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Film

Die Augen der Sprache

Und die Bilder der Literatur: Im Berliner Babylon ging die Zebra-Poetry-Film-Biennale in die sechste Runde.

Von Astrid Kaminski

Am Großstadtsaum, den ausgefransten Rand der Außenbezirksbauten im Rücken, Aussicht auf Palmen und Jogger. Er sitzt neben ihm auf einer Bank: „Das Meer der Liebe/mal wieder“. Aber irgendwas ist schiefgelaufen. Beide sind sauer und liefern sich einen Wettstreit: Wer gewinnt die Schmollrunde? Natürlich der muskulöse Fernfahrertyp, der mehr Körperspannung, mehr Aggression, mehr Schmollmund und im weichen Kern mehr Zuwendungsbedarf ausstrahlt. Also bekommt er eine vorsichtig angedeutete Streicheleinheit. Friede? Natürlich nicht. Der Fernfahrertyp ist für heute untröstlich, springt auf, geht aus dem Bild. Der Tröster, ebenso untröstlich, bleibt zurück. Verkriecht sich zwischen Ohrstöpseln mit schwarz-weißer, wenn nicht farbloser Aussicht auf Jogger und Palmen.

Diese israelische Alltagsszene mit Wiedererkennungswert ist bis auf eineinhalb kitschige Verszeilen in etwa der Inhalt eines Kurzfilms von Mysh Rozanov, der am diesjährigen Wettbewerb um den Zebra-Preis für den besten Poesiefilm teilnahm. Die Literaturwerkstatt Berlin hat die dazugehörige Biennale nun zum sechsten Mal veranstaltet und aus 870 Einsendungen 30 Filme für den weltweit einmaligen Wettbewerb ausgewählt.

„Das ist kein Text. Das ist eine Beobachtung. Die Sprache hat dem Mädchen ihre Augen geliehen.“ Mit diesen Textzeilen aus Sophie Reyers Film „Stutzflügel“ ist das uneinlösbare Ideal des textbezogenen Poesiefilms auf den Punkt gebracht. Denn, so der Autor und Filmemacher Michael Roes, die Stärke eines guten Gedichts bestehe unter anderem aus der Varietät der möglichen Bilder, während der Film Bilder notwendig definieren müsse und somit der Gefahr ausgesetzt sei, ein Gedicht zu reduzieren. Roes übernahm die selbstgewählte Rolle des Advocatus Diaboli in einem Symposium des Rahmenprogramms – das neben der englisch-deutschen auch mit einer Simultanübersetzung in Gebärdensprache ausgestattet war. Hinter der dort verhandelten Ebene des Diskurses, die im Bezug auf andere Künste selbst noch relativ in den Kinderschuhen steckt, stehen viele Poesiefilmproduktionen des Festivals jedoch zurück.

Professionalisierung des Genres

Dabei entfaltet das Semi-Amateurhafte vieler (No-oder-Low-Budget-)Filme aber auch einen handwerklichen Charme und ermöglicht große Publikumsnähe. Das ergab im Gesamten eine angenehm heterogene, internationale Atmosphäre, in der man Filmemacher- genauso wie Moderatorenpatzer gerne verzieh, in der geschwitzt und geschmatzt und in den wenigen Pausen beherzt über Beiträge gesprochen wurde. Daher soll der Preis der Publikumsjury, der in diesem Jahr an die „Balada Catalana“ ging, hier an erster Stelle stehen. Diese Animation über die Mutterliebe von Vincente Balaguet macht von der Möglichkeit, die Sprache am Bild zu brechen, kunstvoll Gebrauch und lacht dem Zuschauer mit kinderbuchbunten Zeichnungen voller Leben und einem skurrilen finalen Humor entgegen. Filmisch waren gerade die computeranimierten Poesiefilme auf hohem Niveau.

Entscheiden konnten den Wettbewerb Martin Wallner und Stefan Leuchtenberg mit dem professionellsten Beitrag „Lost and Found Box of Human Sensation“, einer scharfkantigen Draufsicht auf Krebstod und die Trauerarbeit des Hinterbliebenen. Dieser grenzgängerische Poesiefilm kann sicher als Stoßrichtung der Literaturwerkstatt-Jury zur Professionalisierung des Genres verstanden werden.

Wie die Hightech-Mittel ins Verhältnis zur tastenden Unschärfe oder zum scharfsinnigen Tasten des Gedichts gesetzt werden können, bleibt dabei eine Herausforderung. Die alt bewährte Super-8-Kamera hat es da trotz des Hangs zum Nostalgisieren leichter. Hervorragende Beiträge in Super-8-Ästhetik kamen vom türkischen Regisseur Alper Yilmaz und vom Autorenteam Carolyn Marie Souaid und Endre Farkas, deren Film „Blood is Blood“ mit dem Toleranzpreis des Festivals ausgezeichnet wurde.

Beide Beiträge zeigen zudem überzeugend die Poesiefilm-Eignung des politischen Gedichts, indem historische Zusammenhänge durch das Bild ergänzt werden können und somit Texten, die sich ohne Kontexte kaum erschließen würden, einen unmittelbaren Zugang verschaffen. Hier zeigt sich der Poesiefilm als gut in die mediale Gegenwart einzupassender, ansprechend phrasierter Kommentar zu einer nach Aufklärung verlangenden, sich über sich selbst wundernden Welt.

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