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"Dieser Typ war als Demokrat registriert": Der Umgangston hat sich verschärft.

"Fahrenheit 11/9"

Der aufhaltsame Aufstieg des Donald Trump

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In gewohntem Agitprop-Stil zeichnet Dokumentarfilmer Michael Moore in "Fahrenheit 11/9" die Vorgeschichte der Trump-Wahl nach.

Als sich Karl Marx 1852 in einer Schrift mit der Diktatur des französischen Staatspräsidenten Louis Napoleon auseinandersetzte, beklagte er nicht einfach wie so viele Intellektuelle den Status quo. Er analysierte, wie es dazu kommen konnte, und erklärte die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dessen Staatsstreich erst möglich gemacht hatten.

Auch wenn Michael Moore in seinem neuen Film Karl Marx nicht erwähnt, versucht er doch mit den ihm eigenen Mitteln Ähnliches. Wer heute über Donald Trump liest, mag oft den Eindruck bekommen, er sei vom Himmel gefallen. Manche Kommentatoren, die seinen Wahlsieg bis zur letzten Sekunde ausschlossen, halten ihn noch immer für einen bösen Spuk von begrenzter Dauer. Moore analysiert dagegen in „Fahrenheit 11/9“ seinen durchaus aufhaltsamen Aufstieg. Nicht ohne die ihm eigene Eitelkeit belegt er in diesem abermals rasant geschnittenen Montagefilm, dass er zu den wenigen gehörte, die das schon damals anders sahen. Noch am Wahlabend zitieren ihn mehrere News Shows als einen der wenigen Propheten, die richtig lagen. Und das ist wahrlich kein Grund zur Freude.

Schon während des scheinbar aussichtslosen Wahlkampfes konnten sich Trumps Helfer an Moores Warnungen laben, sonst hätten sie sich vollends auf verlorenem Posten gefühlt. Steve Bannon, Trumps geschasster „Propagandaminister“, ist sogar ein bekennender Moore-Fan. Und Moore selbst ist Narziss genug, sich für den Erfolg seiner unheiligen Fans ein wenig verantwortlich zu fühlen. Hätte er Trump in den 90er Jahren bei einem gemeinsamen Talk-Show-Auftritt doch nicht so geschont, bezichtigt er sich. Doch bei allem Respekt, Moore mag ein einflussreicher Mann sein, doch Trump hätte gewiss auch ohne ihn diese Wahl gewonnen.

Michael Moore liefert empörende Beweise

Geschickt habe er bei seiner Kampagne, so Moore etwas unspezifisch, einige linke Positionen besetzt, die von den Demokraten aufgegeben worden waren. Deren Abdriften in eine indifferente liberale Mitte erwies sich tatsächlich als fatal. Moore liefert empörende Beweise für Manipulationen bei den innerparteilichen Vorwahlen, bei denen der populärere Bernie Sanders von der eigenen Partei ausgebootet wurde. Michael Moore hält sich nicht damit auf, die bekannten Interventionen russischer Hacker für Trumps Triumph anzuführen. Er weist nach, dass die demokratische Parteiführung linke Unterstützer verprellte, die dann überhaupt nicht mehr zur Wahl gingen.

Wie in vielen seiner früheren Filme führt die dokumentarische Reise zurück in Moores Heimatort Flint im Bundesstaat Michigan. Es ist eine der ärmsten Städte der USA mit mehrheitlich afroamerikanischen Bürgern, die von Michigans republikanischem Gouverneur Rick Snyder 2014 in eine kaum fassbare Trinkwasserkrise geführt wurde. Eine funktionierende öffentliche Rohrleitung zu einem sauberen Trinkwasser-Reservoir des an Seen reichen Staates wurde geschlossen, um eine privat bewirtschaftete Leitung zu bauen. In der Zwischenzeit versorgte man die Stadt mit verseuchtem Flusswasser. Der Bleigehalt im Blut der Kinder erhöhte sich dramatisch, etliche ältere Bürger starben an der Legionärskrankheit.

Obama hilft den Republikanern

Und inmitten dieser von der öffentlichen Hand verursachten Krise eilte ausgerechnet Präsident Obama dem Republikaner zu Hilfe: Gleich zweimal ließ er sich bei öffentlichen Anlässen publikumswirksam ein Leitungswasser reichen, um daran zu nippen, als sei es eine Delikatesse. Um zu zeigen, dass elementare Bürgerinteressen auch von den Demokraten ignoriert wurden, wenn Wirtschaftsinteressen dagegen standen, schlachtet Moore heilige Kühe.

Er mag Pessimist genug gewesen sein, Trumps Aufstieg vorhergesehen zu haben, für einen erfolgreichen Essayfilm braucht es aber natürlich auch Helden. Hier sind es zum Beispiel die Schülerscharen, die 2018 nach einem High-School-Massaker selbstorganisiert nach Washington zogen. Die besten politischen Reden in diesem Film stammen von Minderjährigen ohne Wahlberechtigung.

Allerdings haben Moore und Trump auch gemeinsame Gegner. So fatal es sei, dass Trump das Vertrauen in die Medien untergrabe, so leichtfertig hätten diese ihn auch hochgeschrieben: Auf die Frage, ob der noch unbedeutende Populist kurz nach Antritt seiner Kandidatur wirklich Nachrichtenwert habe oder lediglich kommerziellen Wert für die Zeitung, wusste ein Verantwortlicher von CNN in einer öffentlichen Diskussion keine Antwort.

Im Furioso, auf das jeder Moore-Film zusteuert, vergleicht er Trumps Aufstieg mit dem von Adolf Hitler. Trumps Brandreden gegen Minderheiten werden mit dem Reichstagsbrand parallelisiert. Kassandra persönlich könnte den Pessimismus nicht weiter treiben als Moore, der eine Hitlerrede mit Trump-Worten synchronisiert, fraglos kein geschmackvoller Regieeinfall. Und doch: Agitprop hat nun einmal eine plakative Ästhetik.

Amerikanische Propagandafilme aus den vierziger Jahren über das Wesen des Faschismus scheinen Trumps Öffentlichkeitsarbeit zwischen Einschüchterung und Verleumdung genau zu treffen. Eine emotionale Schmerzgrenze allerdings ist überschritten, wenn Moore die Aufnahme eines Wehrmachtssoldaten, der ein Kind von seiner Mutter trennt, mit einen Originalton aus jüngster Zeit unterlegt: Ein kleines Kind wird da offenbar gerade von seinen der illegalen Einwanderung beschuldigten Eltern getrennt.

Die klarsten Worte findet im Film Ben Ferenez, der 99-jährige letzte überlebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse. „Wir begehen gerade Verbrechen gegen die Menschlichkeit, damit kenne ich mich aus. Entweder wir finden einen Weg heraus oder unsere Demokratie wird untergehen.“ Man hätte auch Karl Marx zitieren können aus seiner Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

Fahrenheit 11/9. Dokumentarfilm. Regie: Michael Moore. 128 Min.

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