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Aufklärung als Erste Hilfe

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Von: Daland Segler

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Maybrit Illner.
Maybrit Illner. © dpa

Bei Maybrit Illner ging es um das Thema Sterbehilfe, und es wurde eine dem Thema angemessene ernsthafte Diskussion, auch weil die Mehrzahl der Gäste auf plakative Beiträge verzichtete

Es gibt in diesem Land jedes Jahr mehr als 10 000 Menschen, die sich das Leben nehmen, und die Zahl derer, die das versuchen, soll noch zehnmal höher sein. Ein Teil von ihnen geht diesen Schritt, um das Leiden an einer unheilbaren Krankheit zu beenden; jüngster, prominenter Fall war jüngst der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der sich erschoss, als er den Tumor in seinem Kopf nicht mehr ertrug und sein vom Krebs gezeichnetes Leben als „unwürdig“ empfand.

Maybrit Illner nahm die Erarbeitung einer Gesetzesvorlage zum Thema zum Anlass, über Sterbehilfe zu diskutieren, und es wurde trotz des wie üblich dümmlich-reißerischen Mottos („Tod auf Rezept – Wird Sterbehilfe erlaubt?“) eine angemessen ernsthafte und überdurchschnittlich gute Sendung – auch weil die Mehrzahl der Gäste auf plakative Beiträge verzichtete.

Ein großer Teil der Selbsttötungen könnte wohl verhindert werden, wenn es nur genügend Aufklärung über Hilfsangebote gäbe. Der Hinweis darauf war schon ein Verdienst der Runde; so konnte der Internist Michael de Ridder ein Beispiel für Menschen nennen, die den Weg zum Tod als Sackgasse sehen: In einem Gespräch in der „Zeit“ hatten der noch amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, und seine Frau Anne über Sterbehilfe für die Erkrankte gesprochen – aber laut de Ridder nichts von den Möglichkeiten Palliativ-Medizin erwähnt, die unheilbar Erkrankten hilft, Schmerzen und physische wie psychische Folgen zu lindern. „Viele leiden, weil sie nicht wissen, was es an Palliativ-Medizin gibt“, stimmte ihm Frank Ulrich Montgomery zu, Präsident der Bundesärztekammer und ein strikter Gegner der Sterbehilfe, weil er den Mediziner nicht als „Techniker des Todes“ sehen will. Bei vielen Menschen schwinde der Todeswunsch, wenn sie von den guten Hilfsangeboten durch Mediziner erführen.

Sterbehilfe als Geschäft?

Laut Umfragen befürwortet eine Mehrheit der Deutschen die Möglichkeit der Sterbehilfe; erlaubt ist sie bislang nicht, sondern nur die Hilfe zur Selbsttötung – eine ohnehin fragwürdige Unterscheidung. De Ridder definierte als notwendige Bedingung die „eigene Tatherrschaft“ der Betroffenen. Das könnte eine wichtige Formulierung in einem neuen Gesetz zur Sterbehilfe sein, an dem auch der CDU-Abgeordnete Peter Hintze derzeit arbeitet. Hintze, von der nicht so gut wie üblich disponierten Maybrit Illner erstmal als „Herr Pastor“ angesprochen, vermied erfreulicherweise theologische Argumentation, konnte aber darauf hinweisen, dass auch die Katholische Kirche die Palliativ-Medizin nun akzeptiere. Und er sprach sich, anders als seine Parteispitze, für eine bestimmte Form der Sterbehilfe aus: Wenn die Palliativmedizin auch nicht mehr helfen könne, sollten Ärzte dem Patienten das Sterben ermöglichen.

Das Recht auf einen selbstbestimmten Tod verlangt der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter, seit fast 50 Jahren an einen Rollstuhl gefesselt, wie er dieses Recht praktisch verwirklichen will, sagte Reiter nicht. Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, wiederum befürchtet, dass bei einer Lockerung des Gesetzes der Tod zum Geschäft werden könnte. Sie warnt davor, dass es eine Einteilung in lebenswertes und nicht lebenswertes Leben geben könnte. Die Gefahr einer „Ökonomisierung des Sterbens“ (Illner) sieht de Ridder nicht: „Wieso sollte es das geben?“ Nun, weil es offenbar schon einige gibt, die auch Kapital aus dem Umgang mit Sterbenden schlagen wollen – wenn auch mittelbar. Illner hatte Peter Puppe eingeladen, einen Sterbehelfer, der mit seinen Schutzbefohlenen in die Schweiz reist, um sie dort auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Puppe fiel hier durch unangenehme Selbstgefälligkeit aus dem Rahmen der Gäste, indem er erst Montgomery vorwarf, der kenne die Menschen nicht, und später Reklame für sein bald erscheinendes Buch machte.

Maybrit Illner, die diesmal erkennbar schlechter informiert war als sonst, verstieg sich irgendwann zu der Frage, ob es auch ein Verbot der Sterbehilfe geben solle, wenn es eine perfekte palliative Versorgung gebe – als ob es irgendetwas „perfektes“ auf diesem Planeten gäbe. Obwohl de Ridder, Gründer eines Sterbe-Hospizes, und Montgomery in typischer Funktionärs-Manier sich immer wieder ins Wort fielen, boten sie dennoch die wichtigen Redebeiträge und waren sich letztlich einig, dass die „palliative Sedierung“ von Patienten ein Weg sei, ihnen das Sterben zu erleichtern. Es ist unsere Verpflichtung, das Leiden abzuschaffen und nicht den Leidenden“, formulierte Montgomery.

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