“ enthalten Sequenzen, die außerhalb der Geschichten, die sie motivieren, als Meisterwerke des abstrakten Films durchgingen. So auch hier: Keine Frage, dass eine Künstlerin wie Claire Denis die Gelegenheiten nutzt, die dieser Stoff für freie Formen der Inszenierung bietet.

Ursprünglich hatte sie den Künstler Olafur Eliasson für die Gestaltung des Raumschiffs und die Lichteffekte gewonnen, im fertigen Film verrät leider nur die abstrakte Einstellung einer Lichterscheinung dessen Handschrift. Die eigentliche Schönheit dieses Films liegt in der offensichtlichen Improvisation, mit der es Denis und ihrem Team gelungen ist, trotzdem an ihr Ziel zu kommen. Es gibt wunderbare Improvisationen, insbesondere im Spiel mit dem Kind, und einen äußerst ungewöhnlichen Einsatz von Weltraum-Architektur.

Wer heute von Weltraumfilmen ein sauber-futuristisches „Apple-Design“ erwartet, kann sich auf etwas gänzlich anderes freuen. Trotz seiner durchgehenden Ästhetisierung ist dieser Film alles andere als ein Design-Produkt. Es ist ein seltener Versuch, Kunst- und Genrekino zu verbinden, ohne dass eines der beiden leiden müsste. Und so gesehen ist es auch ein Blick in die Zukunft des Genrekinos jenseits von Hollywood.

High Life. D/F 2018. Regie: Claire Denis. 113 Min.

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