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Hielt Kommunisten für Menschen zweiter Klasse: Senator Joseph McCarthy (hier bei einer Pressekonferenz 1953).

 „Der wirkliche Amerikaner“ (arte)

Aufstieg und Fall eines Hexenjägers

Der republikanische Senator Joseph McCarthy verkörpert wie kein anderer jene Zeit, als der Kalte Krieg besonders kalt war. Mit seinem Dokudrama ist Grimme-Preisträger Lutz Hachmeister ein fesselnder Film über die amerikanische McCarthy-Ära gelungen.

Von Tilmann P. Gangloff

„The Real American“ hieß Lutz Hachmeisters Dokudrama über Joseph McCarthy ursprünglich. „Der wirkliche Amerikaner“ ist natürlich korrekt übersetzt, aber „Der wahre Amerikaner“ hätte es besser getroffen, denn genauso sehen sie sich im mittleren Westen und im Süden der USA: als das wahre Amerika, zumindest im Gegensatz zu Kalifornien und vor allem zu den linksliberalen und jüdisch geprägten intellektuellen Hochburgen an der Ostküste. Dort witterte der berüchtigte Kommunistenjäger McCarthy seine Feinde, hier sah er die Zentren für die Unterwanderung Amerikas durch die Handlanger Moskaus, die für ihn „Menschen zweiter Klasse“ waren.

Selbstredend lebte Hachmeisters Film nicht zuletzt von diesem Kontrast, der sich in den letzten Jahren im großen Erfolg der reaktionären „Tea-Party“-Bewegung wiederholt hat. Beleg für den Stellenwert des Themas war die Phalanx prominenten Gesprächspartner, darunter immerhin Henry Kissinger und Watergate-Enthüller Carl Bernstein. Der Wahrheitsfindung dienten allerdings vor allem die Menschen aus McCarthys direktem Umfeld, von denen sich einige erstmals überhaupt vor der Kamera äußern.

Trotzdem muss so ein Film natürlich noch mehr zu bieten haben, schließlich ist die so genannte Hexenjagd des republikanischen Senators lange her. So spannend dieses Kapitel aus einer Zeit, als der Kalte Krieg besonders kalt war, unter historischen Gesichtspunkten auch ist: Reizvoller aus heutiger Sicht war die Rolle des Fernsehens. Das junge Medium erlebte in den Fünfzigerjahren seinen ersten großen Aufschwung, und McCarthy wusste dies weidlich zu nutzen. Nicht minder interessant war die menschliche Seite des Politikers. Hachmeisters Film charakterisierte den Senator aus Wisconsin auch anhand der vielen Interviews dieses karrieristischen Populisten, der mit seiner paranoid anmutenden Kampagne gegen Kommunisten sein großes Thema gefunden hatte.

Gerade auf dieser Ebene erwies es sich als schlüssig, dass Hachmeister seinen Film im Gegensatz zu früheren Arbeiten erstmals auch um Spielszenen ergänzte. Der einstige Direktor des Grimme-Instituts hat schon einige große und preisgekrönte Dokumentarfilme gedreht; „Schleyer“ ist mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden, der FDJ-Film „Freundschaft“ mit dem Deutschen Fernsehpreis. Bei „Der wirkliche Amerikaner“ ist ihm das Kunststück gelungen, den Spielszenen dank Ausstattung, Kostüm und Bildgestaltung einen amerikanischen Look zu geben, McCarthys Werdegang aber dennoch aus europäischem Blickwinkel zu rekonstruieren.

Die Momente zwischen McCarthy und seinen engsten Vertrauten, erst recht aber die Kumpanei mit ausgesuchten Journalisten waren ausgesprochen sinnvolle Ergänzungen zu den zeitgenössischen TV-Ausschnitten von Ausschusssitzungen und anderen öffentlichen Auftritten. Auch in dieser Hinsicht war der Film aktuell. Hachmeister ist als Gründer und Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik ein genauer Beobachter der Berliner Republik; Presse und Fernsehen spielen heutzutage ja eine ganz andere Rolle als seinerzeit im überschaubaren Bonn. Der vom Fernsehen begleitete rasante Aufstieg McCarthys und sein noch abrupterer Absturz erinnerten an jüngste Karrieren deutscher Politiker, die mit einer großen Boulevardzeitung im Aufzug nach oben und ebenso flott wieder nach unten gefahren sind.

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