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Wie im richtigen Leben: Ein Nato-Gipfel ist Kulisse für eine Folge der Netflix-Serie. 

Türkei

Was für ein Autokrat: Netflix-Serie in der Türkei zensiert

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Eine durchaus an Staatspräsident Erdogan erinnernde Figur in der Netflix-Serie „Designated Survivor“ führt zur Streichung der entsprechenden Folge in der Türkei.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist dafür bekannt, dass er Kritik an seiner Person gar nicht vertragen kann. Tausende Nutzer sozialer Medien wurden wegen Beleidigung des Präsidenten verklagt, Hunderte deshalb eingesperrt. Zensur ist normal in einem Land, das weltweit die meisten Journalisten inhaftiert hat. Kürzlich widmeten sich Erdogans Zensoren der Netflix-Serie „Designated Survivor“ und verlangten, dass eine komplette Folge in der Türkei nicht ausgestrahlt werden dürfe. Der Streaming-Gigant Netflix gehorchte aufs Wort.

Im Mittelpunkt der seit 2016 ausgestrahlten Politthriller-Serie steht der idealistische US-Wohnungsbauminister Thomas Kirkman, gespielt vom „24“-Star Kiefer Sutherland. Kirkman zieht nach einem verheerenden Anschlag in Washington, bei dem der Präsident und das gesamte Kabinett sterben, überraschend ins Weiße Haus ein. Denn er ist der „Designated Survivor“, der für einen solchen Fall „vorbestimmte Überlebende“. In der Netflix-Serie, deren dritte und letzte Staffel seit vergangenem Jahr läuft, werden vielfältige Analogien zur realen Weltpolitik gezogen. Auch zur Türkei.

In der siebten Folge der zweiten Staffel kommt es während eines Nato-Gipfels in Washington zu einer Krise zwischen der Türkei und den USA. Bei einem Besuch im Weißen Haus beschuldigt der fiktive türkische Staatschef Fatih Turan den US-Präsidenten, einem türkischen Oppositionsführer und angeblichen Putschisten Asyl gewährt zu haben, und fordert dessen Auslieferung. Außerdem droht er mit dem Auszug der Türkei aus der Nato und einer Annäherung an Russland, falls ihm die USA nicht sechs Milliarden Dollar für die Pachtverlängerung der Nato-Luftwaffenbasen überwiesen. „Das wäre Sauerstoffzufuhr für den Bastard“, sagt Kirkman zu seinen Mitarbeitern. Er lehnt ab und lässt den Besucher aus seinem Büro führen.

Der türkische Staatschef, in dem man unschwer Erdogan erkennt, wird von dem türkischstämmigen US-Schauspieler Troy Caylak als herrischer, korrupter Autokrat verkörpert. Kein Wunder, dass Erdogans Zensoren schäumten. Netflix reagierte wie üblich unterwürfig und entfernte die rund 42 Minuten lange Folge für die Ausstrahlung in der Türkei am 30. April.

Die Episode ist eine klare Anspielung auf den anhaltenden Kampf der türkischen Regierung gegen die Bewegung des in den USA lebenden Islam-Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan beschuldigt, den gegen ihn gerichteten Putschversuch von 2016 inszeniert zu haben. Seither strebt Erdogan die Auslieferung seines früheren Verbündeten an, was bisher daran scheitert, dass Ankara keine überzeugenden Beweise gegen Gülen vorlegen konnte.

Der gegenteilige Effekt?

Doch scheint die Entfernung der Folge aus „Designated Survivor“ in der Türkei einen Barbra-Streisand-Effekt auszulösen, jenes soziale Phänomen, nach dem die Unterdrückung von Informationen das Gegenteil bewirken kann. Bisher habe kaum jemand im Land von der Serie gehört, jetzt wisse jeder Bescheid und könne die gestrichene Folge mithilfe eines VPN-Netzwerks im Internet finden, zitierte die Nahost-Nachrichtenplattform Al-Monitor die Istanbuler Medienexpertin Ceren Sözeri.

Seit September 2019 benötigen TV-Streamingdienste in der Türkei eine Lizenz der Rundfunkbehörde RTÜK, die seither auch als Zensor in die Ausstrahlungen eingreift, denn die Sender verpflichten sich, Inhalte zu entfernen, die RTÜK als „obszön“, „unmoralisch“ und „gegen die nationale Integrität gerichtet“ definiert. Der Interpretationsspielraum ist absichtlich vage gehalten und damit riesig. Im türkischen Fernsehen treibt das bizarre Blüten, weil jedes angeblich mit Alkohol gefüllte Glas verpixelt werden muss, Kuss-Szenen auf RTÜK-Anforderung komplett entfernt werden und nackte Haut ohnehin tabu ist.

Der neue Zensurakt geht weit darüber hinaus. Letztlich haben die Streamingdienste aber keine Wahl. Sie müssen sich unterwerfen, wenn sie nicht ihre Lizenz verlieren und in der Fernseh-verrückten Türkei schöne Profite riskieren wollen. Was „Designated Survivor“ angeht, so ist die gestrichene Netflix-Folge im Rest der Welt weiterhin in Gänze verfügbar.

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