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Auschwitz-Drama „The Survivor“ im Kino: Der Boxer

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Von: Daniel Kothenschulte

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Kampf auf Leben und Tod (Ben Foster l.).
Kampf auf Leben und Tod (Ben Foster l.). Foto: Leonine Distribution © Leonine Distribution

„The Survivor“: Barry Levinson verfilmt die Lebensgeschichte des Auschwitz-Überlebenden Harry Haft.

Auf der sogenannten „Black List“, einer jährlichen Branchen-Umfrage über vielversprechende aber noch unverfilmte Drehbücher, hielt sich „Harry Haft“ ein paar Jahre – dann wurde die Lebensgeschichte des Boxers vom Kabel- und Streamingsender HBO aufgegriffen. Tatsächlich schien sich die tragische Biografie des 2007 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden für das Kino anzubieten – jedenfalls wenn man Hollywood-Konventionen zum Maßstab nimmt. Mit 16 ins Vernichtungslager deportiert, musste der Pole dort an 76 Boxkämpfen teilnehmen, die er alle gewann. Das war seine einzige Überlebenschance, denn die Verlierer wurden unmittelbar danach von den Nationalsozialisten ermordet. Die Kämpfe fanden im Lager Jaworzno statt, einer Kohlegrube nördlich von Auschwitz. Diese schreckliche Geschichte wäre in ihrer entsetzlichen Ausweglosigkeit wohl noch kein Hollywood geworden, aber sie geht weiter.

Im April 1945 gelang es Haft zu fliehen. 1948 emigrierte er nach New York, wo er eine kurze Karriere als Preisboxer begann – diesmal in von der Mafia kontrollierten Schaukämpfen, auch gegen den berühmten Schwergewichtsweltmeister Rocky Marciano. Nach der vorhersehbaren Niederlage zog er sich schon 1949 vom Boxsport zurück und eröffnete einen Gemüseladen. Wie Haft seinem Sohn Alan Scott erzählte, der 2006 ein Buch über sein Leben veröffentlichte („Eines Tages werde ich alles erzählen“), hatte er sich von seiner Publizität als Boxer erhofft, seine Jugendfreundin auf sich aufmerksam zu machen. Auch wenn es wenig Hoffnung gab, dass sie den Holocaust überlebt haben könnte. Schließlich heiratete er die Mitarbeiterin vom „Displaced Persons Office“, die ihm so wenig Hoffnung auf das Wiederfinden seiner Freundin machen konnte.

Kein Geringerer als Barry Levinson hat sich des Stoffes angenommen, der 2011 bereits vom Zeichner Reinhard Kleist als Graphic Novel adaptiert wurde. Für den 80-jährigen Oscar-Preisträger von „Rain Man“ ist es der erste Spielfilm seit 2006, was allein schon neugierig auf „The Survivor“ machte.

Tatsächlich scheint sein Ansatz zunächst der naheliegende. Die Szenen aus den Vernichtungslagern nehmen fast die Hälfte der zweistündigen Laufzeit ein. Wie oft in Spielfilmen über den Holocaust, können sie das Grauen nicht repräsentieren, auch wenn sie in verwaschenem Schwarzweiß an dokumentarische Aufnahmen erinnern. In der englischen Originalfassung sorgen die schweren Akzente europäischer Darsteller für einen ungewollten Verfremdungseffekt. Man ist dem sinnlosen Morden und dem schrecklichen Handel ums Weiterleben näher in anderen Teilen des Films, die sich mit Harrys Trauma beschäftigen.

60 Pfund abgehungert

Ben Foster, der sich für die Rückblenden sechzig Pfund abhungerte, liefert eine beklemmend-realistische Darstellung. Er erinnert an Robert De Niro in „Wie ein wilder Stier“. Die Kammerspielszenen mit Vicky Krieps als Ehefrau Miriam aber sind es vor allem, die diesen Film einzigartig machen unter Werken mit dieser Thematik. Leichthändig mischt die Luxemburgerin jiddische Brocken in ihren unverkennbaren, charismatisch-verhuschten Sprechduktus. Bemerkenswert ist auch eine Szene über das Nachleben des Antisemitismus. Vor seinen New Yorker Kämpfen marktschreierisch angekündigt als Überlebender und „Stolz von Polen“, muss Haft „Zurück nach Auschwitz!“-Rufe hören.

Wie bei der Fernsehserie, die erst den Terminus „Holocaust“ in die deutsche Sprache einführte, ist die Frage: Wie viel Hollywood darf sich Hollywood erlauben? Wo ist die Grenze zwischen Repräsentation und Spektakel? Und wäre es wirklich eine Banalisierung des Themas gewesen, wenn man ganz auf realistische Lagerszenen verzichtet hätte?

Levinson und Drehbuchautorin Justine Juel Gillmer scheinen sie eher in Kauf zu nehmen als sich an ihnen abzuarbeiten. Ihre Stärke sind die lebensvollen Momente, und hier wiederum kann man eine Menge vom klassischen Hollywood lernen. Zum Beispiel an der richtigen Platzierung eines jüdischen Witzes in einer romantischen Strandszene. Oder der Besetzung der liebenswerten Nebenrolle von Rocky Marcianos jüdischem Trainer mit Danny DeVito: Drei Tage gibt er dem chancenlosen Gegner heimlich Nachhilfeunterricht – damit er wenigstens mit Anstand verliert.

Tatsächlich ist der Holocaust-Film – 44 Jahre nach der gleichnamigen Fernsehserie – fast ein eigenes Genre in Hollywood geworden. Gegenwärtig erweitert es sich mit einer Einbeziehung der Trauma-Forschung und direkten Ansprache der nachfolgenden Generationen. Noch mag man nur selten auf historischen Naturalismus in den Rückblenden verzichten oder das künstlerische Element der Auslassung nutzen, wie Andrzej Munk in seinem Klassiker „Die Passagierin“ schon 1963. Barry Levinson ist jedenfalls noch einmal ein wichtiges Spätwerk gelungen, das ihn ganz auf der Höhe seiner bemerkenswerten Schauspielerarbeit zeigt.

The Survivor. USA 2021. Regie: Barry Levinson. 129 Min.

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