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TV-Kritik: Maybrit Illner

Der Ausgrenzung folgt die Abgrenzung

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Auch Maybrit Illner kam nicht umhin, über den Terror diskutieren zu lassen  – allerdings wäre die Debatte ohne die Beteiligung von Politikern wohl informativer geworden.

Die Uhr schlug elf, da ging es endlich, endlich um das wirklich wichtige Thema: Prävention. „Krieg der Islamisten – Hilflos gegen den Terror?“ lautete das Motto bei Maybrit Illner, und ein Teil ihrer Gäste versuchten immer mal wieder, die Diskussion in die richtige Richtung zu lenken. Aber die Moderatorin hatte einen Fahrplan.

Anfangs hatte Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Religionslehrerin und auch  deshalb begehrter Gast in den Talkshows, von einigen ihrer Schüler berichtet. Die seien extrem desillusioniert aus dem Dschihad zurückgekehrt, und nun versuche man sie zu resozialisieren.  Dann versuchte es Grünen-Vorsteher Cem Özdemir: Es werde zu wenig über Prävention geredet, wenn es um die Analyse des Terrors und seiner Hintergründe geht. Und Elmar Theveßen, der Terrorismus-Experte des ZDF, sagte, man müsse „Geld in die Hand nehmen“, wenn man den jungen Leuten den richtigen Weg weisen wolle.

Allein: es half nichts. Die an diesem Abend ziemlich indisponiert wirkende Maybrit Illner wollte nun mal erst über „Sicherheit“ reden und verwies darauf, dass man später zu diesem Thema komme. Stattdessen wollte sie dann von ihrer französischen Kollegin Cecile Calla wissen: „Wie viele werden morgen noch Charlie sein?“ und stellte solche Fragen wie die: „Wie alarmiert ist man in Frankreich?“

Und so war es nur logisch, dass auf Illners Frage, ob man, wenn schon keine 100 Prozent Sicherheit möglich seien, nicht aus den 70  vielleicht 80 Prozent machen könne, die aktuelle politische Debatte und damit die Gäste aus der Politik die Diskussion bestimmten: Cem Özdemir wandte sich dagegen, dass nun „wie aus der Pistole geschossen“ die Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung komme – was Wolfgang Bosbach, CDU, Vorsitzender des Innenausschusses, selbstredend nicht so stehen lassen konnte.

Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft und Christdemokrat, rückte die schiefe Debatte gerade und verwies darauf, dass die Vorratsdatenspeicherung ja nicht dazu geeignet sei, „präventiv in die Zukunft zu schauen“ und lediglich etwa Netzwerke der „Gefährder“  aufdecken könnte.

Elmar Theveßen nahm dann den Zank zum Anlass zu fragen, ob man statt immer neuer Gesetze am „anderen Ende“ nicht einiges mehr tun könne. Schließlich hätten Terroristen  noch bei jeder Maßnahme einen Ausweg gefunden. Und wer etwa im Kampf gegen das Böse Folter rechtfertige, der sorge für den fruchtbaren Boden, auf dem sich junge Leute rekrutieren ließen. Er verwies auf die Bilder von Abu Ghraib, die mehr Muslime in die Radikalität getrieben hätten als alle Prediger.  

Lamya Kaddor pflichtete bei: Wer schon fanatisiert sei, den hindere auch ein eingeschränkter Personalausweis nicht an der Ausreise. „Wir müssen schauen, dass wir präventiv stärker arbeiten“, kam sie auf den Punkt. „Auch das machen wir“ beteuerte Wendt, nur um anzufügen, dass es aber „eine Frage von Kapazitäten“ sei. Bosbachs typische Politiker-Reaktion: „Wir haben noch nie mehr Geld für Prävention ausgegeben“ – das zu belegen, ersparte man ihm. Doch eben an  dieser Stelle hätte die Redaktion Illners gerne einen Einspieler bringen dürfen, der belegte, wo und wie in der Bundesrepublik Geld für soziale Arbeit mit Jugendlichen gekürzt oder gestrichen worden ist – Beispiele gibt’s da genug. Und so blieb es Wendt vorbehalten, das noch einmal ausdrücklich zu erwähnen. Die Behörden, die für Jugend- und Sozialarbeit zuständig sind, seien „kaputtgespart“ worden , man habe ja einen neuen Götzen: die schwarze Null. Er fürchte, die  könne irgendwann zu einem „schwarzen Tag“ für Deutschland führen.

Theveßen war dann ein Schlaglicht auf konkrete Verhältnisse zu danken: 73 Prozent der Muslime in Frankreich hätten weniger als 1900 Euro im Monat und könnten sich auch deshalb nur die Wohnungen in den – längst als Problemzonen erkannten   – Vorstädten, der „Banlieue“ leisten. Und der britische Inlandsgeheimdienst habe schon vor gut zehn Jahren zwei Hauptgründe für junge Leute sich zu radikalisieren ausgemacht: Die persönliche Wahrnehmung zum einen von einer Benachteiligung in der eigenen Gesellschaft und zum anderen von Ungerechtigkeit in der Politik. Lamya Kaddor bestätigte: Viele Jugendliche fühlten sich nicht anerkannt als Deutsche, der Ausgrenzung folge die Abgrenzung: Dann sind wir’s eben nicht. Dabei hatten die Radikalinskis vorher „vom Islam keinen blassen Schimmer“.

Und den per Einspieler gezeigten Vorstoß des CSU-Politikers Uhl, man solle die Rückkehrer einfach mal inhaftieren, sollte man als weiteren Versuch werten, der rechtsextremen AfD mit einem rechtsextremen Vorschlag Wähler abspenstig zu machen. Das konnte nicht einmal Wolfgang Bosbach gutheißen.

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