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Die historische Krankenhausserie taucht ein in das Berlin Ende des 19. Jahrhunderts.

"Charité", ARD

Aufgeklappte Leiber im Anatomie-Unterricht

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In der neuen Kranken-Serie "Charité" inszeniert Sönke Wortmann eine unerwartet facettenreiche Welt. Mehr Vielfalt kann eine Serie kaum bieten.

Gerade deutsche Krankenhaus-Serien verschonen das Publikum normalerweise und lassen zum Beispiel im Operationssaal die Kamera konsequent auf den Gesichtern des hochkompetenten medizinischen Personals. Eine Schweißperle auf der Stirn des Chirurgen oder der Chirurgin und vielsagende Blicke unter Kollegen müssen genügen, um zu begreifen, dass dort unten, wo das Skalpell benötigt wird, etwas verquer geht.

In der neuen ARD-Serie „Charité“ hingegen bleibt die Kamera bei dem aufzuschneidenden Bauch stehen, aus dem der Arzt alsbald einen Zipfel zieht, bei dem es sich offenbar um einen Blinddarm handelt. Man sieht einen Luftröhrenschnitt und das Gepule in der Mädchenkehle (kein Genie von Medizinstudent musste es richten), ferner weitestgehend aufgeklappte Leiber im Anatomie-Unterricht.

Unter vollbärtigen Männern

Krimis bieten auf diesem Gebiet Erschreckenderes, aber Regisseur Sönke Wortmann und die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön („Der letzte schöne Tag“) und Sabine Thor-Wiedemann (selbst Ärztin und Medizinjournalistin) scheinen auch etwas ganz anderes damit zu bezwecken.

Der Kamerablick, der sich nicht immer gleich abwendet, wirkt wie ein Pendant zum Blick der Figuren und der Filmemacher: Das Interesse am Gegenstand ist ernsthaft, auch wenn man ihn nicht in den letzten Tiefen (und Blutigkeiten) auslotet. Nicht alle Ärzte sind hier große Chirurgen, nicht alle Schwestern, „Wärterinnen“ genannt, können über den Schatten ihrer anerzogenen Verlegenheiten springen. Aber die Aufbruchstimmung ist greifbar.

„Charité“ ist ein Sechsteiler, der mit einer anderthalbstündigen Doppelfolge startet und ins Berlin der späten 1880er Jahre führt, zuerst ins Dreikaiserjahr 1888. Dem Kaiserreich geht es gut, die Fortschrittlichen sind nicht glücklich darüber, dass Friedrich III. nach 99 Tagen im Amt stirbt und der schneidige erzkonservative Wilhelm II. den Thron besteigt. Aber auch er prahlt gerne mit den gegenwärtigen Großtaten deutscher Mediziner. In zum Teil großartigen, jedenfalls vielsagenden Szenen streift „Charité“ die Politik und die Zeitläufte.

Der Verfall des krebskranken Friedrich spiegelt sich im entsetzten Gesicht Ernst Stötzners als Rudolf von Virchow. Dem erfolgreichen Forscher Paul Ehrlich, Christoph Bach, begegnet der Antisemitismus in schändlichster Form, aber er selbst ist am verblüfftesten darüber. Besoffen vor Stolz und vom Sekt treten die Ärzte als Gastgeber beim X. Medizin-Kongress ein Jahr später auf und lassen sich gerne vom jungen Kaiser feiern.

Wortmann erlaubt ihnen und sich eine Minute Pathos. Dass derweil ein Ungeborenes stirbt, weil der letzte in der Klinik verbliebene Chirurg, Emil Behring, erst eine Portion Opium braucht, und dann ist es zu spät, relativiert den Triumph. 

Matthias Koeberlin macht aus der Rolle des komplizierten, nicht sympathischen späteren ersten Medizinnobelpreisträgers eine hervorragende Charakterstudie. Ihm zur Seite steht selbstverständlich die zentrale Frauenfigur der Serie, die sich als Hilfswärterin verdingen muss, obwohl sie selbst gerne Ärztin werden würde. Das kommt nicht in Frage. Dabei ist die Frau richtig fähig, was so oft wiederholt wird, als hätten wir ein enorm schlechtes Kurzzeitgedächtnis.

Alicia von Rittberg gestaltet auch diese Partie aber wohltuend unsüßlich. Noch in den Pflichtpartien vermeidet „Charité“ zu arge Stereotype. Wortmann geht zudem nicht darüber hinweg, dass wir es mit einer reinen vollbärtigen Männerwelt zu tun haben, die sich noch viele Jahrzehnte lang vor Konkurrenz zu schützen wissen wird. Die ständige Gruppenanrede „Meine Herren“ erinnert daran.

Neben ein bisschen Schmonzes – der zum Teil durchaus belegt ist, Robert Koch, Justus von Dohnányi, etwa heiratete in zweiter Ehe eine sehr junge „Bühnendame“ – interessiert sich „Charité“ für die Forscher und für die Chirurgen, die Antagonismen zwischen beiden Gruppen, die Antagonismen auch zwischen Frömmigkeit und Fortschrittsgeist, den Kontrast auch zwischen ärztlichem Hochmut und des realen Elends im bitterarmen Teil von Berlin. Mehr Vielfalt kann eine Serie kaum bieten, die die Liebe und das private Unheil nicht ganz außer Acht lassen will.
 

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