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Insgeheim hofft sie, von ihm zu hören.

"On the Beach at Night Alone"

Auszeit für den Liebeskummer

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Das neue Werk von Hong Sangsoo ist ein herrlich verhuschter Liebesfilm mit dem Titel "On the Beach at Night Alone".

Für Alfred Hitchcock gehörte es zu den größten Ärgernissen, eine Drehbuchseite erst am Morgen der Aufnahme unter seiner Tür zu finden. Dieses Unglück, das ihn früh in seiner Hollywoodkarriere am Set von „Der Fall Paradin“ ereilte, ließ er sich eine Warnung sein. Andere Filmemacher, die ihre Bücher selber schreiben, lieben mitunter gerade diese Spontaneität.

Der Koreaner Hong Sangsoo ist berühmt dafür, die Szenen eines Drehtages sogar erst an dessen Morgen zu verfassen. Diese Frische teilt sich beim Drehen mit, und doch wirken seine Filme alles andere als beliebig. Was an ihnen spontan sein mag, ist zugleich nicht flüchtig – und vermittelt sich eher als Nachdenklichkeit und Ruhe. Erstaunlich, dass er auch nach zwanzig Filmen in Deutschland als Geheimtipp gilt.

Ohnmacht der Sprache

Mit seinem wohl populärsten Film „Hahaha – Oki’s Movie“ gewann er 2010 in Cannes die Certain-Regard-Sektion, vor drei Jahren erhielt er ebenso verdient einen Goldenen Locarno-Leoparden für „Right Now, Wrong Then“, die verträumte Miniatur um einen reisenden Filmregisseur und Müßiggänger. Auch Martin Scorsese zählt zu den Bewunderern seiner lebensvollen Miniaturen; diese jüngste gehörte im vergangenen Jahr zu den wenigen Preziosen im Berlinale-Wettbewerb.

Hong Sangsoos verhinderte Liebesfilme leben von der Ohnmacht der Sprache, selbst bei jenen, die sich beruflich ihrer bedienen müssten, weil sie sich im Kulturbetrieb tummeln, Künstlern, Dichtern, Regisseuren oder, in diesem Fall, einer umworbenen Schauspielerin.

Diese Younghee hat aus Liebeskummer dem verheirateten Regisseur, mit dem sie eine Affäre verbindet, den Rücken gekehrt und hofft doch insgeheim, von ihm zu hören. Kim Minhee („Die Taschendiebin“), ein Star des koreanischen Kinos, spielt diese Prominente, die auch vor dem Klatsch geflohen ist, den ihre traurige Affäre produziert hat.

Ihr temporärer Rückzug führt sie in ein winterliches Hamburg, von dem man allerdings wenig mehr sieht als ein paar Straßen, eine Parkbank und einen Buchladen. Eine Freundin führt sie ein wenig herum und hält sie doch auf Distanz zu den üblichen Sehenswürdigkeiten.

Liebevolle Sorgfalt für die Figuren

Lieber stellt sie ihr den Antiquar um die Ecke vor, der eigentlich Komponist ist und eine kleine Klavierschule für Kinder verfasst hat. Liebevoll führt der Film diese dokumentarisch wirkende Figur ein, die doch nie wieder vorkommen wird. Andere Nebenfiguren erfahren ähnliche Sorgfalt. Das kleine Klavierstück, das er vorspielt, hat es in sich: „Das ist ganz einfach“, verrät der freundliche Mann, „aber mit der Zeit kommen Sie immer tiefer hinein.“

So ist das auch mit den Filmen von Hong Sangsoo: Sie fühlen sich einfach an, doch wenn man einmal drin ist, kann man sich in ihnen verlieren.

Allein diese unscheinbaren Orte, die öffentlichen Gebäude, leeren Parks und austauschbaren Cafés, an denen seine ziellos Reisende auftaucht, sind faszinierend: In ihrer Absage alles Besonderen sind sie der wahre gemeinsame Nenner zwischen den Spielorten; der Elbstrand findet für die Heldin sein Pendant an der heimischen Küste, wo sie ein Wiedersehen mit ihrem Geliebten erträumt.

Mythische Orte der Popkultur

Die Refugien von Liebeskranken gehören zu den mythischen Orten der Popkultur. Sie heißen „Heartbreak Hotel“ oder „Lonesome Town“, und wer zu ihnen aufbricht, kauft selbstverständlich nur ein „One Way Ticket To The Blues“. Was aber genau in diesen mythischen Unorten geschieht, bevor die Verschwundenen von ihrem Schmerz geläutert zurückkehren dürfen, davon erzählen Filme selten. Abseits von allem Melodram sieht dieser Film der Zeit beim Heilen der Wunden zu.

„On the Beach at Night Alone“, was klingt wie ein Horrorfilm, ist tatsächlich das denkbar undramatischste Liebesdrama. Wenn es endlich zur Aussprache kommt zwischen der Schauspielerin und dem Regisseur, der sie unglücklich machte, der aber auch selbst sein Herz verlor, dann ist das nur geträumt. Was allerdings nicht heißt, dass es nicht auch klärende Träume gibt. Das Schweben zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit ist aber vor allem eines: Eine Feier eines bestimmten Künstlerbilds, das sich ins Leiden stürzt, um das Leiden besser zu erfassen.

On the Beach at Night Alone. Hongkong/Deutschland 2017. Regie: Hong Sangsoo. 101 Min.

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