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Immer gern gesehen: Marcello Mastroianni auf dem offiziellen Plakat der 67. Filmfestspiele von Cannes.

Filmfestspiele Cannes

Die Ausgesperrten

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Schon lange hat Cannes nicht mehr so viele prominente Bewerber verprellt. Am Mittwochabend startet das wichtigste Festival der Filmkunst in seiner 67. Ausgabe. Und ohne deutsche Regiebeteiligung im Hauptwettbewerb.

Bevor die PR-Industrie eine kühle Strategie daraus entwickelte, nannte man es einfach Vorfreude: Sie lockte uns ins Kino und sie steigerte sich noch einmal mit einer Packung Eiskonfekt, wenn langsam das Licht ausging.

Wenders äußert sich ungewöhnlich bitter

In Cannes beginnt die Vorfreude spätestens mit dem Ausrollen des roten Teppichs, dem ersten Motiv der Fotografen. Gründlich verhagelt ist sie allerdings der deutschen Delegation, sofern man bei einem einzigen eingeladenen Regisseur überhaupt von einer Delegation sprechen kann. Wim Wenders, mit der Gemeinschaftsarbeit „The Salt of the Earth“, einem Dokumentarfilm über den Fotografen Sebastião Salgado im Zweitwettbewerb „Un certain régard“ vertreten, äußerte sich ungewöhnlich bitter. „Man kann es nicht anders sagen, als dass Cannes kein Fingerspitzengefühl für den deutschen Film mehr gefunden hat“, sagte der 68-Jährige dem „Focus“. Um es einmal optimistisch auszudrücken: Dieser Festivaljahrgang muss schon sehr gut werden, wenn man einmal zusammenzählt, was sich Cannes da so alles hat entgehen lassen: Christian Petzolds jenseitiges NS-Drama „Phoenix“, Fatih Akins Neo-Western „The Cut“ (entnervt zog der Regisseur den offenbar auf einen Nebenschauplatz abgeschobenen Film komplett zurück).

Andreas Dresens „Als wir träumten“ stand zur Auswahl und nicht zuletzt auch noch ein neuer Wenders-Spielfilm namens „Everything will be fine“. Natürlich wissen wir nicht, wie gut die Werke dieser vier deutschen Festivalveteranen geworden sind. Aber die Konsequenz wird wohl sein, dass niemand in der hiesigen Filmbranche mehr auf die Karte Cannes wird setzen wollen. Wenn Cannes mit dem deutschen Film so wenig zu tun haben will, wie es offensichtlich der Fall ist, dann wird man sich auch bei uns noch weniger um die Außenwahrnehmung scheren. Was natürlich beides nicht im Sinne des Mediums sein kann, immerhin einer Kunstform, der man nachsagt, dass es für sie keine Grenzen gibt.

Auch Woody Allen, Terrence Malick, Paul Thomas Anderson fehlen

Zu früh gefreut hatten sich aber auch internationale Filmkunstfans: Erhofft waren abgedrehte neue Werke von Woody Allen, Terrence Malick, Schwedens Bilderstürmer Roy Andersson und dem thailändischen Palmengewinner Apichatpong Weerasethakul. Paul Thomas Anderson galt mit seiner Thomas-Pynchon-Adaption „Inherent Vice“ ebenfalls als sichere Bank. Andererseits: Die schönsten Filme sind ohnehin immer die, die vorher niemand auf dem Schirm gehabt hat. Aber ob schon der Eröffnungsfilm dazuzählt? „Grace of Monaco“, so viel ist sicher, bringt heute Abend Nicole Kidman auf den roten Teppich, der erwartbare Skandal eilte der von Oliver Dahan inszenierten Grace-Kelly-Filmbiographie voraus: Das Fürstenhaus war schon lange schlecht auf die Harvey-Weinstein-Produktion zu sprechen, vieles sei allzu frei erfunden.

Was Filmfreunde weit mehr besorgt, sind allerdings andauernde Gerüchte über immer neue Schnittfassungen und Meinungsverschiedenheiten zwischen Produzent und Regisseur. Weder Festival noch Verleih wollten sich jedoch den Premierentermin am Vorabend des deutschen Kinostarts entgehen lassen.

Freuen wir uns lieber auf die angekündigten Preziosen, die nun auch wirklich kommen: Mit Mike Leigh und Ken Loach sind gleich beide Großmeister des britischen Sozialdramas vertreten, ersterer allerdings mit einem lange gehegten Lieblingsprojekt über den Maler William Turner. Auch Loach hat einem seiner Helden ein Biopic gewidmet und bleibt sich politisch treu: In „Jimmy’s Hall“ geht es um den irisch-amerikanischen Kommunistenführer James Gralton. Der Kanadier David Cronenberg verspricht mit „Maps to the Stars“ ein gruselig-satirisches Hollywood-Porträt.

Und wenn es schon keinen Fatih-Akin-Western gibt, dann wenigstens einen von den Brüdern Dardenne – so wenigstens umschrieb Festival-Programmchef Thierry Frémaux ihr neues Drama „Two Days, One Night“ mit dem Star Marion Cotillard. Ob es dem belgischen Brüderpaar die dritte Goldene Palme einbringt? Am übernächsten Samstag muss sich die von Jane Campion geleitete Jury des 67. Festivals von Cannes entschieden haben.

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