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Stars an Fäden ohne Verfallsdatum

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Von: Marc Hairapetian

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„Urmel aus dem Eis - Das Abenteuer“: Das Urmel ist auf der Flucht vor dem schießwütigen Großwildjäger Pumponell. Wawa versteckt es in einer Höhle.
Das Urmel ist auf der Flucht vor dem schießwütigen Großwildjäger Pumponell. Wawa versteckt es in einer Höhle. © ZDF/HR, Christine Meile-Karl

Vorzeitiges doppeltes Jubiläum bei 3sat: Thementag „Augsburger Puppenkiste“ mit Urmel, Kalle Wirsch, Bill Bo und Co. bei 3sat.

Augsburg - Im Herbst 2011 hat die Leitung vom KiKA die Sendungen der Augsburger Puppenkiste als „nicht mehr zeitgemäß“ bewertet und deshalb aus dem Programm gestrichen. Kinderfernsehen ohne die Stars an Fäden, weil die Kids angeblich nur noch auf computeranimierte Serien voller halsbrecherischer Action mit glubschäugigen Protagonisten stehen? Diese fadenscheinige Begründung kann schnell widerlegt werden, denn wenn man seinem Nachwuchs die liebevoll inszenierten und die eigene Fantasie anregenden Abenteuer von Urmel, Jim Knopf, Kalle Wirsch und Co. nun auf DVD, Blu-ray oder bei YouTube vorführt, steigen sie sofort gebannt darauf ein. Kinder sind nämlich unbestechlich und vermutlich das beste Publikum überhaupt. 

Während die Ignoranz der Oberen des KiKa vor etwas mehr als zehn Jahren noch einen echten Medienskandal provozierte, ist bei der einstigen Flimmerkiste, was die Augsburger Puppenkiste anbelangt, inzwischen tatsächlich traurige Wirklichkeit eingekehrt. Nachdem sich Ludwig Spaenle, seinerzeit Bayerns Staatsminister für Unterricht und Kultus, Anfang 2012 darüber aussprach, dass er sich um das gemeinsame Programm für das jüngste Publikum von ARD und ZDF sorge, kam kurzzeitig das Thema „Puppenkiste im TV“ wieder auf. Überlegungen einer Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk bezüglich Fernseh-Neuinszenierungen - nachdem über Jahrzehnte der Hessische Rundfunk die Marionetten-Spiele höchst erfolgreich produzierte - existieren seit März 2012. Getan hat sich diesbezüglich aber herzlich wenig. 

Unsterbliche Klassiker der Augsburger Puppenkiste

Zwar strahlten KiKa 2013 zu ihrem 65. Jubiläum und HR vor zwei Jahren doch wieder einige Wiederholungen der unsterblichen Klassiker der Puppenkiste aus, fortan waren aber deren neue Taten nur noch in ihrem eigenen Theater, das im historischen Heilig-Geist-Spital in der Augsburger Altstadt beheimatet ist, und auf der großen Leinwand zu sehen: 2016 kam ihre Inszenierung der biblischen Weihnachtsgeschichte während der Adventszeit bundesweit ins Kino. Im folgenden Jahr veröffentlichte der mittlerweile von Klaus Marschall in dritter Generation geleitete Familienbetrieb den Film „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Cornelia Funke und 2018 „Geister der Weihnacht“ nach Charles Dickens’ „A Christmas Carol“ in den Lichtspielhäusern. Zudem kooperiert Fußball-Bundesligist FC Augsburg mit dem Marionettentheater: Kasperle tippt vor jedem Heimspiel das Ergebnis, der Kapitän des FCA überreicht dem gegnerischen Spielführer im Stadion anstelle eines Wimpels eine jährlich wechselnde Marionette und nach jedem Tor des FCA wird die Melodie „Eine Insel mit zwei Bergen“ aus der Verfilmung von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1961/62 in zwei Staffeln zusammen mit „Jim Knopf und die Wilde 13“ und Neuverfilmung in Farbe 1976/77) eingespielt. Außerdem traten 2017 Figuren der Augsburger Puppenkiste zusammen mit Ärzte-Sänger Bela B. in dessen Musikvideo „Einer bleibt liegen“ auf. 

Nun ist das Christfest zwar schon wieder vorbei, doch der sich vorrangig an eine erwachsene Zielgruppe wendende öffentlich-rechtliche Kultursender 3sat kommt der Verschmelzung von Spaß und Bildungsauftrag mit einer vorzeitigen Gratulation zum Doppeljubiläum von „Oehmichens Marionettentheater“ näher als der gar nicht mehr auf Tradition setzende KiKa: Am 26. Februar feiert die von Walter Oehmichen (1901 - 1977), seiner Frau Rose (1901 - 1985) und ihren Töchtern Hannelore (1931 - 2003) und Ursel (geboren 1929) gründete Institution, die bereits 1942 als „Puppenschrein“ einen Vorläufer hatte, der 1944 bei einem Bombenangriff bis auf eine Rosette und den zu Hause gelagerten Marionetten komplett abbrannte, ihren 75. Geburtstag. Erstes Stück der Augsburger Puppenkiste war „Der gestiefelte Kater“. Als Puppenspieler und Sprecher wurden junge Augsburger Schauspieler verpflichtet, unter ihnen Manfred Jenning (1929 - 1979). Er wurde schnell zum Hausautor der Puppenkiste und begründete am 31. Dezember 1950 mit dem alljährlich wechselnden Silvesterkabarett für Erwachsene eine Tradition, die seither beibehalten wird. Bis zum 30. Juni 2020 wurden in der Spitalgasse 24.080 Vorstellungen gegeben, die von 5.216.023 Zuschauern besucht wurden. Inzwischen dürften die Zahlen nach dem zwischenzeitlichen Corona-Lockdown weitaus höher liegen.

Erste Fernsehausstrahlung der Augsburger Puppenkiste jährt sich zum 70. Mal

2023 jährt sich aber auch die erste Fernsehausstrahlung der Puppenkiste, zum 70. Mal: Am 21. Januar 1953, nur wenige Wochen nach Premiere der Tagesschau, spielte das Ensemble „Peter und der Wolf“ im Bunker des NWDR in Hamburg nach. Wie auch die folgenden, bis 1954 vom Hessischen Rundfunk im Frankfurter Fernsehstudio produzierten Sendungen wurde das Stück aufgrund fehlender Aufzeichnungstechnik live übertragen. Nach einem dreijährigen Intermezzo beim Bayerischen Rundfunk ging es wieder zum HR, der sein zwischenzeitlich eingestelltes Kinderprogramm wiederbelebt hatte. Produziert wurde fortan während der spielfreien Zeit im zum Studio umgebauten Foyer des Augsburger Theaters. 2000/2001 folgte nach sechsjähriger Pause die letzte Zusammenarbeit mit den Hessen bei der 13-teiligen Serie „Lilalu im Schepperland“ (zweite Staffel: „Hokuspokis um Llilalu“). 2005/2006 ging in 138 Folgen in jeweils 15-minütigen Filmbeiträgen der Schlaubär „Ralphi“ für den Wissenskanal BR-alpha (seit 2014 ARD alpha) auf Entdeckungstour.

„Bill Bo und seine Kumpane (2/4) - Der Angriff“: Die Kumpane sitzen im Wirtshaus „Zum friedlichen Esel“ herum und schlagen nach Räuberart alles zusammen, weil sie nicht sofort bedient werden.
„Bill Bo und seine Bande“: Die Kumpane sitzen im Wirtshaus „Zum friedlichen Esel“ herum und schlagen nach Räuberart alles zusammen, weil sie nicht sofort bedient werden. © ZDF/HR, Christine Meile-Karl

Der nun zwischen den Jahren ausgestrahlte 3sat-Thementag beginnt um 14.35 Uhr mit einem zuletzt im Juni 2001 ausgestrahlten, jeweils halbstündigen Vierteiler: „3:0 für die Bärte“ aus dem Jahr 1971 beruht zum Großteil auf dem ersten Band einer dreiteiligen Kinderroman-Reihe des Schweizer Jugendschriftstellers Heiner Gross (1923 - 1993). Er erzählt in geradezu visionärer Weise die bereits 1959 niedergeschriebene Geschichte von den Kindern Hans (Christel Peschke) und Bärbel (Gerlind Ohst) und ihrem Abenteuer im Wunderland. In dessen Hauptstadt Tansibor werden die beiden von den haarigen Bewohnern des Landes - die Frauen tragen bodenlanges Kopfhaar, die Männer knielange Bärte - zu Königin und General ernannt. Sie sollen ihnen dabei helfen, wieder einen Zugang zu den Menschenkindern zu finden, die nicht mehr träumen und sich nicht mehr für Märchen interessieren. Und dann muss noch dem bösen Zauberer Sabor (Walter Schellemann) und dessen Armee aus Robotern die Stirn geboten werden! Letztere erinnert mit ihren staksigen Bewegungen, die eine perfekte Parodie auf den im Wortsinn hölzernen Gang von Marionetten ist, etwas an die legendäre Blechbüchsen-Armee aus „Gut gebrüllt, Löwe“ (1967) und „Don Blech und der goldene Junker“ (1973). Deren Lied „Zwei, drei, vier marschieren wir“ wird von Kriegsdienstverweigerern und Pazifisten bekanntlich als Militarismus-Satire aufgefasst.

Augsburger Puppenkiste im Fernsehen

Weiter geht es ab 16.40 Uhr mit „Bill Bo und seine Bande“ (1968, Wiederholung ab 1.55 Uhr). Erdacht wurde die in die Zeit des 30-jährigen Krieges spielende Geschichte vom Kinderbuchautor und Filmproduzenten Josef Göhlen, der 1964 bereits für den HR und die Augsburger Puppenkiste bei „Kater Mikesch“ als Producer und von 1973 bis 1975 für die Konkurrenz beim ZDF tätig war. Als dortiger Leiter des Kinder- und Jugendprogramms initiierte er Erfolge wie die Anime-Serie „Biene Maja“ (1975-1980) und den Weihnachts-Mehrteiler „Timm Thaler“ (1979), betreute aber auch Fernsehserien für Erwachsene wie „Hotel Paradies“ (1990) und „Unser Lehrer Dr. Specht“ (1993). Im Mittelpunkt des Vierteilers stehen der titelgebende, bei Aufregung herrlich fluchende Räuberhauptmann Bill Bo (Sepp Strubel) mit seinen vier Kumpanen: Der Sachse Kill Waas (Walter Oehmichen), der Bayer Gselcher (Walter Schellemann), der Schwabe Roter Hein (Herbert Meyer) und der Ungar (Hans-Joachim Marschall) nehmen eine Grenzen überschreitende, multikulturelle Gesellschaft vorweg, die allerdings auch negative, ja verbrecherische Auswüchse hat. Die mit allen Wassern gewaschenen, in ihrer jeweiligen Mundart sprechenden Haudegen wollen die auf einer Insel im Rhein gelegene Burg Dingelstein erobern. Doch deren Bewohner, allen voran die Grafentochter Ding-Ding (Gerlind Ohst), und ihre Freunde, die sprechenden Tiere Willi (Eichhörchen: Max Bößl) und Wally (Reiher: Herbert Meyer) wollen den heimtückischen Plan durchkreuzen.

„Kleiner König Kalle Wirsch (4/4) - Der Zweikampf“: Der Drache Murrumesch, der Erzfeind der Erdmännchen, droht Kalle Wirsch mit dem Strahlentod, wenn dieser versuche, sein Revier zu betreten. Mit Jennys Spiegel lenkt Kalle jedoch die Strahlen auf den Drachen zurück, und dieser verbrennt.
Der Drache Murrumesch, der Erzfeind der Erdmännchen, droht Kalle Wirsch mit dem Strahlentod, wenn dieser versuche, sein Revier zu betreten. Mit Jennys Spiegel lenkt Kalle jedoch die Strahlen auf den Drachen zurück, und dieser verbrennt. © ZDF/HR, Christine Meile-Karl

Ab 18.20 Uhr steht „Kleiner König Kalle Wirsch“ (1970) auf dem Programm. Der von Herbert Meyer (1908 - 1995) gesprochene Erdmännchen-Monarch ist der Erzählung der in Frankfurt am Main geborenen Autorin Tilde Michels (1920 - 2012) entsprungen. Tief unter der Erde herrscht er über die Völker der Wirsche, Wolde, Gilche, Trumpe und Murke. Ober-Trump Zoppo (garstig knirschend von Sepp Wäsche intoniert) will ihm den Thron streitig machen. Es sieht finster aus für Kalle, bis er Hilfe von den Menschenkindern Jenny (Gerlind Ohst) und Max (Christel Peschke) erhält. Die beiden werden kurzerhand mit einer Wurzel namens Raxel auf Erdmännchen-Größe geschrumpft und begleiten ihn in die Tiefe. Die von Manfred Jenning inszenierte Verfilmung ist eines der Meisterstücke der Augsburger Puppenkiste. Die Antagonisten sind die bösartigsten des gesamten Marionetten-Universums: Neben dem großmäuligen Zoppo Trump, der mit seiner Sturmfrisur und den unverschämten Sprüchen wie eine Vorwegnahme seines Namensvetters Donald Trump daherkommt, ist vor allem die als verderbter Ratgeber an Bösartigkeit nicht zu überbietende Ratte (Ulf-Jürgen Wagner) nicht zu überbieten. Zusammen mit den staken, aber ungeschickten Trumpen Quarro (Hans Joachim Marschall) und Querro (Ernst Josef Amann) sowie der fiesen Spinne (Margot Schellemann) stimmen sie den Kult verdächtigen Verschwörungssong an. Eine Kostprobe des Textes gefällig? 

„Wir legen eine Falle. / Das wird das Beste sein,
denn dieser kleine Kalle / fällt ganz bestimmt hinein.
Und ist er drin, dann lassen wir ihn niemals wieder raus.
Der Kalle hockt in der Falle / wie eine arme Maus.“

Auch anno 2022 wirken zwei Szenen immer noch gruselig: Zum einen ist es die mit den einen in den Wahnsinn treibenden Echo-Kugeln, zum anderen jene, in welcher der von Zoppo Trump bestochene blinde Fährmann (Walter Oehmichen) den gerechten, aber gutgläubigen Kalle Wirsch bei der Fahrt zur Erdmännchen-Festung in der Mitte des Sees ertränken will. Seine Figur ist angelehnt an Charon, den Fährmann der Unterwelt in der griechischen Mythologie, und macht einem bewusst, dass die Augsburger Puppenkiste auch immer wieder Stoffe für Erwachsene adaptiert hat - so August Strindbergs „Traumspiel“, Friedrich Dürrenmatts „Der Prozess um des Esels Schatten“ oder Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, welcher am 26. Januar 1951 den endgültigen Durchbruch für das Marionettentheater brachte. Ihr Gründer Walter Oehmichen, der später auch die an sich friedliche Raubkatze in „Der Löwe ist los“ (1965) sprach, trat hier selbst in der Rolle des Fliegers auf. Damit sich junge Zuschauer nicht allzu sehr ängstigen, kommt bei „Kleiner König Kalle Wirsch“ auch der Humor nicht zu kurz. Neben den putzigen, vorwiegend lieben Erdmännchen lässt einen die mit Schweizer Akzent sprechende Fledermaus Tutulla (ebenfalls Margot Schellemann) als Kommentatorin des Geschehens schmunzeln.

„Urmel aus dem Eis“: Kongeniale Bearbeitung von Max Kruses Kinderroman

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Pünktlich zur sogenannten „Prime Time“ um 20.15 Uhr (Wiederholung um 0.00 Uhr) erobert dann „Urmel aus dem Eis“ (1969) die Herzen noch wach gebliebener Kinder, egal welchen Alters: In dem vierteiligen Stück nach dem gleichnamigen Buch von Max Kruse (1921 - 2015) gibt es ein Wiedersehen mit Professor Habakuk Tibatong (Walter Oehmichen), dem Waisenjungen Tim Tintenklecks (Gerlind Ohst) und den sprechenden Tieren Hausschwein Wutz (Herbert Meyer), Waran Wawa (Hans-Joachim Marschall), Pinguin Ping (Margot Schellemann), Schuhschnabel Schusch (Ernst Josef Ammann) und dem singenden See-Elefanten Seelefant (Walter Schellemann). Sie leben alle auf der Südseeinsel Titiwu, an deren Strand eines Tages ein Eisberg auftaucht. In ihm finden die Insulaner ein Ei. Sie brüten es gemeinsam aus - und kurz darauf schlüpft das urzeitartige Urmel (Max Bößl). Wutz übernimmt die Mutterrolle für das Dinosaurier-Baby und hegt und pflegt das süße, tollpatschige Wesen - das aber schon bald in großer Gefahr schwebt. Denn König Pumponell (Sepp Strubel) aus Tibatongs Heimatland Pumpolonien ist ein passionierter Großwildjäger … 

„Urmel aus dem Eis - Die Rettung“: König Pumponell macht mit seinem Diener Sami in der Höhle Jagd auf das Urmel.
König Pumponell macht mit seinem Diener Sami in der Höhle Jagd auf das Urmel. © ZDF/HR, Christine Meile-Karl

Auch wenn Hugh Loftings „Doktor Doolittle und seine Tiere“ (1920) schön grüßen lassen, hat „Urmel aus dem Eis“ seinen eigenen Reiz. Es ist eine geradezu kongeniale Bearbeitung von Max Kruses Kinderroman. Regie führte Harald Schäfer (1931 - 2001), bekannt geworden durch „Die Firma Hesselbach“ (1960 - 1967). Das Drehbuch schrieb Manfred Jenning, der auch als Erzähler fungiert. Max Kruse, Sohn der berühmten Puppenmacherin Käthe Kruse (1883 - 1968) und des Bildhauers Max Kruse (1854 - 1942), war der Lieblingsschriftsteller der Augsburger Puppenkiste: Er lieferte die Vorlagen zu „Der Löwe ist los“ (1965), „Kommt ein Löwe geflogen“ (1966), „Gut gebrüllt, Löwe“ (1967), „Urmel spielt im Schloss“ (1974), „Don Blech und der Goldene Junker (1973) und dem Wildwest-Grusel-Abenteuer „Lord Schmetterhemd“ (1978). Neben Zivilisationskritik und aufrichtiger Empathie für Tiere, die mit alten Klischees aufräumt (so ist das Schwein Wutz äußerst reinlich) ist die „Urmel“-Bearbeitung voll Witz. Bis auf Wutz, die allerdings am Ende eines jeden Satzes „öff, öff“ sagt, haben alle gelehrigen Tiere einen kleinen Sprachfehler: Seelefant, der sogar auf eigenen Wunsch Gesangstunden bekommt, hat Schwierigkeiten mit den „E“- und „I“-Vokalen, die bei ihm wie ein „Ö“ klingen, Schusch spricht das „R“ wie ein „L“ aus, bei Ping ist es ein „Pf“ anstatt einem „Sch“ und Wawa beherrscht das „S“ und das „Z“ nicht, stattdessen spricht er es wie ein „Sch“ bzw. wie ein „Tsch“ aus. Und das Urmel sagt nicht „Kindlein“, sondern „Tindlein“.

Das von dem im Alter von nur 47 Jahren an den Folgen seines Alkoholismus verstorbenen Max Bößl (1925 - 1973) gesungene „Urmel-Lied“ ist neben eine „Insel mit zwei Bergen“ aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1961/62 und 1976/77) sicherlich der bekannteste Song der Augsburger Puppenkiste. Komponiert hat sie fast alle Hermann Amann (1912 - 1991). Die blauen Plastikmüllsäcke und Seifenblasen, die das Meer darstellen, sind genauso unvergesslich wie Herbert Meyers Wutzenruf „Urmel! Urmeliii!“ Merkwürdigerweise hat die Augsburger Puppenkiste mit ihren Sprechern nie ein „Urmel“-Hörspiel aufgenommen, allerdings in den 1960er und 1970er Jahren für das Label Disneyland der Walt Disney Musikverlag GmbH mit fetziger Rockmusik von Peter Grützner unterlegte Comic-Hörspiele (Der falsche Schatz mit Moby Duck“ oder „Phantom - Grenzzwischenfälle“) eingespielt und auch die TV-Serie „Der Kurier der Kaiserin“ mit Gerhard Jentsch anstatt Klausjürgen Wussow als Leutnant Rotteck als Wort-Produktion vertont.

Zwei Jubiläen der Augsburger Puppenkiste

Wenn im Januar und Februar 2023 die beiden Jubiläen der Augsburger Puppenkiste anstehen, wäre es erfreulich, wenn auch seltene Filmschätze des Marionetten-Theaters wieder gehoben werden könnten: Zum Beispiel „Das alte Puppenspiel von Doktor Johannes Faustus“ (1960, natürlich noch in Schwarzweiß gedreht), in das unvermittelt Kasperle gerät. Oder das Science-Fiction-Abenteuer „Fünf auf dem Apfelstern“ (1981), für das Manfred-Jenning-Nachfolger Sepp Strubel nach einer eigenen Story das Drehbuch schrieb. „In der Kindheit und im Traum sind wir alle Dichter“, hat der österreichische Schriftsteller Franz Werfel (1890 - 1945, „Die 40 Tage des Musa Dagh“) einmal geschrieben. Oder auch Puppenspieler, möchte man ergänzen. (Marc Hairapetian)

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