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Dem Filmerzähler Kurt Maetzig zum 100.Geburtstag

Der Augenzeuge

  • Daniel Kothenschulte
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„Sie sehen selbst – Sie hören selbst – urteilen Sie selbst!“: Der Begründer der DDR-Wochenschau „Der Augenzeuge“ wollte „einen geistvollen Gegenentwurf zu den pathetischen und verlogen-kitschigen Wochenschauen der Nazis schaffen“. Nun wird der Filmerzähler Kurt Maetzig, einst erster Mann der Defa, hundert Jahre alt

Chance und Schatten des deutschen Nachkriegskinos fielen zusammen, als Hamburg 1948 die westdeutsche Premiere von Kurt Maetzigs Drama „Ehe im Schatten“ erlebte. Der Defa-Regisseur hatte sein deutsches Drama als tieftraurige Liebesgeschichte erzählt: Als man einen erfolgreichen Regisseur im Dritten Reich dazu zwingen will, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, führt er sie am Ende eines glücklich verlebten Tages in ein Restaurant: Gemeinsam verzehren sie das Essen, das er den Koch zuvor vergiften ließ. Als das Hamburger Publikum allerdings im Saal einen tatsächlichen Regiestar der NS-Zeit entdeckt, kommt es zum Tumult: Nach der Wochenschau werden „Jud Süss“-Regisseur Veit Harlan und seine Frau Kristina Söderbaum des Saales verwiesen.

Eine öffentliche Debatte um die Verstrickung des Künstlers beginnt, die Harlans Comeback indes nicht aufhalten kann. Kurt Maetzigs Melodram wurde ein immenser Erfolg: Zehn Millionen Zuschauer sahen den Film. Maetzig wusste, wovon er erzählte: Als Sohn einer jüdischen Mutter war der erfolgreiche Trickfilmer 1937 mit Arbeitsverbot belegt worden. Die Mutter beging Selbstmord, er ging in den Widerstand: 1944 wurde Kurt Maetzig Mitglied der im Untergrund operierenden KPD. Nur zwei Jahre später hatte er seinen Platz im Wiederaufbau der Filmindustrie gefunden: Als Begründer der späteren DDR-Wochenschau „Der Augenzeuge“ wollte er, wie er später erklärte, „einen geistvollen Gegenentwurf zu den pathetischen und verlogen-kitschigen Wochenschauen der Nazis schaffen“. Auch das berühmte Motto der bald obligatorischen Nachrichten- und Propagandafilme war von ihm: „Sie sehen selbst – Sie hören selbst – urteilen Sie selbst!“

Unterschiedlichste Genres

Zwischen 1953 und 1954 realisierte Maetzig in enger Zusammenarbeit mit der Staatsführung einen der größten Defa-Propagandafilme: „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ und „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“ gehören zu den prägenden Kinoerinnerungen der meisten DDR-Bürger. Maetzig drehte bald Filme in den unterschiedlichsten Genres: Unvergessen ist die nachdenkliche Stanislaw-Lem-Verfilmung „Der schweigende Stern“, der erste Science-Fiction-Film der DDR. Doch auch seine herausragende Stellung in der offiziellen Filmkultur schützte Maetzig nicht davor, dass eines seiner Werke verboten wurde: Als er sich 1965 in „Das Kaninchen bin ich“ kritisch mit dem DDR-Alltag auseinandersetzte, wurde der Film beschlagnahmt. Wieder ist es eine Liebesgeschichte, die das Unrecht eines Regimes beim Namen nennt: Eine Kellnerin verliebt sich unwissentlich in den Richter, der ihren Bruder wegen „staatsfeindlicher Hetze“ ins Zuchthaus schickte. Wie stets argumentierte Maetzig mit dem Herzen. Heute feiert er seinen 100. Geburtstag.

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