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Oscar-Triumph für "Das Schweigen der Lämmer", 1992: Jonathan Demme mit Jody Foster und Anthony Hopkins.

Jonathan Demme

Als Autor Haltung bewahren

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Zum Tod des sehr vielseitigen amerikanischen Filmemachers Jonathan Demme.

Wie Hollywoods Alte Meister fand Jonathan Demme von der harten Knochenarbeit des Genrekinos zur Hohen Kunst. Da man zum Künstler jedoch bekanntlich bereits geboren wird, finden sich Handschrift und Haltung schon eingeschrieben in Demmes Frühwerken wie „Caged Heat“ („Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen“, 1974). In der Talentschmiede von Roger Corman übertraf das junge Talent die Erwartungen an das Genre, in dem es zwar die Schauwerte bediente, nicht aber unbedingt die Eindimensionalität des Exploitation-Genres.

Selbst der Soundtrack der Billigproduktion „Caged Heat“, komponiert von John Cale, weist weit in die Zukunft, Mike Bloomfield spielt darauf die Solo-Gitarre. Zehn Jahre später wird Demme dann mit dem Talking-Heads-Film „Stop Making Sense“ seine Musikalität in einem innovativen Konzertfilm beweisen: eine bis heute bewunderte Übung in effektvollem Minimalismus.

Jonathan Demme liebte die vielfältigen Tonarten von Kino und Musik auf die gleiche großzügige Art, wie er auch die Menschen liebte. „Das ist zugleich die Freude wie die Verpflichtung eines Filmemachers“, sagte er 2004, „sich zu vergegenwärtigen, dass das Verhalten der Menschen auf der Leinwand tausend-, ja vielleicht millionenfach angesehen wird, und eines Tages etwas über die Menschheit aussagen wird.“

Eine schöne Vorstellung ist das – dass etwa eines Tages unsere Nachfahren Dammes herrlichen Neo-Noir-Film „Something Wild“ („Gefährliche Freundin“) als Dokument unabhängiger weiblicher Lebenskonzepte in der Post-Punk-Szene der achtziger Jahre lesen könnten.
Oder dass sie in der Kommunikation zwischen dem Massenmörder Hannibal Lecter und der FBI-Agentin Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ tief eintauchen werden in das Verhältnis zwischen Macht, Charisma und Kontrolle.

Oder dass sie in „Philadelphia“ nacherleben, wie schwer sich die Gesellschaft noch 1993 in ihrer Anteilnahme und Verantwortung gegenüber HIV-Patienten tat.

Und dass es schließlich – wie in Jonathan Demmes Dokumentarfilm „Man of Plains“ belegt – einer Persönlichkeit vom Range Jimmy Carters bedurfte, den Begriff „Apartheid“ in die Diskussion über die israelische Palästinenser-Politik einzuführen.

Mehr als in einem wieder erkennbaren visuellen Stil äußerte sich Jonathan Demmes Autorenschaft in seiner Haltung. Es gibt wohl keinen Oscar-Preisträger der den Verlockungen der Traumfabrik mit größerer Skepsis begegnet wäre.

Als „Das Schweigen der Lämmer“ die fünf wichtigsten Oscars gewonnen und 240 Millionen Dollar eingespielt hatte, lehnte er die Regie für die Fortsetzung ab. Auf  Komplimente über seine Leistung reagierte er mit der Bemerkung: „Ich habe lediglich gemacht, was ich immer mache. Nur diesmal hat es funktioniert.“ Selbstverständlich war das für ihn nicht.

Bis zu dem Überraschungserfolg von „Stop Making Sense“ hatte er erleben müssen, wie auch die besten seiner Anstrengungen unter Wert herausgebracht wurden oder einfach floppten – was im Fall des liebevollen Kleinstadt-Stücks aus der CB-Funker-Szene „Citizens Band“ auch im deutschen Titel niederschlug: „Flotte Sprüche auf Kanal 9“.

Auch die Alfred-Hitchcock-Hommage „Tödliche Umarmung“ und die Komödie „Melvin und Howard“ erfreuten die Filmkritiker mehr als das Publikum. Jonathan Demme schien aus seinen Misserfolgen in den siebziger Jahren eine Verpflichtung zur Demut mitgenommen zu haben. Und selbst für Erfolge kann sich in Hollywood niemand lange etwas kaufen.

So mochte sich Demme, der es an Talent und Vielseitigkeit mit seinem Kollegen Martin Scorsese aufnehmen konnte, an dessen zweiter Karriere ein Vorbild nehmen. Seit den achtziger Jahren wurden beide zu Amerikas führenden Lieferanten erstklassiger Musikdokumentationen. Gleich drei Filme widmete Jonathan Demme den musikalischen Reisen von Neil Young, sein letzter Konzertfilm galt im vergangenen Jahr dem Abschiedskonzert von „Justin Timberlake + the Tennessee Kids“.

Man mag es bedauern, dass ein Mann seines Talents nicht mehr große Filme drehte, doch niemand warnte deutlicher als Demme vor der „verführerischen Aufwärtsspirale“ des Erfolgs: „Die Filme werden teurer, man bekommt höhere Gagen und die Filme gelten als ‚wichtig‘ und ‚groß‘.“ Wie viel dankbarer muss ihm da die Knochenarbeit für den Billigproduzenten Roger Corman erschienen sein. Eine Erfahrung, die er zu einer Ein-Satz-Vorlesung im Filmemachen verdichtete, der tatsächlich wenig hinzuzufügen ist: „Besorg dir ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler, und dann versau es nicht.“

Mit 73 Jahren ist Jonathan Demme am Mittwoch in New York an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

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