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Tommy Lee Jones und Hillary Swank: der zwielichtige Kopfgeldjäger und die patente Siedlerin.

„The Homesman“

Die Ausgestoßenen

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Mit „The Homesman“ bereist Tommy Lee Jones die Landschaften des Westernkinos. Voller Respekt ergänzt er zugleich die Fehlstellen.

Als man in der Nachkriegszeit auch in Deutschland diskutierte, wie viel verkannte Kunst sich wohl im Hollywoodkino verbergen mochte, rieb man sich gerne an „The Searchers“: Die Meisterschaft war in John Fords Western, der hierzulande „Der schwarze Falke“ hieß, schwer zu übersehen. Aber durfte man ein Kunstwerk loben, das die amerikanischen Ureinwohner in so dunklen Farben zeigte? Wer John Ford lobte, der musste ihn in seiner Ambivalenz vermitteln, wie es etwa der unvergessene Kritiker Uwe Nettelbeck damals in der „Zeit“ getan hat: „Er macht sich das Bewusstsein der Siedler mit viel Anstrengung um historische Genauigkeit zu eigen – und diese waren auf Indianer bestimmt nicht freundlich zu sprechen –, dreht aber die Geschichte doch so, dass der Zuschauer ihre Implikation begreifen kann.“

Heute ist „The Seachers“ unumstritten, und es gibt kaum einen modernen Westernregisseur, der nicht einmal voller Ehrfurcht seine berühmte Bildkomposition zitierte: den Blick auf die Weite der Prärie, gerahmt durch den spärlichen Komfort der Veranda eines Siedlerhauses.

Tommy Lee Jones zeigt dieses Bild in „The Homesman“ gleich zu Beginn, wie er sich in seiner eigenen Version der Geschichte der „Suchenden“ immer wieder vor dem Klassiker verbeugt. Er selbst spielt den einsamen Reiter, wenn auch als zwielichtigen Kopfgeldjäger, einen Scout, der viele Pfade findet, aber den der Tugend reichlich spät.

Die eigentliche Protagonistin aber ist die von Hillary Swank gespielte Mary Bee: eine mutige, alleinstehende Siedlerin, die sich zutraut, allein mit einem Planwagen drei psychisch kranke Frauen aus weit verstreuten Farmerhütten abzuholen, um sie zurück an die Ostküste zu schicken. Als sie auf dem Weg durch Nebraska den von Jones gespielten Briggs von einem Galgenstrick befreien kann, muss er ihr als Gegenleistung helfen. Romantische Entwicklungen bleiben aus, sie macht ihm trotzdem einen Heiratsantrag. Das „Nein“, das darauf folgt, kommt schneller als der abgeklärte Mann in anderen Situationen mit dem Colt dabei ist.

Wer glaubt, Western seien Männersache, erlebt hier eine späte, aber eindringliche Auseinandersetzung mit der Rolle der Frauen bei der Eroberung des Westens: Praktisch rechtlos, aber oft übermenschlichen Belastungen ausgesetzt, wird ihnen Hollywoods Klischee der patenten Farmersfrau wohl kaum gerecht. Man glaubt sofort, dass der Überlebenskampf die Immigrantinnen reihenweise in den Wahnsinn trieb. Die Idylle „unserer kleinen Farm“ ist nirgends zu entdecken.

Viele Auslassungen der klassischen Western-Ikonographie wurden inzwischen getilgt, ohne dass das Genre deshalb radikal erneuert werden müsste – zuletzt das Thema Sklaverei in Quentin Tarantinos „Django“. Auch Jones holt sein Publikum gewissermaßen im klassischen Western ab, um – unter Beachtung der Genrekonventionen – einige der Leerstellen zu füllen. Überhaupt ist ihm der Genrebegriff nicht sehr geheuer: „Ich weiß nicht, was ein Western ist“, sagte er zur Premiere von „The Homesman“ in Cannes, wo er zu den besten Beiträgen des Wettbewerbs zählte. „Über die Jahre habe ich den Eindruck gewonnen, ein Western sei ein Film mit Pferden und großen Hüten, der im 19. Jahrhundert spielt und für gewöhnlich westlich vom Mississippi. Aber ich habe auch schon Kritiker gehört, die Science-Fiction-Filme Western nannten. Ich weiß wirklich nicht, was ein Western ist.“

Schon die Marschrichtung der ungleichen Helden und ihrer Schutzbefohlenen, der traumatisierten Frauen, die über ihr Leid die Sprache verloren haben, ist der klassischen Genrebewegung gegenläufig. Zehn Jahre vor dem Beginn des Bürgerkrieges führt der Weg nach Osten, in die Zivilisation. Doch der Blick auf deren Verheißungen ist widersprüchlich. Als Briggs unterwegs einen Hotelneubau passiert und man ihm das Quartier verweigert, weil sich reiche Investoren angekündigt haben, steckt er es kurzerhand in Brand.

Was sind die Verheißungen der Zivilisation wert, wenn es für die drei Frauen keine andere Hilfe gibt, als sie Tausende von Kilometern entfernt in eine nicht näher benannte Anstalt abzuschieben? In ihren wortlosen Darstellungen dieser Rollen leisten die drei Nebendarstellerinnen erstaunliches: Sonja Richter als Norwegerin Gro Svendsen, die wie ein wildes Tier schreit und beißt; Grace Gumma als Arabella Sours, die ihre Kinder verlorenen hat und nun ständig eine Puppe umklammert. Und Miranda Otto als Theoline Belknap, die ihr Baby im Wahnsinn in der Latrine ertränkt.

Schon John Fords Klassiker erzählte von Frauen, die nach traumatisierenden Erlebnissen für die Siedlergemeinschaft verloren schienen. Erst spät in der Handlung akzeptiert die John-Wayne-Figur, dass es für ein von Indianern verschlepptes Mädchen dennoch eine Zukunft geben kann. Obwohl Tommy Lee Jones hier einen Roman von Glendon Swartout verfilmt, stellt er in der Inszenierung zugleich eine Verknüpfung mit der filmischen Überlieferung des Wilden Westens her und seiner Dualität zwischen dem Wilden und dem Kultivierten, zwischen Ursprünglichkeit und Kolonisation.

Es waren die Kollisionen dieser Welten, an denen mitunter ein nur halbherzig thematisierter Rassismus sichtbar wurde: etwa wenn ein „Halbblut“ („half-caste“) nur noch außerhalb der jeweiligen Kulturen einen Platz zugewiesen bekam. Dass freilich die Ausgestoßenen gleich welcher Herkunft die eigentlichen Helden dieses Genres waren – und nicht die Siedler – macht die besondere Faszination des Western aus.

Geradezu schlafwandlerisch streift „The Homesman“ durch dieses filmische Erbe. Voller Respekt – und dennoch mit dem Blick auf die Auslassungen seiner Geschichte.

The Homesman. USA 2014. Regie: Tommy Lee Jones. 123 Min.

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